Werke 2
Kommentierte Werkausgabe (Prosa) in drei Bänden

von Werner Kofler, Claudia Dürr, Johann Sonnleitner, Wolfgang Straub

€ 39,00
Lieferung in 2-7 Werktagen

Verlag: Sonderzahl
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 584 Seiten
Erscheinungsdatum: 01.10.2018

Rezension aus FALTER 48/2018

Der wilde Jäger

Vor Werner Kofler war niemand sicher. Die Wutliteratur des großen Stilisten ist jetzt neu zu entdecken

Wo anfangen? Werner Kofler konnte praktisch alles. Seine Prosa war von einer Musikalität, die in der österreichischen Literatur nach 1945 einzigartig geblieben ist. Man kann sich an diesen Texten in einen wahren Rausch lesen. Die Litaneien von Thomas Bernhard, mit dem er oft verglichen wurde und auf den er auch selbst anspielte? Sie wirken im direkten Vergleich zu seinen virtuos mehrstimmigen Werken fast holzhackerhaft grob.

Posthum – Kofler starb 2011 – würdigt ihn nun der Sonderzahl Verlag mit einer umfassenden Ausgabe des nicht sehr umfangreichen, aber umso dichteren Werks in drei Bänden (ein vierter mit verstreuten Texten soll folgen). Sie bietet fast den ganzen Kofler plus einen detaillierten Kommentarapparat, der viele Anspielungen und Zitate erstmals entschlüsselt.

Einen Höhepunkt markiert der Text „Am Schreibtisch“. Er beginnt mit einer Wanderung im Hochgebirge, die der Autor in Begleitung eines Bergführers unternimmt. Immer wieder setzt die Geschichte neu an: Mal erzählt der Stadtmensch, der sich um die Natur Sorgen macht, dann wieder der als sinistrer Geselle gezeichnete Guide. Später befinden wir uns nicht mehr im Gebirge, sondern mit dem Autor am Schreibtisch, der am Ende im Schnee versinkt. Kunstvolle Variationen eines Themas anstatt Wiederholungen mit minimalen Abweichungen, auch in dem Punkt übertraf er Bernhard.

Wie jener begann Kofler, Kaufmannssohn aus Villach („ich kann nicht sagen, es / sei eine unglückliche kindheit gewesen“, schrieb er später), als Jungspund mit kreuzbiederen Texten in Regionalmedien. „Advent in Dämmerung geborgen“ lautete der Titel seiner ersten Veröffentlichung in der Kärntner Volkszeitung. Wo Bernhard von Erfolg zu Erfolg eilte, blieb Kofler zeitlebens Außenseiter. In „Amok und Harmonie“ schrieb er, in Anlehnung an dessen „Holzfällen“: „Eine Einladung zu einem sogenannten künstlerischen Abendessen würde ich, im Gegensatz zu anderen Ich-Erzählern, nicht annehmen, aber eine solche Einladung würde an mich gar nicht erst ergehen.“

Ohne Netzwerke und Fürsprecher war im Literaturbetrieb nie Karriere zu machen. Kofler aber brachte mit seiner widerspenstigen, unbequemen Art alle gegen sich auf. Sein Verleger Klaus Wagenbach schloss einen Brief, in dem er einen Text von ihm ablehnte, mit den Worten: „Lieber Werner, offen und als langjähriger Freund gesprochen: mach endlich eine Entziehungskur.“ Als Montagekünstler verwendete Kofler selbst das als Material. „Ich weiß nicht, war es der Alkohol“, wurde in späteren Werken zu einer beliebten Wendung, wenn sich der Erzähler in Assoziationen zu verheddern schien.

Die Qualität der Texte litt unter der Sauferei keineswegs. Mit dem Zeitgeist vertrugen sie sich aber immer weniger, nach einigen Büchern bei Rowohlt wurden die Verlage fortlaufend kleiner. Als Werner Kofler 2011 in Wien, das er im Grunde hasste, an Lungenkrebs starb, war er so gut wie vergessen. Es gab keine versöhnliche letzte Wendung, das passte zu seinem Charakter.

