Die Fahrt auf dem Katarakt
Eine Autobiographie ohne Helden

von Richard A. Bermann, Hans-Harald Müller

€ 24,00
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Verlag: Picus Verlag
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Briefe, Tagebücher
Umfang: 356 Seiten
Erscheinungsdatum: 01.01.1998

"Eine Autobiographie ohne Helden" nennt Richard A. Bermann seine Lebensgeschichte im Untertitel. Nicht seine privaten Erlebnisse und Angelegenheiten wollte er in den Vordergrund rücken, sondern als Zeuge und geschulter Beobachter seiner Zeit fungieren. Richard A. Bermann oder Arnold Höllriegel, wie sein Pseudonym lautete, war in Wien und Prag im assimilierten Judentum aufgewachsen. Der promovierte Romanist brachte als Theaterkritiker und Feuilletonist die Prager, Wiener und Berliner Literatur miteinander in Verbindung, mit deren Repräsentanten ihn zahlreiche persönliche Bekanntschaften und Freundschaften verbanden. Seine große Leidenschaft war es, Menschen, die einander etwas zu sagen hatten, zusammenzuführen. Sein Freundeskreis war groß: Sigmund Freud, Arthur Schnitzler, Richard Beer-Hofmann und Leo Perutz zählten dazu, Peter Altenberg, Alexander Moissi, Albert Einstein, Thomas Mann und Viktor Adler. Als Sonderkorrespondent und Reisejournalist des Berliner Tageblatt, des Prager Tagblatt und des Wiener Tag erreichte er in der Zwischenkriegszeit seine größte Popularität: er berichtete von Reisen in alle Erdteile und nahm 1933, gemeinsam mit dem ungarischen Geologen und Abenteurer Ladislaus von Almásy - dem "Englischen Patienten" -, an einer Expedition in die Libysche Wüste teil. Als liberaler politischer Journalist, der der österreichischen Sozialdemokratie nahestand, setzte sich Bermann vor dem Ersten Weltkrieg für einen Interessensausgleich der Nationalitäten der Habsburger Monarchie ein. Während des Ersten Weltkriegs engagierte er sich auf außergewöhnliche Art gegen die allgemeine Kriegshysterie - als pazifistischer Kriegsberichterstatter bemühte er sich um einen Verständigungsfrieden. Wenige Jahre später kämpfte er gegen den Nationalsozialismus - bis 1933 in Deutschland, bis 1938 in Österreich und bis zu seinem Tod im September 1939 in den Vereinigten Staaten. Bermann, der in seiner ganzen Vielfalt demokratischer Publizist ebenso wie Weltreisender und Kulturvermittler, Literatur-, Film- und Theaterkritiker und Romancier war, beanspruchte keine dieser Bezeichnungen und wollte sich immer nur Journalist genannt wissen. Unter diesem Vorzeichen, als Chronist seiner Zeit, hat er auch seine letzte schriftstellerische Arbeit, seine Autobiographie, verfaßt. Mit ihr zieht Richard A. Bermann das Fazit seines reichen Lebens, sie ist - mit Hermann Broch - wahrhafte Geschichte.

Rezension aus FALTER 14/1999

Durch die Wüste

Der aus Wien gebürtige Richard A. Bermann alias Arnold Höllriegel (1883-1939) war einer der interessantesten Journalisten und Reporter seiner Zeit. Seine soeben erschienene Autobiografie stand ganz im Zeichen der Zeitgenossenschaft

Gleich zwei Namen sind auf dem Titelblatt der Autobiografie verzeichnet: Richard A. Bermann alias Arnold Höllriegel. Dabei hatte der Journalist und Schriftsteller aus Wien, der nach der Jahrhundertwende bis zum Ersten Weltkrieg in Berlin arbeitete, noch weitere andere Identitäten auf Lager: "Belial", "Baptist" oder "R. Merlin". Solche Multiplikation war einerseits notwendig, entwickelte sich andererseits zum Spiel, das dem Maskenträger - wie später Kurt Tucholsky - großen Spaß machte. Bermann verkehrte in der Freigeisterrunde des "Cafe Größenwahn", arbeitete beim kreuzbraven, reaktionären Berlin Lokalanzeiger und verschaffte sich gleichzeitig beim liberalen Berliner Tageblatt Luft. Dabei konnte es schon vorkommen, daß dem 1883 in Wien geborenen Bermann das Konkurrenzprodukt aus der eigenen Feder vorgehalten wurde, an dem er sich gefälligst ein Vorbild nehmen solle.

