Nichts ist vergangen
Eine Bosnierin erzählt. Vorwort von Karl-Markus Gauß.

von Hajrija Hrustanovic, Michael Schreckeis

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Drava
Erscheinungsdatum: 01.01.2002

Rezension aus FALTER 29/2002

Vor einem Jahr hat Juli Zeh Bosnien-Herzegowina bereist. Mit einem Hund als einzigem Begleiter. Der von ihr verfasste Reisebericht wurde Mitte Mai auszugsweise in der Zeit abgedruckt, der Schöffling-Verlag richtete eine eigene Homepage (www.stille-ist-geraeusch.de) ein. Warum eigentlich?, fragt sich, wer sowohl das Buch als auch Bosnien kennt. Gewiss ist es für eine 27-Jährige mutig, in ein Land zu fahren, in dem vor weniger als einem Jahrzehnt Vergewaltigung Teil der Kriegsführung war. Gewiss ist Bosnien ein seltsames Land, noch immer gezeichnet von den Wunden des Schlachtens und den Konflikten zwischen drei Volksgruppen, die sich zwar sprachlich voneinander kaum stärker unterscheiden als Wiener und Tiroler, einander aber mitunter immer noch mit blankem Hass begegnen; weswegen das Land auch weiterhin in zwei Teile (Republika Srpska und Bosniakisch-Kroatische Föderation) getrennt ist, obwohl die internationale Gemeinschaft ständig die Einheit des Landes beschwört.

Bosnien liegt aber trotzdem in Europa und ist daher keineswegs so unbegreiflich exotisch, wie es uns Juli Zeh weismachen will, allein schon die Bemerkung, mit der sie ihre Ankunft beschreibt: "Meine Füße, tastend beim ersten Kontakt mit bosnischem Boden: Alles klar. Trägt." Egal, ob Zeh nun die Republika Srpska bereist oder die Moslem-Enklave Srebrenica, dem Schauplatz des wohl schlimmsten Massakers des Bosnien-Krieges, oder ob sie sich am Wallfahrtsort Medjugorje über das Treiben der Katholiken lustig macht: Ihre Schilderungen werden zuweilen so dicht von persönlichen Empfindungen überlagert, dass es den Anschein hat, die Autorin befinde sich weniger auf einer Fahrt durch Bosnien als auf einer Reise ins eigene Ich, wobei ihre Gemütswallungen nicht unbedingt auf Tiefe schließen lassen.



Immer wieder strapaziert Zeh das Klischee vom rückständigen, allein nicht lebensfähigen "Balkan". Als ihr Handy in Sarajevo "für einen Moment Netzkontakt" findet, will sie "aufschluchzen vor Erleichterung". "Das Display mit Anzeige einer Kurznachricht leuchtet noch eine Weile, bevor das Licht automatisch verlischt." Na so was. Zumindest in Sarajevo - am Land ist es etwas anders - gehört das Handy zum Alltag wie Internetcafés, E-Mail oder Amstel Bier. In Sarajevo ein Netz zu finden, ist nicht besonders abenteuerlich, und dass einen die Polizei aufstöbert, wenn man in freier Wildnis in einem Auto übernachten will, kann einem beileibe nicht nur in der Republika Srpska passieren.

Aber Zeh, die für ihren Debütroman "Adler und Engel" jede Menge Lob und Preise einheimste, ist keineswegs nur im thematischen Flachland unterwegs. Das demonstrative Behagen, mit dem man an lauen Abenden durch Sarajevo flaniert und im Kaffeehaus sitzt, beäugt sie mit Verwunderung. Sie sieht Menschen, die "ihre Erinnerungen und Träume und alles, was sie in den Köpfen tragen, mit duftigen Frisuren umgeben". Das ist schön formuliert, denn tatsächlich stellt sich immer wieder die Frage, was diese lebenslustigen Menschen eigentlich im Krieg getan haben. Und weil sie so freundlich sind, lautet die nächste Frage folgerichtig: "Wie konnte es zu diesem Krieg kommen?" Zehs wahres Verdienst liegt darin, sich umzuhören, Gespräche mit bosnischen Serben, Bosniaken und bosnischen Kroaten zu führen und daraus - in einer Art literarischer Feldstudie - die Erkenntnis zu destillieren, dass die immer noch gerne geäußerte Theorie des ethnischen "Nicht-Miteinander-Könnens" zu kurz greift. Wie bei Juli Zeh ist das Schreiben auch bei Hajrija HrustanovicŽ eine Art selbsttherapeutischer Akt, freilich von anderer Qualität und Motivation. 1958 in Krizevci in eine bosniakische Familie hineingeboren, die ihren moslemischen Glauben nicht praktiziert - ihr Vater erwarb sich als lokale KP-Größe große Verdienste um den kommunalen Straßenbau -, arbeitete sie als Geschichtsschreiberin in Zvornik, ehe sie mit ihren beiden Kindern als Strandgut der Jugoslawien-Kriege über die Türkei nach Oberösterreich geschwemmt wurde. Das Interesse an Schicksalen wie diesem ist friedensbedingt abgeflaut, auch die Welle der Hilfsbereitschaft längst versandet. Zwar hat die Kroatin Slavenka DrakulicŽ den geschändeten bosnischen Frauen in dem Roman "Als gäbe es mich nicht" eine literarische Stimme verliehen, Aufzeichnungen und Erlebnisberichte von Vertriebenen finden jedoch kaum ihren Weg in die Verlage. HrustanovicŽ begann zu schreiben, nachdem sie von ihrem Arbeitgeber, einem oberösterreichischen Wirt, des Diebstahls bezichtigt worden war.

Die als Ehrverlust empfundene Schande schmerzt offenbar mehr als die Erlebnisse des Krieges. So nebensächlich sie auch erscheinen mag, löst sie doch eine Krise aus, im Zuge derer HrustanovicŽ in einer Salzburger Nervenklinik landet und sich in neun Tagen auf drei Volksbank-Kalendern eine Lebensreflexion von der Seele schreibt. Ein in mehrfacher Hinsicht verblüffender Text. HrustanovicŽ verherrlicht die Kindheit keineswegs als Idyll, über das das Unheil plötzlich hereinbricht, sondern tastet sich in der Erinnerung sachte an die Wurzeln des Geschehenen und Erlebten heran.

Ihre Erzähltechnik beinhaltet dabei literarische Stilmittel, von denen HrustanovicŽ nach eigener Auskunft gar nichts weiß, weil ihr zeitgenössische Prosa fremd ist. Dennoch: HrustanovicŽ negiert die Trennung der Zeitebenen und wechselt auch die Schauplätze, wie es ihr in den Sinn kommt. "Die Personen werden mitsamt ihren Brüchen, Widersprüchen und ihrer irritierenden Mehrdeutigkeit dargestellt", schreibt Karl-Markus Gauß im Vorwort, "sodass wir uns etwa beim Vater fragen, ob er ein reaktionärer Despot, ein Verfechter des Fortschritts, ein menschenfeindlicher Tyrann oder ein sozial gesonnener Mann war - oder das alles zugleich." Vielleicht ist ja dieser Vater als eine Art Prototyp für das Dilemma zu sehen, das die Gesellschaft in Bosnien in die Selbstzerfleischung getrieben hat.

Edgar Schütz in FALTER 29/2002 vom 19.07.2002 (S. 54)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Die Stille ist ein Geräusch (Juli Zeh)

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