Eins im Andern
Roman

von Monique Schwitter

€ 19,00
Lieferung in 2-7 Werktagen

Verlag: Droschl, M
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Erzählende Literatur
Umfang: 232 Seiten
Erscheinungsdatum: 07.08.2015


Rezension aus FALTER 41/2015

Apostelgeschichten von der Liebe

Ist nicht immer lustig, macht aber Spaß: Jackie Thomae und Monique Schwitter widmen sich der Liebe



Ein Mann liegt mit mehrfach gebrochenen Beinen neben seiner Frau, die zu ihm hält, obwohl er ein misanthropischer Alkoholiker, beruflich gescheitert und auf einer Party aus reinem Überdruss aus dem zweiten Stock gesprungen ist. Mit erlösender Brutalität spürt er, wie seine Liebe zu ihr endgültig versiegt.

Über diese „Momente der Klarheit“ hat Jackie Thomae ein ganzes Buch geschrieben. Alle Episoden kreisen um unglückliche Beziehungen in unterschiedlichen Verfallsstadien, zwischen Liebenden wie dem kaputten Typen und seiner aufopferungsbereiten Lebensgefährtin, aber auch zwischen Schwestern, Freunden oder Patientin und Therapeutin. Angesichts dieses Themas ist es ein erstaunlich lustiges Buch geworden.

Jackie Thomae arbeitet auch als Fernsehautorin, und das merkt man ihrer Prosa, unabhängig von den genüsslichen Seitenhieben auf die Branche, auch formal auf angenehme Weise an. Sie schreibt ausgesprochen anschaulich und unterhaltsam, in flapsigem Ton, der weder vor gnadenlosen Beschreibungen noch vor ewigen Wahrheiten zurückscheut. Die Dialoge sind glaubwürdig, Komik und Melancholie gekonnt austariert. In den einzelnen Kapiteln tritt ein Reigen wiederkehrender Figuren auf. Sie entstammen zum großen Teil dem saturierten artsy-fartsy Berlin-Mitte-Milieu: nicht mehr ganz junge Film- und Fernsehleute, Künstler, Musiker; ein großer, garstiger Bekanntenkreis, dessen Mitglieder sich immer wieder in verschiedenen Konstellationen über den Weg laufen.



Die Tiefe von Chauvie und Partygirl

Auf den ersten Blick wirkt das Personal etwas flach angelegt, scheint höchstens eine Handbreit vom Klischee entfernt. Sobald sich die Perspektive allerdings verschiebt und die Figuren selbst zu Wort kommen – und das tun sie früher oder später alle –, überraschen sie einen mit ihrer Komplexität. Noch das abgehalftertste Partygirl und der verantwortungsloseste Chauvinist besitzen eine ungeahnte Tragik und Tiefe, die ihrem Umfeld leider durchwegs entgehen – wo sich jeder ausschließlich der Selbstergründung widmet und ansonsten mit dem Offensichtlichen zufriedengibt. Es gibt allerdings auch den umgekehrten Fall: Die Figur, die sämtliche Betrachter für einen seelenvollen, hochempfindsamen Ausnahmekünstler halten, offenbart sich introspektiv als kalt und leer.

Auch das Buch selbst erweist sich auf den zweiten Blick als klüger und vielschichtiger, als man zunächst erwartet hätte. Beeindruckend, wie Thomae die Feinmechanik rein weiblicher Beziehungen bloßlegt und wie überzeugend sie Männerfreundschaften darstellt. Bemerkenswert auch die Vielzahl an Variationen, in denen sie, ohne sich zu wiederholen, vom Implodieren der Liebe erzählt, von diesem Augenblick kristallisierter Einsamkeit.



Pinguine in Norddeutschland

Einen gänzlich anders gearteten Moment der Klarheit erlebt die Protagonistin in Monique Schwitters Roman „Eins im Andern“: Sie googelt den Namen ihrer ersten großen Liebe und findet – einen Nachruf. Daraufhin beginnt sie, ihr Leben anhand all jener Männer zu ordnen, die darin eine Rolle gespielt haben und spielen: Partner, Liebhaber, Vertraute, Zufallsbekanntschaften. Das Konzept klingt weniger emanzipiert und originell, als es ist. Denn die Ich-Erzählerin, eine Schriftstellerin, kommt – wie auch die Autorin selbst – vom Theater, und statt nostalgisch das Herbarium verblühter Liebschaften zu durchstreifen, reinszeniert sie die Vergangenheit und die Gegenwart, konstruiert sie dadurch neu und legt diesen hochgradig artifiziellen Prozess fortwährend offen: Man sieht ihr gewissermaßen dabei zu, wie sie das Theaterstück ihres Liebeslebens schreibt.

Zunächst werden zwölf Rollen bestimmt, benannt nach den zwölf Aposteln. Erst im Anschluss kümmert sich die Erzählerin um die Besetzung: Jeder Mann in ihrem Leben erhält einen apostolischen Decknamen, und wo noch ein passender Jakob oder Matthias fehlt, winkt sie kurzerhand Statisten oder sogar Phantasmen auf die Bühne. Man kann ihr durchaus einen wirklichkeitsüberwindenden Gestaltungswillen attestieren: Wenn es sein muss, fliegt auch schon einmal ein Pinguin durch Norddeutschland.



Die Bibel lesen oder googeln

Parallel zu ihren Memoiren in Männergeschichten folgt man der Heldin ein Jahr lang durch ihr anfänglich noch wohlgeordnet prekäres Leben mit Ehemann, zwei Kindern und Hund in Hamburg. Doch dann erfährt sie, dass ihr Mann Geld verzockt hat und krank ist – ein Erkenntnisschock, auf den sie schließlich mit einer kopflosen Flucht zu einem alten Freund in die Schweiz reagiert, wo sie weiter an dem Buch arbeitet, das man gerade liest.

Diese metafiktionale Selbstbespiegelung ist sparsam dosiert und macht sogar Spaß, weil Monique Schwitter spürbar Freude daran hat, autobiografischen Realismus zu simulieren, nur um ihn gleich zu widerrufen. Weswegen man wohl auch nie erfahren wird, ob sie tatsächlich mit einer alten schwarzen Hündin zusammenlebt, ohne die sie nicht schreiben kann. Ihr hat sie eine der schönsten literarischen Liebeserklärungen seit dem Auftritt der sanften Hündin Karenin in Milan Kunderas Roman „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ gewidmet.

Im Schlussteil des Buchs dann schließt sich der Kreis: Das Ende ist dem ersten und letzten Mann im Leben der Erzählerin gewidmet, ihrem Bruder. An ihn, den Zwölften, wendet sie sich direkt, er bleibt namenlos. In Fortsetzung der apostolischen Reihe müsste er, wie man als eifriger Bibelleser oder manischer Googler natürlich weiß, „Judas“ heißen, und sein Verrat besteht darin, dass er viel zu früh gestorben ist. Am Ende steht also der Tod. Aber das ist ja leider nichts Neues.

Tabea Soergel in FALTER 41/2015 vom 09.10.2015 (S. 21)


Bitte warten...

Sie haben folgendes Produkt in den Warenkorb gelegt:

{{var product.name}}


weiter einkaufen
Warenkorb anzeigen