Die gefrorene Zeit
Roman

von Anna Kim

€ 18,00
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Verlag: Droschl, M
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Erzählende Literatur
Umfang: 148 Seiten
Erscheinungsdatum: 05.09.2008

Rezension aus FALTER 42/2008

Ein Leben in der Endlosschleife

Der Titel des zweiten Romans der 1977 in Südkorea geborenen und in Wien lebenden Anna Kim bringt eine Erfahrung auf den Punkt, die jeder kennt, der liebt: Die Zeit, die wir vom Geliebten getrennt sind, erscheint uns als fahl und leer, ja sie scheint mitunter überhaupt stillzustehen. Erst in der neuerlichen Begegnung mit dem Geliebten tauchen wir wieder ein in den Fluss der Zeit (und der Erzählung).
Kim überträgt diese existenzielle und fast alltägliche Erfahrung auf eine Extremsituation: Luans Frau Fahrie ist während des Kosovokriegs verschwunden. Seither gilt sie als vermisst. In der Perspektive der Erzählung heißt das: seit sieben Jahren.
"Gegenwart und Zukunft sind aus dir amputiert, Reste sind noch da, Phantom­existenzen, sie beschweren sich, wann immer du, und sei es nur für einen Augenblick, auf den Schmerz vergisst, dein Leben eingefroren in dem Moment, als du Fahries Verschwinden entdecktest, ach nein, es ist nicht dein Leben, das eingefroren ist, sondern deine Zeit, gefrorene Zeit, die nicht zählt, von der du dir wünschst, sie würde endlich vergehen, dabei vergeht sie, da gefroren, unendlich langsam."
Seit dem Verschwinden Fahries bewegt sich Luans Leben in einer "Endlosschleife". Leben heißt für ihn warten. Fahrie, die vermisst ist, wird auch vermisst, und zwar von ihm. Das Vermissen, das jede Liebe kennt, ist Luan jedoch inzwischen zu einer Gewohnheitshaltung geworden, die das eigentliche Gefühl für den geliebten Menschen allmählich ersetzt.

Das Vermissen wird zu einer Art "mutiertem Lieben". Denn es ist schwierig, eine dauernd Abwesende zu lieben. Mit der Abwesenheit zerfällt das Bild der Geliebten immer mehr, zuerst vergisst man das Aussehen, dann die Stimme. Was bleibt, ist ein diffuser Rest von Identität, die höchstens noch als schemenhaft zu bezeichnen ist. Und doch ist das "Vermissen eine Form des Erinnerns".
Dass Ingeborg Bachmanns erster Lyrikband, "Die gestundete Zeit" (1953), im Titel anklingt, wird der Autorin kaum zufällig unterlaufen sein. Die Themen Liebe, Sehnsucht und Identität, um die Kims Buch kreist, gehören zum Stammrepertoire der Klagenfurter Lyrikerin. Auch ein dezidierter Hang zur Poetisierung der Sprache verbindet Kim mit Bachmann. Worin sie sich freilich von ihr absetzt, ist in der Anreicherung ihres Textes mit Realien, die Kim vor allem im ersten Teil des Buches konsequent betreibt. Vermissen und Vermisstsein sind nämlich in ihrem Buch keine poetischen Posen mehr, auch wenn sie von deren Poesie zehren, sondern eine Tatsache.
In einer Zeit, in der es ein "Office on Missing Persons and Forensics" (OMPF) gibt und standardisierte Fragebögen, um die "ante mortem data" (AMD) einer verschwundenen Person zu eruieren, bleibt wenig Platz für Empathie. Die Person wird zur Persona degradiert. In den Fragen der Interviewer zerfällt die Identität eher, als dass sie sich durch diese aufspüren ließe.
So läuft die Suche nach Fahrie im Laufe der Erzählung immer mehr auf eine Suche nach den (Un-)Möglichkeiten des Erzählens hinaus. So wie dem Protagonisten allmählich die Erinnerung an seine Geliebte entgleitet, entgleitet der Erzählerin zusehends die Geschichte.

Erinnerung erweist sich als vornehmlich emotiver Akt, der nur schwer zu versprachlichen ist. Die Beschreibung einer Person, der Entwurf einer Figur scheint schwierig bis unmöglich, unser Wissen vom anderen (und sei er der Geliebte), ja die schiere Möglichkeit, etwas vom anderen zu wissen, als gering bis nichtig. Damit stellt der Text seine eigenen Voraussetzungen infrage und wird zu einem metafiktionalen Diskurs, der sich immer stärker in der Reflexion über das Erzählen denn im Erzählen selbst bewegt.
Dass der Text im letzten Teil, wenn Luan mit der eigentlichen Erzählerin, der Interviewerin des OMPF, in den Kosovo fährt, dann doch plötzlich erzählerisch wird, bestätigt diese Einsicht nur. Ein ungebrochenes Erzählen scheint hier höchstens durch die Rückkehr in den Mythos oder zur Volkserzählung möglich.

Nicole Streitler-Kastberger in FALTER 42/2008 vom 17.10.2008 (S. 30)


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