Territorien
Roman

von Susanne Gregor

€ 19,00
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Verlag: Droschl, M
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Erzählende Literatur
Umfang: 208 Seiten
Erscheinungsdatum: 14.09.2015


Rezension aus FALTER 42/2015

Verstrickt in einem Zopf von Beschuldigungen

Gefühle machen dumm: Susanne Gregor schildert in ihrem Roman „Territorien“ das emotionale Duell eines Ehepaares

Susanne Gregors Debüt „Kein eigener Ort“ war 2011 in der Edition Exil erschienen, mit „Territorien“ ist die gebürtige Slowakin (Jg. 1981), die seit ihrem neunten Lebensjahr in Österreich lebt, zum renommierten Droschl-Verlag gewechselt.
Die Hauptfiguren der beiden Romane ähneln einander: Wie schon Ina ist auch Emma eine junge Frau, deren Liebessucht im Mangel an Selbstliebe gründet und deren Liebesschmerzen neurotische Höhen erreichen und zu erheblichen Realitätsverlusten mit Okkupationstendenzen gegenüber dem Geliebten führen.
Das klingt zunächst wenig einladend, aber Susanne Gregor ist eine Autorin mit großen erzählerischen Fähigkeiten.
Der Bewusstseinsstrom der Ich-Erzählerin entwickelt große Sogwirkung, und weil die Dinge im Bewusstsein näher beieinanderliegen als in der Außenwelt, braucht es nur Weniges, um einen starken Innenrhythmus zu garantieren.

Das detaillierte Gefühlswissen, über das Gregor verfügt, gerät nie zum Empfindungsbrei, sondern wird anhand konkreter Einzelheiten präzise zur Anschauung gebracht – etwa mithilfe der Mikrogestik von Anlehnung, Entfremdung und Ablehnung.
Die Beschreibung der Umstände transportiert mehr als die Beschreibung der Zustände, denn wenn man die Umstände beängstigend schildert, braucht man den Zustand der Angst gar nicht mehr zu benennen. Die Metaphern, die zum Einsatz gelangen, bringen ziemlich zuverlässig einen Zugewinn an Anschaulichkeit (nur der Vulkan wird als Bild für Leidenschaft überstrapaziert), und die Figuren des Romans beschäftigen den Leser nachhaltig, egal wie sympathisch sie sind.
Emma lebt mit ihrem Mann in Wien, einem Nicaraguaner namens Samuel, von dem sie schwanger ist. Der Tod von dessen Vater bringt das Ehepaar nach Managua. Samuels Neigung zu bleiben – er übernimmt die Firma des Vaters – steht Emmas Aversion gegen einen dauerhaften Aufenthalt entgegen. Sie sieht ihre Wiener Universitätskarriere verloren, die Liebe zwischen ihr und Samuel erkaltet.

Die Streitigkeiten bestimmen zusehends den Alltag, beide Partner sind befangen in einem blinden Vorwurfsmechanismus: Auch in der größten Not gelingt es ihnen nicht, sich vom Atavismus der Eifersucht zu befreien und ihre pseudomoralische Aufrechnung zu einem endlosen „Zopf von Beschuldigungen“ zu flechten.
Gefühle machen dumm: ­Reflexartig sucht Emma die Schuld beim Partner oder in den Umständen, wobei das Prinzip dauerhafter Beschuldigung dazu tendiert, die realen Gegebenheiten auszublenden und die Selbstreflexion zu blockieren, kurz und gut: die Lösung der Probleme zu unterlaufen.
In hohem Maße ist Emma dabei von ihrer Körperlichkeit bestimmt: Sie hegt einerseits die Hoffnung, ihre Beziehung über Berührungen halten oder heilen zu können, reagiert andererseits mit körperlichen Erkrankungen prompt und heftig auf Enttäuschungen.

Paralysiert von solchen Verhältnissen flieht die Protagonistin nach Wien, wo sie zunächst in depressiver Handlungsunfähigkeit verharrt. Nach und nach aber stellen sich Anzeichen von Ich-Erstarkung ein, außerdem steht die Entbindung an.
Gegen Ende des Romans scheint sogar ein Happy End nicht ganz auszuschließen zu sein, auch wenn die Problemlösungskompetenz der Protagonisten nicht stark zugenommen hat. Aber vielleicht fördert ein gemeinsames Kind ihr Erwachsenwerden.
In einem Interview hat Gregor festgehalten, dass sich die Literatur eher um die Dummheit der Gefühle als um die Gescheitheit der Vernunft, eher um die Beharrlichkeit der Probleme als um deren Lösung dreht. Sie wolle über das Leben lieber staunen, als es zu beurteilen. Zwar setze ihr Schreiben bei einer Anfangsabsicht ein, die Kraft einer Geschichte und die Richtung, die sie nimmt, ergäben sich aber erst beim Schreiben selbst. Wie „Territorien“ belegt, sind das die besten Voraussetzungen fürs Erzählen. Zumindest bei Susanne Gregor.

Helmut Gollner in FALTER 42/2015 vom 16.10.2015 (S. 38)


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