Helden der Kunst - Helden der Liebe

von Gustav Ernst

€ 16,00
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Verlag: Sonderzahl
Format: Taschenbuch
Genre: Belletristik/Erzählende Literatur
Umfang: 166 Seiten
Erscheinungsdatum: 01.08.2008

Rezension aus FALTER 42/2008

Luc und Gerry quatschen über Geld und Weiber

Es ist von Vorteil, wenn der Leser des Buchs etwa das Alter des Autors und seiner Helden hat (60+); dann sind ihm die Themen geläufig, die Männer abhandeln, auch wenn sie Dichter sind: Prostata, Koloskopie, PSA-Test. Es ist auch gut, wenn der Leser Literaturkritiker ist; dann kennt er die Branchenegozentrik der Dichter, ihre Klagen und Ausfälle.

Das Vertrauen in Humanität, Idealismus und Abendland verabschiedet zu haben sowie des zugehörigen literarischen Zungenschlags überdrüssig zu sein, ist bei der Lektüre von Gustav Ernst ebenfalls hilfreich. Es hilft des Weiteren, von der Wahrheit des Banalen überzeugt zu sein: in der Liebe das Interesse am Ficken, in der Kunst das Interesse an den Verkaufszahlen. Es hilft zweifellos, Materialist zu sein, wenn man Gustav Ernst liest.
Ernst hat in seinem neuen Buch Dichterstimmen gesammelt. Er besucht die Helden der Kunst und der Liebe in ihrem Alltag, und das genügt, die Denkmäler zu Gartenzwergen schrumpfen zu lassen. Aber es ist eines der dezenten Bücher Gustav Ernsts: Der Alltag braucht satirisch kaum bearbeitet zu werden, um zur Satire zu taugen.
Die Dichterfreunde Luc und Gerry (60+), fahren auf der Autobahn nach Deutschland zu einer Lesung (900 Euro kriegt jeder dafür). Ernst belauscht kommentarlos ihre Gespräche: über die Unverlässlichkeit des Körpers, die Unumgänglichkeit und Beschwerlichkeit des Geldverdienens, über Frauen, Frauen, Frauen, die Unumgänglichkeit und Beschwerlichkeit des Geschlechtsverkehrs. Gelegentlich hat man Hunger oder Harndrang; dann hält man an einer Raststätte.
Gegen Ende der Fahrt kommt es unvermutet zu einem schrecklichen Unfall: blutende schreiende, leblose Körper auf der Fahrbahn; ein Flash, der die ganze Flachheit des Dichtergesprächs augenblicklich klar macht, ein dringender Hinweis darauf, dass die Welt und ihre Zumutungen noch existieren. Das ganze Dichterhandwerk wird verdächtig, zumal die Dichter unbeeindruckt fortfahren in ihrem Tratsch.
Das muss man mal können: Zwei einfach reden lassen, stundenlang (aber in "O-Tönen" war Ernst immer gut). Das hat auch eine gewisse themenunabhängige Spannung, zuzuschauen nämlich, wie und wieso die Rede voranschreitet, wie sie sich staut an kleinen Begriffsstutzigkeiten und Rechthabereien, wie sie die Redenden ungewollt bloßstellt. Man braucht nur für möglich zu halten, dass die von Geistesmenschen abgesonderten Banalitäten mehr über diese aussagen, als was sie an Geist absondern. Kleinlich sind Geistesgrößen allemal genauso wie Geisteskleine. Gelegentlich entsteht durch Themenpenetranz bernhardesker Humor.
Der zweite Teil des Buches besteht – alternierend verzahnt mit den Autoautorengesprächen – aus einer Stimmensammlung aus dem Fundus literarischer Gesellschaften in den Wiener Kaffeehäusern Prückel, Hummel, Ritter, Bräunerhof, Museum, Alt Wien und Engländer.
Es geht um Literatur, um Poetologien, ums Leiden am Geld, an der Familie, an der Konkurrenz; man spricht über niederschmetternde Schreibkrisen, betreibt Selbsterhöhung und Selbsterniedrigung, bricht aus in Aggression.

Alles wirkt authentisch, regt einen zumindest zum Mitgrinsen, vielleicht auch zum Mitgefühl oder zum Verständnis an. Denn das Elend des Dichterberufs besteht nicht zuletzt darin, dass Erfolg und Misserfolg viel existenziellere Bedeutung haben als in anderen Berufen. Und zwar nicht nur hinsichtlich der materiellen Belange, sondern vor allem, was die Psyche betrifft: Der Dichter produziert und verkauft nicht irgendeine Ware, er produziert und verkauft sich. Entsprechend schlimmer ist die Krise oder die vermutete Benachteiligung, entsprechend größer sind Neid, Wut und Befriedigung.
Gustav Ernsts Buch ist zumindest amüsant, sorgt darüber hinaus eventuell für Aufklärung und Anteilnahme und ist also nicht nur für 60+, Literaturkritiker und Materialisten lesenswert, sondern für alle, die sich für Literatur interessieren.

Helmut Gollner in FALTER 42/2008 vom 17.10.2008 (S. 30)


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