Ein Punkt, der ihm heute eine größere Leserschaft bescheren könnte, ist die riesige Rage, in die er sich immer wieder hineinschrieb. Ebenso wie die hohe Kunst beherrschte er die tiefen Schläge. Seine Beschimpfungen, die Politiker und Wirtschaftstreibende, Boulevardmedien, aber auch Autorenkollegen trafen, könnten so manchen Hassposter lehren, wie es richtig gemacht wird.

Einmal war es ihm vergönnt, mit seinem Furor für einen Skandal zu sorgen. In „Der Hirt auf dem Felsen“ schrieb er vom „Bildnis des Sensationsreporters Jeanee“, wie dieser „einem rumänischen Kleinkind sein gewaltiges Glied in den Mund steckte“. Krone-Schreiber Michael Jeannée erkannte sich darin und klagte den Autor, Rowohlt sowie kurioserweise auch Klaus Kastberger, über dessen Rezension im Falter er von der Passage erfuhr, auf üble Nachrede. Die Rechtssache endete mit Freisprüchen.

Es wäre nicht Kofler gewesen, hätte er es dabei belassen. Im nächsten Buch „Üble Nachrede – Furcht und Unruhe“ trat er nach, schimpfte noch übler. Dabei machte er geschickt vom Konjunktiv Gebrauch. Jeder Verbalinjurie stellte er eine relativierende Ergänzung zur Seite: „Ich hätte geschrieben: Udo Jürgens, ein Kretin, Peter Alexander, ein Untermensch, nein, falsch, hätte ich gar nicht, Peter Alexander, ein Kretin, Udo Jürgens, ein Untermensch, so hätte ich es geschrieben.“ All das wäre in Koflers umfangreichem nächsten Roman gestanden, hätte er nur das Doderer-Stipendium erhalten. Dieses wurde ihm allerdings verwehrt.

Dass das kleine Buch in der Möglichkeitsform, das solcherart entstand, das größere Kunststück darstellte, war typisch Kofler. Was er schrieb, ist zu einem Gutteil immer noch aktuell. Es gilt etwa für das, was er vor mehr als 40 Jahren zum laxen Umgang mit den Verbrechen des Nationalsozialismus hierzulande zu Papier brachte. In seinem Debüt „Guggile: vom Bravsein und vom Schweinigeln“, das auch der ideale Einstieg in sein Werk ist, heißt es über den damaligen Kärntner Landeshauptmann Leopold Wagner: „er sei seit dreißig jahren ,aufrechter sozialdemokrat‘, werde aber dennoch auch in nationalen kreisen geschätzt; er habe zwar keine napola besucht, sei aber immerhin ,hochgradiger hitlerjunge‘ gewesen (…).“

Bei seinen Schimpfkanonaden – „Racheakte“ nannte er sie selbst – wiederum würde es ausreichen, die Namen der Beleidigten durch heutige Akteure aus Politik und Kultur auszutauschen. Und Koflers Abrechnung mit dem motorisierten Individualverkehr ist ohnehin von zeitloser Luzidität: „Die Erhebungen des Proletariats, die früher so genannten Klassenkämpfe, haben, denke ich, in der Motorisierung des Proletariats ihr Ende gefunden, die Motorisierung des Proletariats als Emanzipation, die Emanzipation und Befriedung des Proletariats als dessen Motorisierung, ein historischer Fortschritt, ein Fortschrittsrückschritt!“
Werner Kofler fehlt.

Sebastian Fasthuber in FALTER 48/2018 vom 30.11.2018 (S. 31)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Werke 1 (Werner Kofler, Claudia Dürr, Johann Sonnleitner, Wolfgang Straub)
Werke 3 (Werner Kofler, Claudia Dürr, Johann Sonnleitner, Wolfgang Straub)

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