Verlag: Droschl, M
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 250 Seiten
Erscheinungsdatum: 08.03.2013


Rezension aus FALTER 11/2013

Als Verbesserung sind Würstel wünschenswert

Der Schriftsteller und Viehhirt Bodo Hell begeht seinen 70. Geburtstag, sein Verlag schenkt ihm einen Omnibus

Ende des letzten Jahrtausends taten sich toughe junge Männer mit toughen Namen wie Tim Staffel oder Thor Kunkel mit toughen Texten hervor. Damals begab es sich auch, dass eine Schweizerin beim Bachmann-Wettbewerb einen Text vorlas, der auf einer Alm spielte. Eine Kuh, befand eine Jurorin, das ginge heute ja wohl gar nicht.

Acht Jahre später gewann Bodo Hell beim ­nämlichen Bewerb den Telekom-Austria-Preis. In "Stadt Land Berg" kamen zwar nur Schafe, Ziegen, Kröten, Braunbären und Birkhähne vor, aber auch eine Kuh hätte wohl niemanden gestört. Das lag vielleicht auch daran, dass die Nachfrage nach dystopischen Großstadtromanen nicht mehr ganz so groß und der Glaube an die Authentizität des Abgefuckten nicht mehr ganz so stark war; das hat aber vor allem damit zu tun, dass eine Kuh ihre alpenpanoramahafte Aura verliert, sobald sie in einem Text von Bodo Hell vorkommt.
Hell, der altersmäßig zwischen den beiden Peters Handke und Henisch liegt und am 15. März seinen 70. Geburtstag feiert, gehört noch jener Generation an, die quasi von der Geschichte gegen das Ländlich-Sittliche und Rural-Betuliche geimpft wurde. Er ist andererseits dem ländlichen Raum viel zu verbunden, als dass er gefährdet wäre, diesen mit dessen ideologischem Abziehbild zu verwechseln.
Seit Jahrzehnten arbeitet Hell im Sommer als Viehhüter auf der Grafenbergalm im westlichen Dachsteinmassiv – einem Landstrich, der sich "Am Stein" nennt und auch genau so aussieht. Wer einmal erlebt hat, in welch höllischem Tempo Hell den teuflischen Wanderweg 666 ersteigt und, vor allem, mit welcher Tritt- und Orientierungssicherheit er sich in dieser Mondlandschaft bewegt, der begreift sehr schnell, dass der Mann weiß, wovon er schreibt: "der stapft und stapft und geht und geht und geht und stapft und stapft und geht nur so dahin, um seine Zwangsvorstellungen" – Zeilenende, kein Punkt, Absatz.
Hells Text "666" von 1987 – er eröffnet auch den soeben erschienenen Sammelband "Bodo Hell Omnibus" – wird vom Rhythmus des rastlos Gehenden affiziert, zwingt den Leser selbst freilich dazu, "einige Leseschritte ein zweites und drittes Mal zu unternehmen, um zu erkennen, wie hier vom Autor Ordnung geschaffen wurde oder Unordnung gestiftet wird".

Das Zitat stammt aus Ernst Jandls grandioser Laudatio auf den Erich-Fried-Preisträger Hell (1991), die ebenfalls in besagtem Band enthalten ist. Jandl hebt zu Recht die "dauernde Sammelbereitschaft" als hervorstechende Eigenschaft des Gepriesenen hervor. Hell, der sich vom Nouveau Roman entscheidende Anregungen geholt hat, zählt nicht zu jenen Avantgardisten, denen die Schreibweise alles und der außersprachliche Referent nichts ist. "Wer schreibt, antwortet damit auch auf Unsprachliches, etwa auf Bilder und Töne (des Tages, der Nacht, der audiovisuellen Medien) oder auf scheinbar bloße Form und auch auf real vorhandene Formen, natürliche und hergestellte, Gesichter und Lärmschutzwände etwa", heißt es in Hells Dankesrede zum Fried-Preis.

Dass der Hell-Sammelband "Omnibus" heißt, ist nur konsequent, denn in einem solchen hat er ja auch seine Fahrt durch die Bezirke 4, 5, 6, 7 und 8 unternommen, um sich dann in "Linie 13A" eben nicht an der Bewegtheit der eigenen Sprache zu berauschen und stattdessen auf Realien zu verweisen, die nicht erzählerisch hierarchisiert, sondern bezeichnet, beschrieben und kommentiert werden. Wobei über die schiere Nennung von Namen und Adressen (Humanic-Filiale, Generali-Center, Romancenter Josefstadt, Sex-Sex-Sex-Boutique Skodagasse …) auch eine historische Momentaufnahme Wiens festgehalten wird.
Man sieht: Der Mann ist der sogenannten äußeren Wirklichkeit wirklich zugetan, und weil Hells realienkundliches Interesse nicht zuletzt die Küche umfasst, darf auch der Text "Drei Suppen (Rezepte)" im "Omnibus" nicht fehlen: "als Verbesserung sind geröstete Speckwürfel und zum Schluss mitgekochte Frankfurter (Wiener-)WürstelScheiben wünschenswert".

Klaus Nüchtern in FALTER 11/2013 vom 15.03.2013 (S. 35)


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