Schnitzlers Wien

von Anne-Catherine Simon

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Verlag: Pichler
Erscheinungsdatum: 01.01.2002

Rezension aus FALTER 20/2002

Die junge Wiener Germanistin Anne-Catherine Simon zeichnet in einem eben erschienenen Buch die Liebeswege und Lieblingsplätze von Arthur Schnitzler nach.


Vermutlich hätte Arthur Schnitzler (1862-1931), der große Autor und weltbekannte Schwerenöter, die allergrößte Freude gehabt, würde er wissen, dass ihm die Germanistin Anne-Catherine Simon, 27, monatelang ganz dicht auf den Fersen war. Das Resultat der ausgiebigen Schnitzler-Jagd liegt jetzt in Buchform vor, wenig überraschend ist der schmale Band aus dem Pichler Verlag, der eine Reihe "Österreichische Gedächtnisorte" eröffnen soll, mit "Schnitzlers Wien" betitelt, jenem Kosmos, den Schnitzler zeitlebens kaum je verließ, von dem auch sämtliche seiner Werke geprägt sind.

Nach der Lektüre von den zehn Bänden Tagebüchern (Simon: "Es wimmelt darin von Sissis oder Mizzis"), nach ausgiebigen Recherchen im Café Central (Schnitzlers Lieblingskaffeehaus), einem Besuch im Schnitzler'schen Liebesnest Paulanergasse 4, wo Schnitzler die literarische Theorie mit der Schauspielerin Mizi Glümer in die lebensnahe Praxis umsetzte, oder durch das Aufstöbern von einstmaligen Schnitzler'schen Lieblingskinos (wo es auch sehr dunkel war) - Simon, die derzeit an ihrer Doktorarbeit über Kafka schreibt, kommt zum unumstößlichen Schluss: "Er war sicher nicht mein Typ, er war ja ein ausgesprochener Filou, der jedem Mädchen hinterhergestiefelt ist."

So ist auch ein etwas nüchterner, immer wieder auch ein wenig ungelenk und ohne überbordende Leidenschaft verfasster Reiseführer durch ein vergangenes Wien entstanden. Penibel wird Schnitzlers Weg nachgezeichnet, Simon beschreibt die diversen Örtlichkeiten akribisch: die Geburt in der Jägerzeile 16 (heute: Praterstraße 16), die medizinischen Studien im Seziersaal im Anatomischen Institut (Ecke Spitalgasse/Sensengasse), die "Bicycle-Touren" nach Rodaun oder Schnitzlers Lieblingsspaziergänge nach Neustift und Salmannsdorf.

Das Bändchen ist ein erster Anhaltspunkt für Schnitzler-Neugierige, mit herausragenden Werken wie den Essays von Ulrich Weinzierl ("Lieben, Träumen, Sterben") oder Giuseppe Fareses Schnitzler-Biografie aus 1999 will und kann es nicht mithalten. Zu häufig ist Simon lästig belehrend ("eine heute ungewohnte, aber gesündere Art des Schreibens", merkt sie zu einem Foto an, das Schnitzler an einem Stehpult lehnend zeigt), die intensive Beschäftigung mit der Jahrhundertwende mag auch auf Simons Schreibarbeit abgefärbt haben: "Wer sich den jungen Schnitzler nun auf einem dieser heutzutage so malerisch wirkenden Hochräder vorstellt, muss sich enttäuschen lassen."



Der alte Herr ging anno dazumal seine Sache ein wenig forscher und leidenschaftlicher an: "Neben uns floss die Donau hin; wir aber hingen Lipp an Lipp und waren glücklich", notierte Schnitzler 1880 in seinem Tagebuch.

Wolfgang Paterno in FALTER 20/2002 vom 17.05.2002 (S. 77)


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