Alles Wien. Stadtansichten

von Michael Frank

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Verlag: Picus Verlag
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 136 Seiten
Erscheinungsdatum: 01.09.2003

Rezension aus FALTER 38/2003

Das Wiener Wesen kennt manche Exegesen. Michael Franks "Stadtansichten" genannte Glossen signalisieren schon mit dem Titel "Alles Wien" einen umfassenden Anspruch. Darin steckt natürlich einerseits die Anspielung an die Worte des Tanzmeisters beim Opernball, mit dem dieser die Tanzfläche freigibt ("Alles Walzer"), und andererseits eine ironische Anerkennung der Wiener Anmaßung, die österreichische Hauptstadt habe alles zu bedeuten, was es an Welt gebe.

Franks Ironie ist fein genug, um zu wissen, dass man solche Anmaßungen nur durch Anerkennung aushebeln kann. Also erkennt er diverse Wiener Verfeinerungen des Lebens an. Naturgemäß beginnt er bei der gemeinsamen Sprache, die uns von den Deutschen trennt, und bei den Friedhöfen. Dass er uns die schöne Leich nicht erspart hat, möchten wir ihm als Einziges ankreiden in einem Buch, das sonst den Klappentext-Anspruch, "Bekanntes in neuer Farbgebung" zu beschreiben, durchaus erfüllt. Franks Beschreibung des Böhmischen Praters ist die beste, die ich kenne, seine Annäherung an die Märkte der Vorstadt über das Begriffspaar "süß und sauer" erweist seine subtile Kennerschaft des Angebots.

Exkurse über den Hitzewahn der Wiener in der Sauna und über das Verhalten der Verkehrsteilnehmer, deren "Handeln im Straßenverkehr weniger der Fortbewegung als der pädagogischen Unterweisung der Mitwelt zu dienen hat", sind Ergebnisse einer teilnehmenden Beobachtung, die leidet, ohne wehleidig zu werden. Aus Franks leichter Hand erfährt der gelernte Wiener zudem manches Wissenswerte, etwa woher der Name "Sandler" stammt oder warum es das Glas Wasser zum Kaffee gibt.

Am Ende des Buchs stehen zwei symbolische Geschichten: Die eine erzählt von einer Wienerin, die unausgesetzt um die ganze Welt fährt, in einem Autoscooter im Prater. Die zweite handelt von Wien, seiner ungeliebten Donau und dem viel strapazierten Bild von Wiens Brückenfunktion. Zitiert wird jener Wiener Bürgermeister, der sagte, auf einer Brücke zu wohnen sei ungemütlich, es ziehe dort. Frank fügt hinzu: "Ja, in Wien weht 200 Tage im Jahr der Wind." Am Ende ist der deutsche Stadtbetrachter Michael Frank dort angekommen, wo all die klugen, zugewanderten Stadtbetrachter zuletzt landen. Mit seinem Buch hat er sich in die Reihe der besten Wiener Feuilletonisten eingeschrieben.

Armin Thurnher in FALTER 38/2003 vom 19.09.2003 (S. 68)


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