Das Jüdische Echo 2015/16
Identität? Welche Identität? Wer sind wir, was sind wir und wie lange lässt man es uns noch sein?

€ 14,50
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Verlag: Falter Verlag
Erscheinungsdatum: 09.11.2015

Rezension aus FALTER 49/2015

Integrationsunwillig?

Die Frage nach der jüdischen Identität ist eine große und andauernde, und deshalb macht es Sinn, dass die aktuelle Ausgabe des Jüdischen Echos sich diesem Thema nicht nur unter dem Aspekt „Wer sind wir?“ nähert, sondern vor allem auch den bangen Gedanken nachschiebt „Wie lange lässt man es uns noch sein?“.
Zur Frage, was Jüdisch-Sein heute bedeutet, versammelt das Blatt etwa die Journalistinnen Joana Radzyner, Susanne Scholl und Anna Goldenberg sowie die Autorin Eva Menasse, die sich dem Thema aus persönlicher Sicht stellen. Jüdisch-Sein lässt sich nicht in einem Satz erklären, es braucht eine Erzählung, meist eine so spannende, dass man schon den nächsten mitteleuropäischen Familienroman daraus basteln könnte. Menasse hat das mit „Vienna“ bereits getan, Goldenberg ist gerade dabei, ihre Familiengeschichte aufzuschreiben.
Hochinteressant ist Ruth Wodaks Analyse zum Begriff „Integrationsunwillige“, den die Sprachwissenschaftlerin im Rahmen einer Studie untersucht hat. Wodak weist nach, dass sich der Diskurs über Fremde massiv „ökonomisiert“ hat. Der sogenannte „Nutzentopos“ lässt sich seit den 1990er-Jahren in Integrationsdebatten nachweisen und gipfelt in der aktuellen Forderung nach „Integration durch Leistung!“. Er wird bis 2010 fast ausschließlich von Vertretern der FPÖ verwendet, dann zunehmend im Boulevard und ab Mitte 2014 im gesamten politischen Spektrum – ist also im gesellschaftspolitischen Mainstream angekommen.
Der neue Direktor des Wien Museums, Matti Bunzl, steuert einen schönen Gedanken bei, wie sich viele verschiedene Identitäten – in seinem Fall die des Sohns einer jüdischen Familie, der schwul ist und den Großteil seines Lebens in den USA verbracht hat – vereinen lassen. In Amerika gäbe es dafür den Begriff der „hyphenated identity“, der „Bindestrich-Identität“. Zeit, dass er auch in Österreich ankommt.

Barbaba Tóth in FALTER 49/2015 vom 04.12.2015 (S. 20)


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