Hanna und ich

von Andrea Winkler

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Verlag: Droschl, M
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Erzählende Literatur
Umfang: 136 Seiten
Erscheinungsdatum: 03.02.2008

Rezension aus FALTER 11/2008

Am Rande des Schweigens

Von Heimito von Doderer stammt das Diktum, dass ein Text umso mehr ein Werk der Erzählkunst sei, je weniger man durch eine Inhaltsangabe eine Vorstellung von ihm zu geben vermag. Auf die großen Romane Doderers trifft dies insofern zu, als sie jeglichen Versuch inhaltlicher Zusammenfassung durch ihren Handlungs- und Figurenreichtum sowie ihren sprachlichen Wildwuchs unterlaufen.
Auf gänzlich andere Weise, aber um nichts weniger sperrig verhalten sich einem solchen Unterfangen gegenüber die Texte der 1972 im oberösterreichischen Freistadt geborenen Autorin Andrea Winkler. Auf Winklers Debüt von 2006, dem Erzählband "Arme Närrchen", folgt nun "Hanna und ich", und wie schon für ihren Erstling ist auch für Winklers jüngstes Buch zu befürchten, dass dessen poetische Subtilität von den Blockbustern männlicher Selbstgewissheitsliteratur hinweggefegt werden wird. Was bedauernswert wäre. Denn mit beeindruckender Konsequenz und Mut zur Hermetik schreibt sie sich in die erste Reihe junger heimischer Autorinnen und Autoren. Und doch werden ihre Bücher so wenig wie die von Angelika Reitzer – beide im Vorjahr mit einem Stipendium der Hermann-Lenz-Stiftung ausgezeichnet – oder von Olga Flor die österreichische Literatur in der erwähnten Blockbustermanier prägen, sondern von den Rändern her – als Marginalien im positiven Sinne.
Während Winklers Debüt noch den Gattungstitel "Selbstgespräche" trug und damit das ganze Buch einer autistischen Selbstreflektiertheit unterordnete, verweist das neue mit dem programmatischen Titel auf eine Doppelung, die sich durch das gesamte Buch zieht. Kreiste das Ich in "Arme Närrchen" um sich selbst, so bleibt es in "Hanna und ich" stets auf ein "sie" bezogen, durch das es überhaupt erst existiert. Und doch wird diese Beziehung von Anfang an als problematisch ausgewiesen: "Was mit Hanna geschehen ist und geschieht, hat auch in mein Leben gegriffen, in alle meine Zimmer, meine kleinen Gewohnheiten und Vorlieben"; oder davor: "Erfahren, wer Du bist, schöner hinfälliger Wunsch." Und ganz zu Beginn, im Vorspann gewissermaßen, heißt es: "Die Geschichte: ist im Suchen begriffen. Immerhin!"
Winkler ist eine mit allen literaturtheoretischen Wassern gewaschene Autorin, eine Poeta docta, die sich in ihrer Dissertation mit "poetologischen Denkwegen zu Friederike Mayröcker" beschäftigt hat. Auch in ihrem neuen Buch ist die "Grande Dame" der österreichischen Literatur als Sub- und Intertext präsent, gemeinsam mit Joachim Ringelnatz, Edmond Jabès, Robert Walser, Virginia Woolf und anderen.
Statt eine Geschichte zu erzählen, verhandelt "Hanna und ich" die Voraussetzungen für das Erzählen einer Geschichte. Sicher, wir erfahren einiges über Hanna, über ihr Verstummen und Schweigen, über ihre Panikattacken und Angstzustände, über ihren kleinen Laden und die paar Figuren, die dort regelmäßig auftauchen: Lea, Rio, Herr Emm und ich. Doch sie alle bleiben schematisch. Kaum ein Autor hat die Substanzlosigkeit so sehr Figur werden lassen, wie Winkler dies in ihrem neuen Buch vorexerziert. Was bleibt, ist ein Gestrüpp von Redefiguren, Fragen, Imponderabilien, ein Gewebe aus Reflexionen, aus Eigenem und Fremden. Das ist freilich keine Literatur für jene Leser, deren Erwartungen sich am Fernsehen und am Kino ausrichten, sondern eine für die happy few, denen die Literatur das Andere zu den neuen Medien ist, auch wenn sie deren Verfasstheit kongenial imitiert.

Nicole Streitler-Kastberger in FALTER 11/2008 vom 14.03.2008 (S. 19)


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