Kaffeehäuser in Wien
Ein Führer durch eine Wiener Institution. Klassiker, moderne Cafés, Konditoreien, Coffeeshops

von Christopher Wurmdobler

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Falter Verlag
Erscheinungsdatum: 01.01.2005

Rezension aus FALTER 48/2008

80 Jahre Café Weidinger: Die hohe Schule der Improvisation

Das lange Gleiten durch die Jahrzehnte, zur Chiffre geronnen: "Es lebe die Zeitlos­zeit" ist neuerdings an den Wänden des Café Weidinger zu lesen. Vor kurzem fiel Anna Karnitscher, 38, eine Plakatserie der Wiener Stadtwerke auf, weniger der Textur als des großformatigen Bildes wegen. Ein Dressman als Ober vollführt auf dem Sujet Servierbewegungen, im Hintergrund sind Kleiderständer und Sitzbänke zu sehen, eine gestellte Szene aus dem Weidinger. "Weder meine Mutter noch ich konnten uns an diesen Fototermin erinnern. Ich habe mir nur gedacht: Das ist doch unser Kaffeehaus", sagt Karnitscher, im Hauptberuf Webdesignerin und seit einiger Zeit, professionelle Neben- und Lieblingsbeschäftigung zugleich, kaufmännische Juniorchefin des Betriebs.
Sie besorgte sich einige der städtischen Reklamemittel, und bereitete die Werbeträger nach Art des Hauses auf. Logos ("Wiener Stadtwerke") wurden mit dem Schriftzug "80 Jahre Weidinger" überklebt.

Die Weidinger-Methode ist die hohe Schule der Improvisation, der Fast-nicht-Veränderung während Jahrzehnten. Seit knapp 100 Jahren überdauert die Institution mit den von Nikotin imprägnierten Wänden, den häufig defekten Deckenleuchtern und den nach wie vor sensationell niedrigen Preisen die Zeitläufte. Die Chronik des Cafés nennt Namen und Zahlen: Nikolaus Weidinger übernahm 1928 eine an dieser Stelle bereits seit den 1880er-Jahren bestehende Gaststätte und gestaltete sie zum Café um: "Gestützt auf langjährige Tätigkeit", avisierte der Kaffeesieder die Neueröffnung seinerzeit mit wohlgesetzten Worten, "werde ich bestrebt sein, meine geehrten Gäste durch Verabreichung vorzüglicher Getränke bei aufmerksamer Bedienung auf das Beste zufriedenzustellen."
Sohn Ernst, der bald zu einer zentralen Figur der jüngeren Wiener Kaffeehaus­geschichte wurde, stieg 1949 in den Betrieb ein – der heute 84-Jährige verbrachte fast sein ganzes Leben im Weidinger. ­Viele Jahre führte seine Frau Anneliese, heute 68, das Geschäft; Sohn Nikolaus und ­Tochter Anna stehen dem Familienunternehmen nun gemeinsam in dritter Generation vor.
Das Lokal mit der Adresse Lerchenfelder Gürtel 1 wird mittlerweile von einem benachbarten Kinocenter, ein Albtraum aus Beton und Glas, überragt. Es ist, als ob sich das Weidinger vor dem Klotz wegduckte. Wo einst Pferdefuhrwerke ihre Schleifen zogen, wälzt sich tagein, tagaus eine Blechlawine an den Fenstern des Cafés mit dem schmucklosen Interieur entlang, eine Gehsteigsbreite Distanz.
Der Innenraum des Weidinger ähnelt dagegen einer Zeitkapsel, einem durch fortwährendes Wischen und Saubermachen grau und stumpf gewordenen Refugium: Wer hier arbeitet, geht hier in Pension. Es gibt Gäste, die das Etablissement seit 1936 besuchen, manche statten dem Weidinger drei Visiten am Tag ab, man könnte die Uhr danach stellen: Morgenkaffee, Nachmittagsjause, abends Kartenspiel.
Im Keller mit der seit beinah einem halben Jahrhundert in Betrieb befindlichen Kegelbahn, einem Technikwunderwerk ihrer Zeit, versammeln sich bis heute jeden Mittwoch die Mitglieder der Chorvereinigung Jung-Wien in mit Fotos und Memorabilia geschmückten Vereinsräumen; das jüngste Mitglied ist 80, der Sangessenior hat gerade seinen 95er gefeiert.
Zuweilen finden sich die Bewohner des Planeten Weidinger in der Außenwelt nur mit Mühe zurecht: Einem langjährigen Besucher namens Fidi wurde vom Ober, ohne jedes Nachfragen, jahrelang eine Kaffeeschale mit besonders viel Milch serviert. Eine Köchin des Weidinger rief in anderen Gasthöfen oft Verwirrung hervor, orderte sie beim Personal einen "Fidi-Kaffee".

"Es gibt Stammgäste, die ich von Kindesbeinen an kenne. Es ist mitunter wie in einer immens großen Familie", sagt Anna Karnitscher. Anneliese Weidinger, die Mutter der Neo-Chefin, kann sich an Zeiten erinnern, als die Räume des Lokals noch mit einem großen Ofen beheizt und Eisblöcke zur Kühlung der verderblichen Ware geliefert wurden, als das Weidinger auch ein reines Männerkaffee war. Eisgrube und Kohlenrutsche, prähistorische Einrichtungen, wären ohne großes Aufhebens reaktivierbar. Die letzte maßgebliche Veränderung im Gastraum stammt aus der Zeit der vergangenen Fußballweltmeisterschaft. Der Montage des TV-Geräts, das inzwischen auf einem Bildschirmhalter hoch über den Köpfen der Kartenspieler schwebt, gingen im Familienrat der Weidingers lange Diskussionen voraus.

Wolfgang Paterno in FALTER 48/2008 vom 28.11.2008 (S. 41)


Rezension aus FALTER 3/2006

Ohne Simone

Das Hawelka ist natürlich auch drin. So wie alle anderen Touristenkaffeehäuser der Stadt. Aber auch weniger bekannte Exemplare der Wiener Institution bespricht Falter-Redakteur Christopher Wurmdobler in seinem neuen - mit Fotos von Gerhard Wasserbauer schön bebilderten - Buch. "Kaffeehäuser in Wien" ist nicht nur für Wienbesucher, man lernt auch als geübter Kaffeehaussitzer einiges dazu: über die Geschichte des eigenen Stammlokals zum Beispiel, oder man erfährt wo es ein ähnlich gemütliches Café gibt in der Stadt. Rund hundert Kaffeehäuser hat Wurmdobler kritisch beäugt, ist Probe gesessen, hat den kleinen Braunen gekostet und das Zeitungsangebot geprüft. Nur echte Kaffeehäuser schafften es ins Buch, kleine Grätzelbeisln ("Espresso Monika" oder "Café Simone") kommen nicht vor. In einem Kaffeehaus-Abc zu Beginn erfährt man denn auch, was ein richtiges Kaffeehaus ausmacht: Dort bekommt man zum Kaffee ein Glas Wasser mit einem Löffel darauf, dessen "Gesicht" nach unten zeigt, man isst Mehlspeisen oder Appetitbrote, und will man beim ruppig-charmanten Ober noch was bestellen, ruft man "'Tschuign!".

Martina Stemmer in FALTER 3/2006 vom 20.01.2006 (S. 64)


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