Gottlob kein Held und Heiliger!

von Leo Glückselig

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Verlag: Picus
Erscheinungsdatum: 01.01.1999

Rezension aus FALTER 23/1999

"Wir sind die Letzten!"

Leo Glückselig floh 1939 vor den Nazis nach New York. Dieser Tage besuchte der 85jährige seine Heimatstadt und präsentierte seine Lebenserinnerungen "Gottlob kein Held und Heiliger!".

Ausgerechnet weiße Socken: "Hitler regierte bereits in Deutschland, da begannen in Wien Tausende junge Leute demonstrativ mit weißen Socken herumzulaufen" - ein Kennzeichen der illegalen Nazi-Organisationen. Am 12. März 1938, der Annexion Österreichs, war die Freude grenzenlos: "Die Wiener schnappten fast über vor Jubel." Und vor dem Hotel Imperial stand die Hitlerjugend und skandierte: "Nach Hause gehen wir nicht, bis daß der Führer spricht!" In der Erinnerung von Leo Glückselig sind jene Tage "ins Gedächtnis eingraviert". Denn: "Man lebte und starb - zufällig."

Der Wiener Jude Leo Glückselig, 1914 in der Leopoldstadt geboren und in beschaulichen Verhältnissen aufgewachsen, hat zufällig überlebt: Am Neujahrstag 1939 kommt er in New York an, schlägt sich in der Neuen Welt anfänglich als Laufbursche durch und beginnt nach dem Militärdienst, der ihn nochmals nach Europa führt, eine Karriere als Zeichner, Maler und Gebrauchsgrafiker. Für die New York Times zeichnet Glückselig wöchentliche Cartoons, als Werbegrafiker wird er von Time Life engagiert. Seine eigene Geschichte hält er nur in einigen wenigen Bildern fest: Eine Zeichnung zeigt die kurzzeitige Arretierung in der Karajangasse, in einer zum Gefangenenlager umfunktionierten Schule, in der die SS während des Novemberpogroms 27 Menschen ermordete. Auf einer anderen Zeichnung weht am Haupttor des Stephansdoms die Hakenkreuzfahne. "Ich habe Angst gehabt, ich werde nur Zeichnungen machen, um sie dann rot zu übermalen", meint Glückselig in einem Radiointerview. Rot für blutrot, wie Glückselig erklärt.

In New York trifft Glückselig einen Bayern in Lederhosen. Oskar Maria Graf emigrierte 1938 in die USA, nachdem er in einem Zeitungsartikel ("Verbrennt mich!") Goebbels aufgefordert hatte, seine Romane und Erzählungen zu vernichten. In den USA weigerte sich Graf, die fremde Sprache zu erlernen - aus Angst um die eigene. Er gründete den "Stammtisch", einen Treffpunkt deutscher und österreichischer Emigranten. Leo Glückselig hat bald einen Stammplatz, jeden Mittwoch trifft man sich - bis heute.

1978 besucht Glückselig Wien zum ersten Mal. "Heimat" ist für ihn "immer und ewig dieses verdammte Österreich geblieben", Amerika ist "das Zuhause". Wie bei vielen temporären Rückkehrern ist für Glückselig seit der Flucht aus Wien die Zeit stehengeblieben: "Wenn ich davon red', wein' ich - lauter Gespenster."

Glückseligs soeben unter dem Titel "Gottlob kein Held und Heiliger!" erschienenen Lebenserinnerungen basieren auf zahlreichen Tonbandaufnahmen, stammtischgeschult: Um Formulierungen oder Worte wird nicht viel Aufhebens gemacht, Glückselig erzählt, plaudert und monologisiert. Man sitzt gerne mit dabei. Mit leiser, leicht rauher Stimme, mit einfachen Worten kleidet Glückselig Erinnerung in Sprache. "Fragt uns aus. Wir sind die Letzten", eine Gedichtzeile von Hans Sahl, dem Übersetzer von Tennessee Williams' "Eine Katze auf dem heißen Blechdach", ist das Motto des "Stammtischs". Leo Glückselig, der Mann mit dem Namen wie aus einem Märchen, ist mittlerweile 85 Jahre alt. Märchen beginnen mit: "Es war einmal ..." Besser ist es, heute schon zu beginnen: "Fragt uns aus. Wir sind die Letzten!"

Wolfgang Paterno in FALTER 23/1999 vom 11.06.1999 (S. 72)


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