Im Unterschied zu vielen anderen Schriftstellern, die es nach 1918 wegen der besseren Verdienstmöglichkeiten ins pulsierende Berlin der Roaring Twenties zog, blieb Bermann nach den Jahren im Kriegspressequartier vorerst in Wien und arbeitete zunächst als Redakteur, dann als Sonderberichterstatter für den Tag. Von seinen Reisen, die auf diese Weise zu seinem Hauptberuf wurden, berichtete er im Berliner Tageblatt. Seine monatelangen Ausfahrten in die Südsee, nach Palästina, nach Hollywood oder den Sudan bilanzierte er, höchst erfolgreich, in Reportagebüchern und belletristischen Verarbeitungen. Im Zusammenhang mit Michael Ondaatjes Roman "Der englische Patient" und dessen Verfilmung ist oft auf die (inzwischen bei Haymon wiederaufgelegten) Aufzeichnungen von Ladislaus E. Almasy verwiesen worden. Niemand aber hat "den Bermann" im Buch/Film registriert, der ebenfalls an der Expedition von 1933 teilnahm und noch vor Almasy das Erinnerungsbuch "Zarzura, die Oase der kleinen Vögel" herausbrachte.

Richard A. Bermann, gestorben am 5. September 1939 im amerikanischen Exil, war einer der besten deutschsprachigen Journalisten seiner Zeit. Innerhalb der illustren Schar der bekannten Schriftsteller aus der Zwischenkriegszeit war er eine bekannte, geschätzte Instanz, ein origineller Reporter, einmal wegen seines wachen politischen Sinns, aber auch wegen seines unermüdlichen Engagements für die Exilautoren. Leider bricht die Autobiografie mit dem Jahr 1917 ab, weil Bermann vor der Fertigstellung starb.

Von den Jahren nach 1918 sind allerdings einige höchst bemerkenswerte Reportagen vorhanden, die im Buch Aufnahme fanden und Bermann als Zeitzeugen historischer Momente und höchst findigen Journalisten ausweisen. Er war als Chronist dabei, als die österreichische Delegation bei der Unterzeichnung des Friedensvertrages von St. Germain eine Schmähung nach der anderen hinnehmen mußte, er berichtete als erster über den Vertrag von Rapallo, mit dem die Weimarer Republik und die junge Sowjetunion die Westmächte verdutzten. Bewegt-verzweifelt die Aufzeichnungen über den Austrofaschismus, als alle Bemühungen des Bermann-Freundes Hubertus zu Löwenstein, Dollfuß und Schuschnigg mögen sich gegenüber der Sozialdemokratie gnädig zeigen, nur wenig nützten.

Bermann schrieb seine Autobiografie, die im sprachlichen Duktus kraftvoll, unpathetisch und konzentriert ist, in einem Augenblick der absoluten Desillusionierung. Er ließ sich dabei von der Frage leiten, wie sich in seinem Leben Völkerhaß, Antisemitismus und Gewaltbereitschaft angekündigt hatten, und kam bei näherer Untersuchung auf unzählige Indizien. In kleinen Szenen schilderte er den Kleinkrieg zwischen tschechischen und deutschsprachigen Studenten, die italienische Kriegsbereitschaft oder die Material- und Menschenschlachten an Isonzo und Tagliamento. Gefahren hat er, immer ein neugieriger und rastloser Abenteurer, nicht gescheut. Völlig unvertratscht, bleibt Bermann immer auf politischem Kurs, gestattet nur wenig Einblicke in die sogenannte Privatsphäre. Sein Schreiben, in dessen Mittelpunkt stets die eigene Zeitgenossenschaft stand, ist ab sofort zur Entdeckung freigegeben.

Alfred Pfoser in FALTER 14/1999 vom 09.04.1999 (S. 68)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Richard A. Bermann alias Arnold Höllriegel (Deutsche Bibliothek)
In 80 Zeilen durch die Welt (Arnold Höllriegel)

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