Ein dünner Faden
Erzählungen

von Bernhard Strobel

€ 19,00
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Verlag: Droschl, M
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Erzählende Literatur
Umfang: 152 Seiten
Erscheinungsdatum: 06.02.2015


Rezension aus FALTER 11/2015

Ein Bild für den Tod der Eltern

Minimalismus, der Großes schafft: Bernhard Strobels
jüngster Erzählband "Ein dünner Faden"

Bernhard Stobel, 1982 in Wien geboren und im Nordburgenland lebend, hat einmal in einem Gespräch mit seinem Kollegen und Landsmann Clemens J. Setz einen Satz von Borges zitiert: "Es ist ein mühseliger und strapazierender Unsinn, dicke Bücher zu verfassen."
Tatsächlich sind die Erzählungsbände Strobels – drei sind bislang erschienen – schlank, sehr schlank und die Geschichten aufs Äußerste reduziert, entschlackt von allem Unnötigen oder unnötig Schmückenden.

Eine eigentümliche Spannung herrscht in ihnen: zwischen den Menschen und zwischen den Zeilen. Die Konflikte bleiben unausgesprochen, und doch lassen sich Traurigkeit, Wut, Verzweiflung mit Händen greifen. Dass die Geschichten zuweilen harmlose Titel tragen, "Alles ist bestens" heißen oder "Die Kur", sollte einen nicht täuschen. Zum Besten ist hier selten etwas bestellt.
Die Gründe für das Unbehagen und die Kommunikationsdesaster muss man allerdings in der Vergangenheit oder einer Bewusstseinsschicht suchen, die jenseits des Erzählten liegt. Das ist das Faszinierende an diesen minimalistischen Texten. Sie sind bestechend einfach, deuten hochexplosive Psychodramen an, ohne dass etwas oder jemand wirklich in die Luft gehen würde. Sie verstören durch ihre fast kaltblütige Offenlegung auswegloser Situationen und lassen einen mit einer Beunruhigung zurück, die sich nicht mehr schönreden lässt.
In "Die Hornissen" etwa bekommt die unüberwindliche Distanz zweier Eheleute eine Form. Zwischen ihr und ihm erscheint alles vorhersehbar. Sie ahnt seine Reaktion voraus. Tritt sie tatsächlich ein, fühlt sie sich nur noch verlorener. Das Kind der beiden wird zum Deuter der Entfremdung, zwei tote Hornissen, nebeneinander vor der Terrassentür platziert, zum Menetekel. Sie ist überzeugt davon, dass das Kind die Hornissen dort hingelegt hat – ein Bild für den Tod der Eltern:

"‚Hast du gesehen, wie sie dort gelegen sind? So friedlich, als ob sie zusammengehörten, und vielleicht gehörten sie ja zusammen, und ich habe gedacht: So muss man sterben. Und in dem Augenblick hätte ich nichts dagegen gehabt zu sterben, es wäre mir gleichgültig gewesen. Solange es nur genauso friedlich und schön hätte sein können. Da habe ich gewusst, dass er es war. Und ich war stolz. Weil ich eine Verbindung zu ihm gespürt habe, weil ich gemerkt habe, dass er ist wie ich, dass wir vom selben Schlag sind. Aber jetzt', sagte sie, ‚jetzt macht es mir Angst.'"
Strobels beeindruckende Geschichten spielen an der Peripherie, an unbenannten Orten. Die Menschen sind auf sich zurückgeworfen, sie bewegen sich in einer Beziehungsgeometrie, die sich allerdings der Berechenbarkeit entzieht. Die Figuren schleichen umeinander herum. Sie verdächtigen den anderen in Gedanken, sie antizipieren, was der andere tun könnte, interpretieren fortwährend, was er mit einer bestimmten Handlung oder einem an sich harmlosen Satz sagen will.
Sie hängen an einem dünnen Faden, und zwischen den einzelnen Protagonisten sind die Fäden noch ein bisschen dünner gespannt. Immer könnten sie reißen, und das bisschen Zivilisation, das vor dem großen Durcheinander schützt, droht jederzeit in sich zusammenzustürzen.

Ulrich Rüdenauer in FALTER 11/2015 vom 13.03.2015 (S. 8)


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