Theater im "Wiederaufbau"
Zur Kulturpolitik im österreichischen Parteien- und Verbändestaat

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Autor(en): Evelyn Deutsch-Schreiner
Verlag/Label: Sonderzahl
Format: Hardcover
Umfang: 432 Seiten
Erscheinungsdatum: 01.01.2000

Rezension aus FALTER 41/2001

Sozialpartnerschaft im Theater: "Theater im
Wiederaufbau'" legt Ziele und Methoden der politischen Interessengruppen offen.

Kennen Sie die "Wiener Dramaturgie"? Was sich relativ harmlos anhört, war ab 1957 bis Mitte der Sechzigerjahre das deutlichste Beispiel dafür, dass es sozialpartnerschaftliche Strukturen auch im Bereich des Theaters gab. Die Wiener Dramaturgie war für die Ausgabe der Generalthemen der Wiener Festwochen zuständig, sie suchte einen "Wiener Stil", stimmte unter Ausschluss der Öffentlichkeit die Spielpläne der Wiener Großbühnen aufeinander ab und versuchte so auseinander strebende Kräfte zu harmonisieren.

"Die Wiener Dramaturgie", so schreibt die Grazer Universitätsprofessorin für Dramaturgie, Theater- und Literaturgeschichte Evelyn Deutsch-Schreiner in ihrer umfangreichen wissenschaftlichen Arbeit "Theater im Wiederaufbau'", "war ein Steuerinstrument in Theaterangelegenheiten, was der politischen Kultur einer Gesellschaft entsprach, die von Skepsis gegenüber Risiko und Wettbewerb getragen war und Interessenausgleich und Harmonisierung in allen Lebensbereichen anstrebte."

Das Kollegium aus Theaterleuten und sogar Journalisten wurde pikanterweise von dem prominenten Nazi-Germanisten und Gründer des Instituts für Theaterwissenschaft Heinz Kindermann einberufen. Kindermann war nur kurz im Zuge des Verbotsgesetzes seines Postens enthoben, 1954 kehrte er schon wieder zurück und besetzte zahlreiche wichtige Stellen im Kulturleben. Die Wiener Dramaturgie hat sehr effizient die Gesetze von Konkurrenz und Überraschung ausgeschaltet, was dem Theaterleben wohl viel von seiner Spannung genommen hat.

Warum Theater in Österreich (noch) immer mehr als Theater ist und als symbolisches Feld herhalten muss, auf dem oder über das ideologische Gegnerschaften ausgetragen werden, dafür gibt es viele Ursachen. Evelyn Deutsch-Schreiner legt Wurzeln bloß, die in dieser umfassenden Art bisher noch nicht abgehandelt wurden. Nach 1945 wird dem Theater als Propaganda- und Erziehungsinstrument eine hervorragende Stellung eingeräumt, man glaubt fest daran, Theater könne zur Formung eines "neuen Menschen" beitragen. Wie dieser "neue Mensch" auszusehen habe - und damit auch die Kunst, die ihn hervorbringen soll -, darin divergierten die verschiedenen Parteien.



Der sozialdemokratischen Seite (SPÖ und ÖGB) ging es darum, Zugang zur Kunst für alle zu schaffen und sich dem bürgerlichen Bildungsprivileg breitenwirksam anzunähern. Ästhetisch blieb man konservativ bis ideenlos. Die Kommunisten hatten ihr fortschrittliches Theatermodell "Scala", bekamen aber mehr und mehr die Auswirkungen des Kalten Krieges zu spüren. Den US-amerikanischen Besatzern ging es darum, die kulturelle Vormachtstellung ihrer Hemisphäre durchzusetzen.

Die "katholische" und die "konservative Domäne", geprägt von der ÖVP, verteidigte das Theater als bürgerliche Bastion (schöne und zeitlose Elitekunst, Frauen sollten keine Hosen im Theater tragen!) und hielt zudem an der längst unzeitgemäßen Form der kirchlichen Spiele fest. In einem weit gefassten Theaterbegriff wird auch der große Festzug der Pummerin im Jahr 1952 als katholische Machtinszenierung begriffen. Weil die Geschichte der politischen Einflussnahme vor allem eine der Verhinderung von wirklich zeitgemäßen Theaterformen war, behandelt ein Kapitel die Theaterexperimente der "Wiener Gruppe".

"Theater im Wiederaufbau'" ist aus einer Habilitation entstanden, was man dem gut recherchierten und spannend zu lesenden Buch, das angenehmerweise auch eine Haltung einnimmt, noch deutlich ansieht. Manches - wie das Kirchenspiel der Laiengruppen - möchte man allerdings gar nicht so genau wissen.

Karin Cerny in FALTER 41/2001 vom 12.10.2001 (S. 39)


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