wohin die verschwunden ist, um die es ohnehin nicht geht
Roman

von Stefan Schmitzer

€ 18,00
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Verlag: Droschl, M
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Erzählende Literatur
Umfang: 152 Seiten
Erscheinungsdatum: 12.01.2009

Rezension aus FALTER 11/2009

Erfolgloser Versuch in Sesshaftigkeit

Die Geschichte könnte mit einem Aufbruch beginnen: "an irgendeiner stelle: ein mädchen, das von zuhause abhaut. auf beifahrersitzen und ladeflächen." Ebenso gut wäre ein beschaulicher Einstieg möglich: "und das wäre dann die urszene. zwei männer sitzen auf steinstufen, auf einem öffentlichen platz, in der sonne, nahe der schattenlinie dreistöckiger altbauten."
Es kommt auf die Perspektive an. Der junge Grazer Autor Stefan Schmitzer (Jg. 1979), schon seit Jahren als Versprechen für die Zukunft gehandelt, legt als seinen Debütroman ein ebenso kühnes wie gelungenes Experiment vor. Das konsequent in Kleinschreibung verfasste Buch ("In ihr verwirklicht sich die Gleichheit der Wortarten und der Funktionen im Satzgefüge, und das auch noch in einer Weise, die meiner Faulheit beim Tippen entgegenkommt", erklärt Schmitzer gegenüber dem Falter) lässt sich genauso gut auf der letzten wie auf der ersten Seite aufschlagen und beginnen.

Naturgewalt auf Reisen Zwei Versionen einer Geschichte werden aufgerollt: Ein Strang erzählt von der Suche eines Lehrers und eines seiner Schüler nach einer Frau, die die ehemalige Geliebte des einen und die Mutter des anderen ist; der andere erzählt die Vorgeschichte aus der Sicht dieser Frau und enthüllt die Motive für ihr Verschwinden.
Bei der jungen Ausreißerin handelt es sich um eine wandelnde Naturgewalt, die sich nur in intensiven Zuständen wirklich spürt. In Lokalen zettelt sie Raufereien zwischen Männern an und geht mit dem Sieger nachhause. Der Beziehung mit einem Tontechniker entspringt Sohn Samuel, ein Versuch in Sesshaftigkeit folgt. Lange erträgt sie das Dasein als Mutter freilich nicht. Wieder bricht sie aus, verbringt einen Sommer auf einem Hochhausdach, beginnt später zu studieren, verdient ihren Lebensunterhalt mit Striptease und verprügelt schließlich ihrerseits aufdringliche Männer. Bis sie eines Tages mit dem Rücken zur Wand steht.
Ungefähr 15 Jahre später führt der erwähnte Lehrer, ein Mittvierziger, seinen Schüler zu jenem Hochhaus, auf dem dessen Mutter campiert hatte. Eigentlich sollte ja der mit Gras dealende Teenager das brennendere Interesse an den Ereignissen der Vergangenheit haben, aber es ist der desillusionierte Pädagoge, dem die Suche weit mehr zu bedeuten scheint. Er hat ihn bloß mitgeschleppt, "um sich nicht selber absonderlich zu fühlen, allein und einiges über vierzig in einem leeren hochhaus". Dann, beim Abstieg, fühlt er sich betrogen: "etwas hat nicht stattgefunden. ob er sich erhofft hat, eine spur von diesem silberblick-mädchen zu finden, da oben (...)?"

Wutausbruch à la Tarantino Die Frau ist stets präsent und zugleich völlig abwesend. Zurück bleiben ein paar Männer, mit denen sie zufällig mal zu tun hatte und die immer noch mehr oder weniger in ihrem Bann stehen. Als Auflösung bietet Schmitzer einen an Quentin Tarantinos Filme erinnernden Wutausbruch an: "danach gewalt. dass damit das letzte bisschen story auseinanderbricht, das sich irgendwem hätte erzählen lassen, endgültig nun, denkt der lehrer, und lacht deshalb, als er die faust des jungen in die fresse kriegt."
Der Roman operiert gleich auf mehreren Ebenen mit filmischen Mitteln – mit harten Schnitten, kurzen Szenen, flüchtigen Begegnungen, schnellen Dialogen, flapsiger Sprache. Er ist durchdrungen von der Erzählökonomie eines guten Actionthrillers. "Es sind zwei unterschiedliche Schnittfassungen desselben Films, aber beide autorisierte Editor's Cuts", erklärt Schmitzer die beiden Textstränge.
Umso schöner, dass dabei die Literatur keineswegs auf der Strecke bleibt. Bei aller Rasanz bekommt man an einigen Stellen gleich die Metaebene mitgeliefert, ohne sich unangenehm belehrt zu fühlen. Immer wieder blendet sich der Audiokommentar eines der Hauptdarsteller ein, wenn es sich dabei nicht sogar um Regieanweisungen des Autors handelt.

Starker Plot "Mein Anspruch ist, mit möglichst offenen Karten zu spielen", umreißt er sein literarisches Credo; er wolle "die Konstruktionsweise eines Textgebildes weder verschleiern, wie es in der U-Literatur und im ,Neuen Erzählen' passiert, noch mir einen drauf runterholen wie in der E-Literatur."
In letzter Instanz handelt es sich bei Schmitzers Debüt um einen raren Glücksfall: Formal bewusstes Erzählen, das sich durchaus von diversen Avantgarden herleitet, verbindet sich mit einem starken Plot und Trash-Elementen zu einer explosiven Einheit – das Ding knallt.

Sebastian Fasthuber in FALTER 11/2009 vom 13.03.2009 (S. 23)


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