Jenseits der Linie
Ausgewählte philosophische Erzählungen

von Rudolf Burger

€ 25,00
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Verlag: Sonderzahl
Format: Taschenbuch
Genre: Philosophie
Umfang: 388 Seiten
Erscheinungsdatum: 01.12.2008

Rezension aus FALTER 11/2009

Wege ins Freie, ins Abseits, ins Nichts

Die "Linie" als Trennstrich zwischen zwei Sphären ist eine alte Denkfigur. In der Neuzeit wurde sie, aller ihr davor innewohnenden religiösen Heilserwartung entkleidet, zu einem Aufmarschgebiet des Skeptizismus: Montaigne wunderte sich, dass ein Gebirgszug die Wahrheit der einen Region von der einer anderen trennen könne; Pascal staunte über drei Breitengrade, die die Macht besäßen, die gesamte Jurisprudenz über den Haufen zu werfen, und Carl Schmitt beschrieb die Neue Welt der Conquistadores als eine Zone, in der Recht und Unrecht außer Kraft gesetzt seien und in der stattdessen die entfesselte Gewalt tobe.
Ernst Jünger war es vorbehalten, derartige Irritationen ins Positive zu wenden: Den Antagonismus von verweichlichtem Bürger und vitalistischem Krieger sah er an einer kommenden Zeitgrenze sich auflösen und verkündete eine von alten Werten radikal befreite, vom Kriegertypus geprägte Gesellschaft. Wiewohl Heidegger zugedacht, forderte seine 1950 erschienene Schrift "Über die Linie" dessen (durchaus wohlwollenden) Einspruch heraus.

In diesem geistesgeschichtlich aufgeladenen Feld nennt Rudolf Burger seine neue Essaysammlung "Jenseits der Linie" und spielt damit auf einen Willen zu Überschreitung und Entgrenzung an, von dem niemals im Vorhinein ausgemacht ist, ob er ins Freie oder ins Abseits führt. Jedenfalls geht es um "gefährliches" Denken, das sich vornimmt, das Juste-milieu links und rechts liegen zu lassen und in eisige, aber gereinigte und von Klarheit durchdrungene Zonen der Reflexion vorzustoßen.
Als Physiker kennt Burger die naturwissenschaftliche Schärfung des Blicks, als Philosoph die Freuden des gedanklichen Alleingangs, als Machtmensch in Ministerien und Universitätshierarchien die auf Kompromiss gebaute Sphäre des öffentlichen Lebens. Dementspechend vielfältig sind seine Interessen: Politisch reichen sie vom Powerplay der neuen Weltmächte bis zur Verzwergung der österreichischen Innenpolitik, philosophisch von einer Relektüre klassischer Schriften bis zu einem Abgesang auf die Postmoderne, ästhetisch von Idealen der griechischen Welt bis zu Paul Valérys hochartifizieller Prosa.
Aus diesem breiten Spielmaterial der Reflexion versammelt der neue Band 19 zu "philosophischen Erzählungen" geronnene, sowohl nach Auswahl als auch nach Zusammenstellung höchst uneinheitliche Texte aus den Jahren 1986 bis 1993, die (bis auf eine Ausnahme) bereits in älteren Bänden zugänglich waren. Sie umkreisen im weitesten Sinne die Frage der Postmoderne, während die zwischen 2001 und 2008 entstandenen, hier erstmals in Buchform erscheinenden Beiträge keinerlei gemeinsamen Fokus erkennen lassen.
Diese Disparität des Textmaterials gereicht dem Band jedoch nicht zum Nachteil, sondern lenkt den Blick auf Kontinuitäten des Burger'schen Denkens: im Wiederaufgreifen von Themen, Argumentationsstrategien, Ahnherren (Ahnfrauen gibt es nicht). Schnell wird klar, dass es keinen "frühen" oder "späten" Burger gibt, keinen leicht zu vereinnahmenden hier oder schwer zu verdauenden dort. Fast in jedem Aufsatz spielt Burger auf der ganzen ihm zur Verfügung stehenden Klaviatur: von lakonischer Analyse bis zu kalkulierter Provokation, von dick aufgetragenem Understatement bis zu asketischem Pathos.
Burger kann ein großer Stilist sein, wenn es ihm gelingt, eine Vielzahl von Gedanken auf engstem Raum zusammenzupressen und in gedanklich und ästhetisch zwingende Satzgebilde explodieren zu lassen, so wenn er etwa eine ehemals viel diskutierte Geistesmode mit wenigen Federstrichen verabschiedet: "Die Postmoderne war nur ein passageres Phänomen, die letzte Kopfbewegung der Moderne selber – oder besser gesagt: ihr Kopfschütteln. Sie hat damit ideologischen Ballast abgeworfen: den Ballast der Utopie. Erfrischt, erleichtert und brutalisiert tritt aus dem postmodernen Tumult – eine modernisierte Moderne hervor." Angesichts derart gelungener Wendungen, von denen es in den Aufsätzen wahrlich viele gibt, nimmt es Wunder, dass sich Burger an anderen Stellen oft ganz ohne Not auf fachphilosophische Terminologie und langatmiges Begriffsgeklimper zurückzieht, die sich dann lesen, als seien sie geradezu gegen eine ohnedies schmale Öffentlichkeit geschrieben.

