Elsas Großväter
Roman

von Susanne Scholl

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Verlag: Picus Verlag
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 258 Seiten
Erscheinungsdatum: 12.05.2003

Rezension aus FALTER 21/2003

Während der Kosovokrieg tobt und Marcus Omofuma stirbt, sucht die ORF-Journalistin Susanne Scholl die Wahrheit über ihre von den Nazis ermordeten Großeltern. Ein autobiografischer Roman.

Elsa hat das Gefühl, in einer ganz normalen Familie aufzuwachsen. Der Vater mag Kommunist sein und am Mittagstisch gibt es vielleicht mehr politische Kontroversen als bei vergleichbaren Gleichaltrigen. Aber die Villenetage in Pötzleinsdorf, die in Leder gebundenen Bücher zeugen von einem großbürgerlichen Hintergrund. Ein Umstand jedoch bricht die Normalität: Elsa hat keine Großeltern.

"Lebende Großmütter waren für Elsa deshalb etwas Fremdes, Menschen, denen man nicht zu nahe kommen konnte, denen man mit Ehrfurcht und Demut zu begegnen hatte", schreibt die ORF-Journalistin Susanne Scholl in ihrem autobiografischen Roman. "Elsas Großväter" ist die Suche nach den verlorenen Großeltern - entlang des liebevollen Briefwechsels zwischen dem rechtzeitig nach dem Anschluss nach London emigrierten Vater und dem in Wien zurückgebliebenen Großvater, dem autoritären Familienpatriarchen und dem großdeutsch denkenden jüdischen Schriftsteller.

Eine Kur mit ihrem eisernen Rhythmus von Anwendungen, Spaziergang und frühem Abendessen ist der Ort, an dem Elsa die Briefe ihrer Vorfahren zu lesen beginnt. Von der heilen Welt der österreichischen Neunzigerjahre aus taucht sie ein in die Berichte von der Existenzgründung des Vaters im gastfreundlichen Großbritannien an die Eltern in Wien. Und umgekehrt die immer verzweifelter klingenden Hilferufe der Zurückgebliebenen an die Kinder im Ausland.

"Heute waren wir uns auf der Polizei melden", schreiben die Kinder am 25. Mai 1939 aus London, "die Beamten sind unvorstellbar nett und höflich. Mit jedem machen sie einen kleinen persönlichen Spaß, ganz ungewohnt für uns."

Für die Eltern in Wien, die jeden Tag den immer schlimmer werdenden "barbarischen Quälereien" der Nazibehörden ausgesetzt sind, stellen diese Briefe die Nabelschnur zum Leben dar. Der erzwungene Verkauf des Hauses an einen Obernazi (der "Blutordensträger"), der vergebliche Kampf um den Zugang zum eigenen Geld, Reichsfluchtsteuer, Kautionen und jeden Augenblick neue Schikanen machen das Leben zur Hölle. "Mir bangt vor jedem kommenden Tag", heißt es am 27. Juli aus Wien. Der Versuch der Eltern, den Kindern in die Freiheit nachzufolgen, droht am bürokratischen Terror der Nazis und den immer schwieriger werdenden Einreisebestimmungen im Westen zu scheitern: "Irgendeine Erledigung von der Devisenstelle ist bisher nicht eingelangt. Ich muss also warten. Die Bemessung für 1938, der ich tagelang nachlaufe, habe ich heute endlich am Finanzamt aufgetrieben, sie geht morgen zur Kasse", meldet der Großvater am 24. August.

Die Zeit läuft davon, der Krieg naht und mit ihm werden die Transporte in die Todeslager beginnen, weiß die nachgeborene Elsa, die in den Nächten in der Kuranstalt mit brennenden Augen den Briefwechsel verfolgt. Da durchbricht der Kosovokrieg die heile Welt des Kärntner Kuralltags: die Bomben auf Belgrad, die Bilder von Flüchtenden im Fernsehen - und die vorurteilsbeladene Herzlosigkeit der Kurgäste am Mittagstisch.

Susanne Scholl erzählt jüdische Schicksale in Wien, auch "Elsa" als "Friedenskind" lebt ein solches, obwohl die jüdischen Mythen und Traditionen keine Rolle gespielt haben in ihrem Leben. Auf die "Sturmzeichen" des endenden 20. Jahrunderts, die die Familiengeschichte umrahmen, reagiert sie mit der Suche nach dem Kompass eines kompromisslosen Humanismus. Zum kriegerischen Geschehen auf dem benachbarten Balkan, das am Tag über die Fernsehschirme des Kurhotels läuft, während sich Elsa in die alten Familiendokumente eingräbt, kommt der Schock, dass der Schubhäftling Marcus Omofuma in den Händen heimischer Fremdenpolizisten erstickt ist. Dazu die abschätzigen Kommentare der Landsleute und die Kaltschnäuzigkeit, mit der die Politik das Verbrechen wegwischt: "Ein Zwischenfall? Kein Mord? Elsa zittert ihre Empörung in sich hinein. Wie kann man erreichen, dass Menschen Menschen bleiben, egal in welcher Situation?"

Falsche Sicherheiten kann dieser Roman nicht vermitteln. Aber das selbst gesetzte Ziel der langjährigen ORF-Korrespondentin, den fehlenden Großeltern ein Denkmal zu setzen, ist restlos gelungen.

Mitchell Ash in FALTER 21/2003 vom 23.05.2003 (S. 15)


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