Rotes Wien
5 Routen zu gebauten Experimenten. Von Karl-Marx-Hof bis Werkbundsiedlung

von Inge Podbrecky

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Verlag: Falter Verlag
Erscheinungsdatum: 01.01.2003

Rezension aus FALTER 18/2009

Eine Stadt, zwei Häuser

Das Grätzel, in dem die Vision begann, schaut heute aus, wie sich die Visionäre das damals ausmalten. Am Gürtel zwischen Matzleinsdorfer Platz und Wienfluss hat sich das Rote Wien der 20er-Jahre in Reinform verwirklicht. Burgähnliche Gemeindebauten stehen hier, karge Erker, hagere Arbeiterstatuen, Aufschriften wie "Bibliothek" oder "Waschküche" in alten roten Lettern. Der neue Mensch im neuen Wohnraum, den schimmlig-feuchten Zinshaushöllen der schlechten alten Tage entronnen.
Der neue Mensch ist alt geworden, er sitzt beim "Walter", dem Grätzelwirten, und stellt sich den Herausforderungen neuer Zeiten. Friedrich Suphan, 87, ältester Bewohner des ältesten Gemeindebaus der Stadt, dem Metzleinstaler Hof. Baubeginn war 1916, als Franz Joseph starb, an der Fassade lassen ornamentierte Zierleisten noch die Monarchie klingen. Fertigstellung 1925, eine neue Ära hatte begonnen.

Der Hof wurde ein Klassiker des frühen Gemeindebaus, strotzend vor architektonisch manifestierter Ideologie und trotzdem wohnlich und komfortabel wie kein anderes Arbeiterquartier dieser Zeit.
1945 sammelte Suphan Ziegel aus den Brandruinen der Umgebung, zerrte sie in Säcken die Treppen hinauf, besserte damit die Bombenschäden seiner Wohnung aus. Davor habe die Wohnung einem Kommunisten gehört, sagt er, er floh vor den Nazis nach Russland und kehrte nie wieder. "Sie war teuer eingerichtet, als ich kam. Aber ich habe alles ausgeräumt. Ich wollte mein Glück nicht auf der Not anderer aufbauen." Früher hätten vornehmlich Beamte hier gewohnt, sagt er, eine gute Nachbarschaft war das, nicht wie heute. "Heute leben Ausländer hier, die Lärm machen und den Müll vor den Müllraum schmeißen, wenn sie gerade keinen Schlüssel dabeihaben". Nicht alle, aber viele, fügt er hinzu, die "Jugoslawen" seien vorbildlich, aber die Türken, die Türken, immer die Türken.
Wie eine Burg wirkt der Bau, drinnen im Hof ist es ruhig und sauber. In einer Ecke des Areals gibt es einen Greißler, betrieben von einer Zuwandererfamilie, hinter der Theke liegen Gazi-Käse, Grammeln, Krakauer, slowenische Fleischpastete. Es ist ein Geschäft alten Stils, wo die Verkäuferin weiß, was ihre Stammkunden brauchen, und sehschwachen Pensionisten auf Vertrauen das Kleingeld aus der Börse klaubt. Die von Herrn Suphan verorteten Konflikte, denkt man, müssen ziemlich unterschwellig stattfinden.
Der Metzleinstaler Hof war der Beginn eines riesigen Gesellschaftsexperiments. Sozialer Wohnbau hat Wien geprägt wie kaum etwas im 20. Jahrhundert. Geboren aus der desaströsen Wohnsituation der Monarchie, vorangetrieben durch die Bomben des Zweiten Weltkriegs, wurde der Wohnbau Lieblingsprojekt der starken Wiener Sozialdemokratie, ihr Stolz und Selbstverständnis. Wohnen als "weltweit einzigartige Erfolgsgeschichte", wie die SPÖ-Wien in einer aktuellen Aussendung wieder einmal bekanntgibt. Wiener Wohnen ist heute die größte Hausverwaltung Europas.
2000 Gemeindebauten stehen in der Stadt, eine halbe Million Menschen wohnt darin. Formell endete ihre Ära allerdings vor fünf Jahren. Denn seitdem setzt die Stadt nur noch auf Genossenschaftsmodelle und Kooperation mit privaten Wohnbaugesellschaften. Sozialer Wohnbau geht auf diese Art zwar weiter, klassische Gemeindebauten jedoch sind Geschichte. Und sie endet in Liesing, unweit des Wohnparks Alterlaa, im letzten Gemeindebau der Stadt.

