Dangerous Crossroads
Popmusik, Postmoderne und die Poesie des Lokalen

von George Lipsitz, Diedrich Diederichsen

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Hannibal
Erscheinungsdatum: 01.01.1999

Rezension aus FALTER 12/2000

Ein Universitätsprofessor für "Ethnic Studies" in San Diego, Kalifornien, begibt sich an die Schnittstellen zwischen Popmusik, ihren bisweilen "exotischen" Einflüssen und der alles vereinnahmenden Industrie.
Es ist der weltweit wohl erste buchlange Versuch, subversive lokale Elemente von (Pop-)Musik und die globale Vermarktung ebendieser Musik zu untersuchen, den George Lipsitz da unternommen hat. Der kalifornische Universitätsprofessor beleuchtet die häufig verschlungenen Pfade, auf denen aus den verschiedensten Einflüssen neue Musikgattungen entstanden, die die Grenzen des bisher Bekannten sprengten. So stellt HipHop für ihn "Grundideen von kultureller Produktion infrage, wenn ständig zitiert, übernommen oder auch gestohlen wird, was zu einem gemeinsamen kulturellen Gedächtnis gehört." Und dazu gehört eben nicht nur Funk a la James Brown.
Womit wir beim Kapital wären. Denn im Gefolge von Kraftwerk, die von sich behaupten können, die einzige weiße Band zu sein, die schwarze Musik(er) nachgehend beeinflusst hat und dementsprechend oft gesampelt wird, erreichte in den Achtzigern viel "weiße" Musik von den Eurythmics bis zu Sting schwarze Jugendliche. Produzenten wie Puff Daddy müssen sich den Vorwurf gefallen lassen, mit dem Ausborgen ganzer Stücke wie "Every Breath You Take" lediglich möglichst viele weiße Hörer, zu deren musikalischer Sozialisation Stücke wie das genannte gehören, ansprechen zu wollen. Der Gipfel dieser Tendenz: Kürzlich veröffentlichte das weibliche Rap-Trio Salt 'n' Pepa ein Stück, das auf Pink Floyds "Another Brick in the Wall" basiert und ziemlich schauerlich klingt. Lipsitz beschreibt anhand zahlreicher Beispiele und in erfreulich unakademischer Sprache, die glücklicherweise auch Übersetzer Diedrich Diederichsen beibehalten hat, dass Einflüsse einen immer und überall erwischen und damit auch von allen Plätzen der Welt herkommen können. Und dass es mit den oft mehrmals verwickelten Einflussverhältnissen - so wurde Puff Daddy mit Sting von einem weißen Musiker inspiriert, dessen Band Police starke Reggae-Einschläge hatte, von denen im von Puff Daddy verwurstelten Lied allerdings nicht viel zu hören ist - leicht zu Missverständnissen kommen kann. Und es auch häufig tut.
So wird die Geschichte eines Afrikaners erzählt, der aufgrund von Pete Seegers Teilnahme an der Bürgerrechtsbewegung glaubte, der Folk-Sänger sei schwarzer Hautfarbe: "Als der Afrikaner wegen seines Glaubens über Seegers ,ethnische Zugehörigkeit' in den USA in einen Disput verwickelt wurde, zeigte ihm sein Widerpart ein Bild von Seeger, das den klar als weiß erkennen ließ. Aber der Afrikaner blieb unnachgiebig. 'Ich weiß, dass Pete Seeger schwarz ist', antwortete er. 'Wieso soll ich meine Meinung ändern, nur weil ich sein Gesicht gesehen habe?'"
Oft läuft auch die Vermittlung von Wissen über Geschichte und Kultur des eigenen Landes über ungewöhnliche Wege. So etwa im Fall des nigerianischen Afro-Beat-Gottes Fela Kuti, der seine radikale politische Einstellung in Los Angeles entwickelte, wo er mehr über die Geschichte der Schwarzen und über Afrika erfuhr als in Nigeria: "Mir wurde klar, dass ich kein Land hatte, in das ich gehörte. Ich beschloss, zurückzugehen und mein Land afrikanisch werden zu lassen."
"Dangerous Crossroads" präsentiert sich ebenso gekonnt arrangiert, wie es faktenreich ist, und stellt eine lesenswerte Mischung aus Cultural Studies und Anekdotensammlung dar. Lipsitz' Resümee kann angesichts der Vereinnahmung "exotischer" Musik durch westliche Konzerne und eskapistische Hörer jedoch nicht wirklich positiv ausfallen. Wie gut wir mit den gefährlichen Kreuzungen, an denen Musik und Kapital aufeinander treffen, umgehen, "könnte unsere Zukunft mitbestimmen - und ob wir überhaupt eine Zukunft haben. Gefahren lauern an der Kreuzung, aber sie sind lange nicht so gefährlich, als wenn wir sie ignorieren."

Sebastian Fasthuber in FALTER 12/2000 vom 24.03.2000 (S. 35)


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