Burger beginnt seinen Textreigen mit einem Aufsatz über Hegel und die Revolution und lässt ihn mit einem über Stirner und den Nihilismus enden. Da er für diese Anordnung die Folge der Texte aufgebrochen hat, liegt es nahe, dahinter etwas Programmatisches zu vermuten. Und wirklich wohnt man einer Reise aus einer ohnehin schon erheblichen Desillusionierung in eine ans Äußerste getriebene bei. Nicht Trostlosigkeit erwartet den Leser jedoch am Ende, sondern eine funkelnde Lobrede auf einen geradezu heiteren, jedenfalls vollkommen gelassenen Atheismus, der, von allen Schnörkeln des Pathos befreit, eine Wirklichkeit der menschlichen Bestimmung in aller gebotenen Kühle auszusprechen wagt: das lautlose, endgültige Verschwinden im Tod.
Ein heidnisches Bewusstsein auf Basis antiker Wertvorstellungen ist ein roter Faden, der sich durch die Texte zieht, die Berufung auf eine klassische Moderne ein anderer. Beide verbünden sich gegen einen perhorreszierten Hauptgegner: die Geschichte. Deutlichsten Ausdruck findet diese Haltung in "Die Irrtümer der Gedächtnispolitik", das die gar nicht ruhende Mitte der Textauswahl bildet. Dieses bei seinem Erscheinen 2001 vieldiskutierte "Plädoyer für das Vergessen" stellte damals die erwartbare Begleitmusik zum Verschwinden der letzten Zeugen der Shoah dar.
Indem Burger deren Erfahrungen angeblich hochhielt, geißelte er die Anstrengungen der Historiker und Publizisten, die Österreichs Rolle im Nationalsozialismus in den vergangenen Jahrzehnten im Detail zu erhellen versucht hatten. Zugegeben, dabei ging es oft allzu verspätet moralisch zu, und der geschundene Begriff einer "kollektiven Verdrängung" war wenig durchdacht. Dass jedoch der ganze Vorgang der Erforschung und Dokumentation nicht notwendig oder gar kontraproduktiv gewesen sei, wie Burger insinuiert, ist bloß die perfide Volte eines Liniendenkers als Schlussstrichzieher. Burghart Schmidt hat seinerzeit alles gesagt, was sich gegen diesen Text und seine auch philosophisch unsaubere Argumentation vorbringen lässt (nachzulesen unter: www.igkultur.at).

Doch derart klare Provokationen haben auch ihr Gutes: Sie fordern Burgers Antagonisten heraus, ihre Positionen weniger widersprüchlich zu formulieren und ihre Argumente zu schärfen. Selbst gänzlich undifferenzierte und unelegante Wendungen wie diejenige, wonach sich der Westen im Nahostkonflikt in die "Geiselhaft israelischer Annexionspolitik" begeben habe, können und sollen bestritten werden; ein Fall für bloß moralische Entrüstung sind sie nicht. Wo Burger hingegen die Grenze des guten Geschmacks tatsächlich überschreitet und jenseits der Linie zu liegen kommt, ist der Bereich der Allusionen, die nur hin und wieder, dann aber heftig in die ansonsten mit offenem Visier geschriebenen Texte eingewoben sind.
Bei ihnen handelt es sich dann um keinen direkten Ausdruck etwa von Misogynie oder Antisemitismus, aber sie spielen mit diesen Dauerbegleitern der Provokation. Wie sollte man etwa die Zueignung des Bandes ("Den bildungsfernen Schichten [...], den Modernisierungsverlierern und all jenen, denen die ‚Goldene Adele' am Arsch vorbeigeht"), abgesehen von ihrem Witz, nicht auch als Invektive gegen die Restitution jüdischen Eigentums verstehen? Die Antwort ist einfach: Man soll und man soll nicht – und dieses Spiel hinterlässt mehr als einen schalen Nachgeschmack. Auf diesem Feld wird Burger zum Partisanen – bei Ernst Jünger ("Über den Schmerz" im Band "Blätter und Steine" von 1934) kann man nachlesen, in welch unehrenhaftem Sinne dies gemeint ist.

Stephan Steiner in FALTER 11/2009 vom 13.03.2009 (S. 29)


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