Grenzüberschreitungen
Positionen eines kämpferischen Humanisten

von Milo Dor

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Picus
Erscheinungsdatum: 01.01.2003

Rezension aus FALTER 10/2003

Ein Besuch bei dem serbisch-österreichischen Schriftsteller und Widerstandskämpfer Milo Dor, der am 7. März seinen achtzigsten Geburtstag feiert.

Das gerade erschienene Buch "Grenzüberschreitungen" von Milo Dor enthält einen Text über den Dichter Paul Celan, den Dor 1949 in Paris besuchte. Damals erfuhren die befreundeten Literaten von einem ausgemusterten GI, der vor einem Tagungsort der Vereinten Nationen ein Zelt aufgeschlagen hatte. Der US-Soldat Garry Davis verlangte von der Weltorganisation, ihm einen Pass als Weltbürger auszustellen, da er sich als solcher fühle. Auf Davis' Verhaftung wegen Ruhestörung reagierten namhafte französische Intellektuelle mit der Gründung eines Komitees, das den Weltbürger Nummer eins schützen und die Idee des Weltbürgertums verbreiten sollte.

Der staatenlose Rumäne Celan und der staatenlose Serbe Dor machten sich unverzüglich zur Solidaritätsbekundung auf und durften Albert Camus die Hand schütteln; die Weltbürgerbewegung verlief sich jedoch bald wieder. "Obwohl wir in der Folge die französische beziehungsweise die österreichische Staatsbürgerschaft erwarben, blieben Paul und ich weiterhin displaced persons." Diese Woche wird der Österreicher und Weltbürger Milo Dor achtzig Jahre alt.

Die Stadt Wien lernte er mit 15 kennen, erzählt der 1923 als Milutin Doroslovac in Ungarn geborene und ab dem zehnten Lebensjahr in Belgrad aufgewachsene Schriftsteller. Ausgerechnet nach dem "Anschluss" im Frühjahr 1938 habe er mit seiner Mutter auf einer Reise nach Karlsbad hier einen Stopp eingelegt: "Das war ein schreckliches Erlebnis: Hakenkreuze, Waffen-SS und SA in den Straßen und die Geschäfte der Bekannten meiner Eltern mit ,Jud' beschmiert." Nur fünf Jahre später sollte Dor unter vollkommen anderen Bedingungen wieder nach Wien kommen: diesmal als deportierter Zwangsarbeiter. Die erste Strafe für "politische Tätigkeit" traf ihn jedoch schon als 17-jährigen Gymnasiasten: Mit anderen Schülern hatte er Tausende Unterschriften für die Aufhebung des getrennten Unterrichts von Mädchen und Jungen gesammelt und wurde dafür im Königreich Serbien mit Schulausschluss belegt.

"Ich bin von der Schulbank weg zum Widerstand", berichtet Milo Dor, der schon seit seinem 16. Lebensjahr der Kommunistischen Jugend angehörte. "Ich war kein Partisan, sondern habe Flugblätter geschrieben, organisiert und so weiter - von der Früh bis am Abend Berufsrevolutionär." Nach einem knappen Jahr wurde er gefasst und daraufhin monatelang verhört und gefoltert. "Sie brachten mich zweimal ins Krankenhaus, weil ich schon im Sterben lag, danach ging es aber jedes Mal weiter. Wahrscheinlich hätte ich meine eigene Großmutter verraten, aber dann brachen sie mir so den Kiefer, dass ich nicht mehr sprechen konnte." Unter der Folter gab Dor zwar den Kommunismus, aber keine Menschen preis. Jahre später wurden ihm die Protokolle von über hundert anderen vorgelegt, die ihn bei Verhören verraten hatten.

"Dieser Tage habe ich zum ersten Mal mein Gestapo-Foto zu Gesicht bekommen", bemerkt der Jubilar. In Wien musste er ab 1943 in einer Rüstungsfabrik arbeiten. Nach dem misslungenen Stauffenberg-Attentat auf Hitler wurde Dor abermals verhaftet. Nur durch ein Versehen kam er nicht nach Dachau, sondern in das wiennahe Lager Maria Lanzersdorf. "Gerade an meinem Geburtstag, im März 1945, stand ich auf der Liste für Mauthausen", erinnert sich Dor noch heute sehr bewegt. "Ein alter Sozialdemokrat rettete mir damals das Leben. Der warnte seine Kollegen vor einer Typhusgefahr und erklärte ihnen, ich wäre als Spezialist für Entlausung unentbehrlich." Am 30. April befreite die Rote Armee mit Wien auch ihren ehemaligen Genossen Doroslovac. (...)

Nicole Scheyerer in FALTER 10/2003 vom 07.03.2003 (S. 67)


Bitte warten...

Sie haben folgendes Produkt in den Warenkorb gelegt:

{{var product.name}}


weiter einkaufen
zum Warenkorb