Keine Namen
Roman

von Lucas Cejpek

€ 16,00
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Verlag: Sonderzahl
Format: Taschenbuch
Genre: Belletristik/Erzählende Literatur
Umfang: 176 Seiten
Erscheinungsdatum: 01.01.2001

Rezension aus FALTER 1-2/2001

Der deutsche Künstler Theo Altenberg hat das Treiben der so genannten Mühl-Kommune fotografisch festgehalten. Zum einen sind es Bilder der berühmt-berüchtigten Selbstdarstellungen, bei denen sich die Beteiligten den Frust über ihre bürgerliche Herkunft aus dem Leib brüllten. Es finden sich aber auch alltägliche Szenen dabei, Menschen bei der Tomatenernte oder beim Anstellen vor der Feldküche. Verzückte Glatzköpfe, Ausdruckstänze, die Utopie des kollektiven Sichgehenlassens: Dieses Buch ist das beste Argument gegen freie Sexualität. Ein umfangreiches Gespräch mit Altenberg und einige Manifeste ergänzen die Darstellung.Lucas Cejpek präsentiert in seinem Roman "Keine Namen" die fingierten Bekenntnisse eines Spitzels im Innenministerium.

Wenn die Belagerung länger dauert, ist die Küche ideal. Mit Wasseranschluss, und man ist bewaffnet. Dann steche ich zu." Willkommen in der Welt der Paranoia, in der mit allem, besonders aber mit dem äußerst Unwahrscheinlichen zu rechnen ist und ergo die entsprechenden Vorkehrungen zu treffen sind. Der da die Verbarrikadierungsmaßnahmen für den Ernstfall skizziert, ist im Übrigen durch seinen Beruf zum Paranoiker geworden. Der namenlose Protagonist in Lucas Cejpeks Roman "Keine Namen" ist ein Beamter des Innenministeriums, der als Spitzel mit streng vertraulichen Informationen handelt.

Doch in jedem Paranoiker steckt auch die Lust, die Deckung zur verlassen: Einmal die mühsamen tagtäglichen Vorkehrungen zur Vermeidung des Unglücks abschütteln, stattdessen vollständig loslassen und sich seiner Umwelt offenbaren. Und das macht Cejpeks Held denn auch. Er wendet sich an eine Journalistin, die seine Bekenntnisse aufzeichnen soll. Diese stumm bleibende Protokollantin wird Zeugin eines Akts der Selbstentblößung, der Einblick in einen hochgradig gestörten und äußerst grauslichen, aufgrund seiner Intelligenz und ungewöhnlichen Ausstrahlung aber auch sehr interessanten Menschen gewährt.

Auf der anderen Seite ist Cejpeks Protagonist gar nicht so außergewöhnlich, wie er gerne vorgeben möchte. Letztlich handelt es sich bei seinen Darlegungen des Spitzelwesens um nichts anderes als das jedem Berufstätigen eigene Wissen über die Mechanismen von Hierarchien, das Ausbremsen von Konkurrenten. Kein Wunder, dass dem bekenntnisfreudigen Beamten Geld als unhinterfragbare Macht gilt: "Es geht um Geld und sonst nichts. / Ich weiß nicht, was sie wollen. Da gibt es wirklich nichts zu verstehn. Es ist doch schön, dass es so viel davon gibt. Und in Reichweite. / Prinzipiell für jeden."



Die Idee zu dem fingierten Bekenntnisroman "Keine Namen" ereilte Lucas Cejpek 1996 bei der Lektüre des Zeitschriftenbuchs "Verrat an Österreich", das die Kontakte des österreichischen Geheimdiensts zu Stasi und Securitate zum Thema hat. Seitdem ist der Handel mit geheimen Informationen - Stichwort "Spitzelaffäre" - immer stärker ins öffentliche Bewusstsein gerückt. Es ging Cejpek aber nicht darum, unter Ausnutzung der Akualität ein Buch zu einem "heißen Thema" zu verfassen. Der promovierte Germanist und Musil-Spezialist interessiert sich viel mehr für Sprache und die Art und Weise, wie der Protagonist sich dadurch bloßstellt.

Gerne setzt sich der Autor zwischen alle Stühle: Er entzieht sich der vorherrschenden Vorliebe, eine nacherzählbare Handlung voranzutreiben, interessiert sich aber ebenso wenig für rein experimentelle Literatur. Dafür hat Cejpek, der mit Interesse Talkshows verfolgt, wie kaum ein anderer deutschsprachiger Autor die realitätsprägenden Sprechformen des Fernsehens in sein Schreiben aufgenommen. Das alles macht "Keine Namen" zu einem inhaltlich und formal spannenden Buch für alle, die ihre Wahrnehmung zeitgenössischer österreichischer Literatur nicht auf Menasse, Jelinek und Haslinger beschränken wollen.

Martin Droschke in FALTER 1-2/2001 vom 12.01.2001 (S. 100)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Das Paradies Experiment (Theo Altenberg)

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