Bass Culture. Der Siegeszug des Reaggae
Mit einem Vorwort von Prince Buster

von Lloyd Bradley, Bernhard Joseph

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Hannibal
Erscheinungsdatum: 01.01.2003

Rezension aus FALTER 17/2003

Der englische Musikjournalist Lloyd Bradley legt mit der liebevoll rekonstruierten Chronik "Bass Culture" die definitive Geschichte des Reggae vor.

Für viele Menschen sind Bob Marley und Reggae eins. Erstaunlicherweise jedoch hätte er während der Zeit, in der er zum bekanntesten Namen der jamaikanischen Musik avancierte, kaum weiter von dieser Musik entfernt sein können. Was um ihn herum vorging, hinterließ kaum noch einen Eindruck in seiner Welt und umgekehrt."

Die Erkenntnis, dass der nach wie vor weltweit auf schlecht bedruckten T-Shirts präsente Rasta-Botschafter möglicherweise gar nicht der bedeutendste Reggaekünstler aller Zeiten ist, geht Lloyd Bradley erfreulich locker über die Lippen. Vorrangig am Mythos Marley interessierte Leser wären demnach mit einer der zahlreichen Jubelbiografien besser bedient. Wer jedoch mehr über die teilweise zeitlos schöne und generell extrem einflussreiche Musik Jamaikas erfahren möchte, für den hat der englische Mojo-Journalist mit "Bass Culture" die bislang umfassendste Geschichte des Reggae verfasst.

Was macht den Schmöker so unverzichtbar? Er rekonstruiert minutiös, wie in einem kleinen Karibikstaat mit weit geringerer Population als Österreich eine der wichtigsten Popmusiken der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts entstand: Man verschmolz die Liebe zum amerikanischen R 'n' B und Soul mit der reichen (volks-)musikalischen Tradition der Insel und war dazu stets um ein Weiterbringen des Sounds durch Innovationen bestrebt. Schließlich musste jedes einzelne grätzeleigene Soundsystem immer die heißesten Scheiben und neuesten Rhythmen exklusiv parat haben.

Bradley beschränkt sich in seiner Darstellung aber nicht allein auf eine Chronik der soundtechnischen Ereignisse, sondern weiß, dass sich Musikgeschichtsschreibung nur unter Einbindung der jeweiligen politischen, sozialen und religiösen Verhältnisse seriös betreiben lässt. So erwies sich etwa die zunehmende Spaltung der Kingstoner Bevölkerung in Mittelständler und Ghettobewohner musikalisch als äußerst fruchtbar - sahen Letztere im Singen und Spielen doch ihre einzige Chance auf ein halbwegs vernünftiges Einkommen.

Ein Einkommen, das für Komponisten von weltweit hunderttausendfach verkauften Songs (nach England waren in den Siebzigern immer weitere Teile Europas mit dem Reggaevirus infiziert worden) freilich nicht mehr als ein Hohn war: "Was finanzielle Ausbeutung betrifft, so hatte sich im internationalen Reggae ein System entwickelt, das diese nach unten weitergab: Viele Produzenten wurden von britischen Plattenfirmen schlimm geleimt, und die Produzenten wiederum hauten mit ähnlicher Begeisterung ihre Künstler übers Ohr."

"Bass Culture" ist nicht zuletzt auch die Geschichte des Leidens eines kleinen karibischen Volks, das sich aber nie unterkriegen ließ und neben einer Reihe wichtiger Einzelpersonen wie dem Soundsystem-Innovator Prince Buster, dem genialen Lee Perry sowie dem Dub-Erfinder King Tubby eine unglaubliche Masse an heute immer noch sehr gut hörbaren R-'n'-B-, Ska-, Rocksteady-, Roots- und Dub-Platten hervorbrachte.

Freilich ist Bradley wie jeder Geschichtsschreiber gnadenlos subjektiv: Während er sich ausufernd den Sechziger- und Siebzigerjahren widmet, räumt er der teilweise gewalttätigen Ragga- und Dancehall-Szene der letzten beiden Jahrzehnte gerade mal ein paar Seiten ein. Hier scheint die Erfolgsgeschichte des Reggae für den Autor an ein Ende gekommen zu sein. Nach den Wochenend-Dances der Frühzeit, als die ganze Familie mitsamt Großeltern zu Soundsystem-Musik tanzte, würden die Gangsta-Exzesse der Jetztzeit freilich auch in ein anderes Buch gehören.

Sebastian Fasthuber in FALTER 17/2003 vom 25.04.2003 (S. 62)


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