Nothelfer

von Bodo Hell

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Verlag: Droschl, M
Format: Taschenbuch
Genre: Belletristik/Essays, Feuilleton, Literaturkritik, Interviews
Umfang: 160 Seiten
Erscheinungsdatum: 05.09.2008

Rezension aus FALTER 6/2009

Heiliger Bimbam!

Jemandem wie Bodo Hell, der seit über zwanzig Jahren jeden Sommer als Senner auf einer Alm des Dachstein-Gebiets verbringt – zu der ausgerechnet der Wanderweg Nr. 666 führt –, traut man allemal ein Nahverhältnis zu jenen christlichen Nothelfern zu, die er zum Thema seines neuen Buchs gemacht hat. Dort oben haben die Losungen der im Mandlkalender versammelten Heiligen Gewicht. Und mit dem Heiligen Antonius, dem stadtflüchtigen Bischof und nachmaligen Sauhirten, hat Hell einen "Berufskollegen", den er sich im Essay zum fiktiven Zuhörer wählt, um von den Mühen, aber auch vom immateriellen Gewinn der Einsiedelei zu erzählen. Auf der Alm, so heißt es da, fliegen dem sonst in Wien wohnhaften Dichter und Mehrspartenkünstler "neue und intensivere Aufmerksamkeiten" zu.

Mit derart geschärftem Sinn nähert sich Hell Phänomenen, die in der Alltagsroutine meist unbefragt registriert werden; dazu zählen auch die Kalender-Heiligen und die mit ihnen zusammenhängenden Bräuche, Bildwerke, Bauten, Ortsnamen oder Redensarten. Als Mythologe des Christentums betritt der Autor eine Parallelwelt, die gerade wegen der Vertrautheit ihrer Oberflächenphänomene in unseren Breiten bei genauerer Betrachtung den Eindruck monströser Fremdheit zu erwecken vermag. Wie jede andere Mythologie ist auch die christliche übervoll mit suggestiven Wunderbildern und Darstellungen bizarrer, teils sadomasochistischer Gewalt.
Hell registriert diese weitgehend unkommentiert, die Heiligengeschichten entfalten von sich heraus ihren Aberwitz, mitunter auch ungewollte Komik: ein Wolfgang, der sein Hackl kilometerweit wirft, um den Platz der von ihm zu stiftenden Kirche zu bestimmen, eine Katharina von Siena, die Christi Vorhaut als Ehering trägt, oder eine Margareta, die dem Rücken des erlegten Drachens entsteigt, während vorne noch ihr Rocksaum herausragt – allesamt sind sie lohnende Objekte tiefenpsychologischer oder anthropologischer Untersuchungen.

Seine Begeisterung, mit der er in entlegenen Quellen gräbt oder sich für Vor-Ort-Recherchen auf den Südturm des Steffl oder bis zu den Bergkapellen des Valsertals hinaufbegibt, vermag Bodo Hell auf den Leser zu übertragen, indem er vom Forschen und Erkennen als lustvollen und abenteuerlichen Unternehmungen berichtet. Mehr assoziierend als einer strengen Systematik folgend, verzweigt Hell seine Gedankenverästelungen über das Christentum hinaus in archaische, exotische oder ganz banal profane Kontexte: So zieht er Parallelen zwischen dem gruseligen Brauch der "Altenentsorgung" in Griechenland, Japan und in inneralpinen Randzonen, oder er erklärt die ursprünglich sakrale Bedeutung des Piercings als heidnischen Opferritus.
Immer wieder stellt der Autor auch Verbindungen zur eigenen Lebenswelt her, wenn er beispielsweise, ausgehend vom Glöckerl, das Antonius getragen haben soll, um Tiere und ungebetene menschliche Besucher abzuwehren, auf die Bärengefahr in den Kalkalpen zu sprechen kommt. Oder wenn er aus dem Zusammenhang der Sternschnuppen des Laurentius-Schwarms heraus den Wunsch nach einem zwischenmenschlichen Umgang ohne Ressentiments und Intrige formuliert – wofür im herrschenden Literatur- und Kunstbetrieb ein "Nothelfer" freilich erst noch zu finden ist.
Es ist gerade der persönliche und pragmatische Zugang der Gläubigen, der die Nothelfer- und Heiligenverehrung derart hat boomen lassen: "Ich gebe dir, damit du gibst", heißt die Parole in allen möglichen Lebenslagen. Und auch die Verbindung zwischen den vorgestellten Wirkweisen der Heiligen und deren Legenden ist zumeist eine handfeste: Der am Ende seines Martyriums enthauptete Blasius wird – angeblich auch nach dessen letztem Willen – bei Halsschmerzen angerufen. Hell scheint sich deshalb besonders für den Heiligenkult mit seinen regionalen Varianten und Fluktuationen zu interessieren, da es sich dabei um eine religiöse Praxis von unten handelt. Die Kirchenhierarchie indes verstand es stets, aus deren Begleiterscheinungen wie dem Wallfahrtstourismus und der Reliquienverehrung Kapital zu schlagen.

Diese dem Christentum innewohnende Spannung zwischen institutioneller Totalität und subversiven Glaubensinhalten überträgt Hell überzeugend in die Konstruktion seiner Text-Montage. Zum einen suggerieren die Fülle des zitierten Wissens wie auch die alphabetische Ordnung enzyklopädische Abgeschlossenheit, zum anderen weist der Text Merkmale einer vorläufigen, erweiter- und veränderbaren Materialsammlung auf. So verzichtet Hell auf Großbuchstaben am Anfang und auf das schließende Satzzeichen am Ende eines jeden Absatzes, und immer wieder vermerkt er in Klammern, etwas sei noch zu ergänzen oder nachzuprüfen.
Ein solches Patchwork vermittelt aber auch den Eindruck der Brüchigkeit des im Buch thematisierten christlichen Kosmos. Und schließlich wird das Motiv der Auflösung im ironischen Spiel selbst, das Hell mit Lexikon-Strukturen treibt, am deutlichsten sinnfällig: Eine auf biblische Genealogien gemünzte alphabetisch "verkehrte" Wortreihe wie "ISAAK, Tabak, Steak, Bosniak, (…) Anorak, Donkosak, Biwak, Yak" hat über die durch das Lautliche gegebene Verbindung hinausgehend keinen Sinn.
Welch faszinierendes Wissen immer mehr aus dem Bewusstsein wegbricht, ruft Bodo Hells exzentrisches "Nachschlagewerk" in Erinnerung. Sowohl durch seine gefinkelte Machart als auch durch den Materialreichtum verspricht der "Nothelfer"-Essay gewinnbringende Lektüren. 

Paul Pechmann in FALTER 6/2009 vom 06.02.2009 (S. 48)


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