Die Rößlergasse 15 hat keinen Burghof, keine Lettern. 2004 wurde sie fertiggestellt, ein L-Trakt umschließt zwei würfelförmige Häuser, dottergelb und mausgrau. Die Bauweise ist offen, man blickt auf Vorstadthäuser. Hinter breiten Fensterscheiben picken die Basteleien von Kindern und auf breiten Balkonen stehen Mountainbikes.
Arnold Perrotta ist überrascht, dass er im letzten Gemeindebau der Stadt lebt. "Die Anbindung ist perfekt, die Lage ruhig", sagt er. Seit Anbeginn wohnt der Familienvater hier, er komme aus Rudolfsheim-Fünfhaus, aber "kein Vergleich". Sogar die Miete ist besser, "monatlich 435 Euro sind wirklich kulant".
Natürlich gebe es Nachteile, etwa ein Krisenzentrum für verhaltensauffällige Jugendliche im Bau, "die Jungen randalieren oft im Hof, es ist ja nicht umsonst ein Krisenzentrum". Die Gemeinde habe "ein bisschen geschwindelt, sie hat uns erzählt, hier würde eine Behindertenwerkstatt reinkommen". Und einen Hausmeister wünscht sich Perrotta auch, "der würde auf sowas schon achten".
Es ist keine Abgeschlossenheit, keine politische Ideologie, die sich in der Rößlergasse manifestiert. Die Zeiten sind vorbei. Jetzt will die Politik klimaschonende Isolierung, wollen die Menschen Pendlerqualitäten zwischen Autoparkplatz und U-Bahn. Das ist die Vision von heute.

Josef Gepp in FALTER 18/2009 vom 01.05.2009 (S. 35)


Rezension aus FALTER 30/2003

Im vierten Band der Reihe "Falters CITYwalks" sind die ausschweifenden Spaziergänge einer Kunsthistorikerin durchs Rote Wien versammelt.

Für eine Wien-Erkundung von Grund auf, so sie eine ist, hilft einem ein normaler Stadtplan nur bedingt weiter. Inge Podbrecky verwendet für ihre Stadtforschungen lieber einen Lageplan der Feuerwehr - jede Parzelle, jede Gebäudegrenze ist darin genau vermerkt. Auch jeder Hydrant.

Seit Jahren ist die Kunsthistorikerin eine passionierte Stadtergeherin - Salzburg kennt sie in und auswendig, in Wien hat sie sich, so listet sie auf, den "3., 5., 6., 7., 8., 10., 19., 20., 21. und 22. Bezirk ziemlich systematisch ergangen. Ein Drittel von Wien habe ich sicher schon behatscht." Kein wahlloses Zickzack treibt die Beamtin des Bundesdenkmalamtes aber durch die Stadt, der urbane Raum will erforscht und systematisiert werden: "Es hat mich schon immer interessiert, die städtischen Konzepte gleichsam zu lesen. Zu Fuß sieht man da viel mehr." Die Ergebnisse von Podbreckys intensivem Gehen und Sehen haben sich bislang in zwei Büchern manifestiert. Befasste sich der Guide "Wiener Jugendstil", der die Falter-Buchreihe "Citywalks" begründete, vornehmlich noch mit den touristischen Sehenswürdigkeiten der Stadt, so führt Podbreckys jüngster Routenfinder in Buchform jetzt ins "Rote Wien". Fünf "Routen zu gebauten Experimenten" schlägt Podbrecky darin vor: Besichtigt wird jenes Experiment der sozialdemokratischen Stadtregierung, das zwischen 1919 und 1934 die heute noch eindrucksvollen kommunalen Wohnbauten hat entstehen lassen. So wird etwa auf Route vier - auf jedem Spaziergang sind auch die Lokale und Geschäfte am Weg vermerkt - nur der Karl-Marx-Hof besichtigt, das "beeindruckendste und monumentalste Wahrzeichen des Roten Wiens", das von vornherein als "gewolltes Denkmal" (Podbrecky) der Sozialdemokratie gedacht war. Zum Zeitpunkt der Eröffnung im Oktober 1930 gab es hier bereits 1382 Wohnungen für etwa 5000 Menschen. Doch auch in Margareten (mit dem Gürtel, der "Ringstraße des Proletariats"), Favoriten und auf der Schmelz finden sich eindrucksvolle kommunale Wohnbauten, daneben Gebäude für Arbeit, Verwaltung, Verkehr, Freizeit und Sport.

Einerseits kann man mit Podbrecky beeindruckende Wohnklötze und andere historische Gemäuer wiederentdecken - wie den festungsähnlichen Gemeindebau von Oskar Wlach in der Bürgergasse 17-19 in Favoriten oder das an einen gestrandeten Sowjetdampfer gemahnende Umspannwerk Favoriten, das zwischen 1929 und 1931 entstanden ist. Anderseits wird Verborgenes und Vergessenes wieder sichtbar gemacht: So der "Heimhof" in der Pilgerimgasse 22-24, in dem es bereits 1923 einen "Speiseaufzug", eine Badeanlage, einen Kindergarten und eine große, bis heute erhaltene Dachterrasse gab. Die Heimhof-Miete beinhaltete, damals ein Weltwunder, auch die regelmäßige Reinigung der Wohnung, Hauswäsche, Heizung, Gas und Strom.

Gänzlich in die Sparte Kuriosium fällt dagegen eine weitere Entdeckung Podbreckys: Bei ihren Recherchen stellte sie fest, dass der "Bund der österreichischen Freidenker" - ein im 19. Jahrhundert gegründeter und zur Zeit des Roten Wiens hoch aktiver Verein, der sich, der damaligen Sozialdemokratie gleich, gegen jegliche Bevormundung, seitens der Kirche etwa, wandte - auch heute noch ein überaus vitales Dasein führt.

Wolfgang Paterno in FALTER 30/2003 vom 25.07.2003 (S. 62)


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