Arbeiten in vermintem Gelände
Macht und Ohnmacht des Journalismus

von Herbert Riehl-Heyse, Wolfgang R. Langenbucher

€ 15,00
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Verlag: Picus Verlag
Format: Hardcover
Genre: Medien, Kommunikation/Journalistik
Umfang: 168 Seiten
Erscheinungsdatum: 01.08.2002

Rezension aus FALTER 18/2003

Über den letzte Woche verstorbenen deutschen Journalisten Herbert Riehl-Heyse. Persönliche Erinnerungen und allgemeine Betrachtungen.

Mittwochmittag hatte ich das "Streiflicht" gelesen, die unnachahmliche Glosse auf Seite eins der Süddeutschen Zeitung. Nie ist sie gezeichnet, aber ich hätte schwören mögen, dieses "Streiflicht" wäre von Herbert Riehl-Heyse gewesen. Es handelte vom Tod des Münchner Fußballstars Brunnenmeier, eines Kickers aus jener anderen Welt, als die Stadien noch "Rote Erde" hießen und nicht Bayarena, als die Spieler noch Bier tranken und deswegen kein bisschen schlechter spielten, als ihre Karrierewünsche sich nicht auf ein Milliardärsdasein, sondern auf eine Existenz als Kiosk- oder Tankstellenbesitzer richteten. Der Krebstod hatte Rudi Brunnenmeier mit 62 Jahren ereilt.

Ein starkes Indiz, dass die Kolumne von Riehl-Heyse stammte, schien mir die Erwähnung der Aufstellung von 1860 München, das mit Mittelstürmer Brunnenmeier 1966 zum letzten Mal deutscher Meister geworden war. Riehl-Heyse liebte Fußball, von ihm stammt die These, jeder Fußballfan könne mindestens eine historische Mannschaftsaufstellung seines Lieblingsteams hersagen wie ein Gedicht. Er selbst war jederzeit in der Lage, den lyrischen Wahrheitsbeweis anzutreten.

Riehl-Heyse hatte auch was übrig für bayrische Typen, war er doch selber Bayer, aus Altötting. Kein Urtyp, sondern ein mit feinem Humor begabter Beobachter. Katholisch war er auch; "ein bisserl halt", wie er mir einmal sagte. Auf die Frage, warum er Journalist geworden sei, antwortete er, damit er nichts anderes habe werden müssen. Richter hätte er werden können; die nötigen Staatsexamen hatte er. Aber er zog den Journalismus vor.

Juristerei, Literatur und Journalismus scheinen sowieso irgendwie zusammenzuhängen; es gibt Autoren wie Karl Kraus oder Albert Drach, für die sich Berichterstattung über Justizsachen, Rechtsförmigkeit der eigenen Texte und Einsatz justizieller Mittel zu einer Einheit verbinden, die immer auf Urteile, ja auf Verurteilungen hinauslaufen. Riehl-Heyses Texte suchten zwar die Grundlagen für Urteile, enthielten sich auch nicht des Urteils, fanden aber keine Lust am Urteilen. Von seinem kritischen Blick wollte er selbst als Autor nie ausgenommen sein; er war Teil des Prozesses, und um den ging es ihm viel mehr als um das Urteil. Wohl deswegen begann Riehl-Heyse, sein journalistisches Tun und dessen Grundlagen öffentlich und selbstkritisch zu bedenken. Seine Bücher "Bestellte Wahrheiten" und "Götterdämmerung" sollten zur Grundausstattung jedes Journalisten gehören.

Ich habe mehrfach Grund, ihm dankbar zu sein. Er war der erste, der mein Buch "Schwarze Zwerge" wohlwollend rezensierte, dazu gleich in der Süddeutschen Zeitung. Ausgerechnet der seiner "Streiflicht"-Glossen, seiner Bücher, Essays und seiner legendären Reportagen auf Seite drei wegen bewunderte Mann hatte mich im Ausland als Erster zur Kenntnis genommen und gelobt! Das war schon was. Bei der Süddeutschen, zu der er vom Münchner Merkur gekommen war, weil man dort das Interesse an Qualität verloren hatte, war Riehl-Heyse leitender Redakteur. Zwischendurch ging er für ein kurzes Gastspiel als Chefredakteur zum Stern. Warum er nicht Chefredakteur der Süddeutschen wurde, habe ich ihn nie gefragt; irgendwo las ich jetzt, er sei darüber ein wenig gekränkt gewesen, aber auch froh, mehr Zeit zum Schreiben zu haben. Eine Leitfigur des Qualitätsjournalismus ist er so oder so geblieben. Preise sonder Zahl waren nicht der Beweis, aber immerhin Begleiterscheinung.

Als ich vor ein paar Jahren den Ehrenpreis des Vorarlberger Buchhandels erhielt, fragte man mich, wen ich mir als Laudator wünsche. Ohne große Hoffnung nannte ich den mir persönlich kaum bekannten Riehl-Heyse. Zu meiner Überraschung erschien er in Dornbirn und hielt eine witzige und kenntnisreiche Rede. Danach trafen wir uns des Öfteren, wenn er gerade in Wien war. Einmal kam er in die Falter-Redaktion und lieferte die beste Blattkritik ab, die hier je zu hören war. Vor zwei Jahren hielt er auf Einladung Wolfgang Langenbuchers am Publizistikinstitut vier Vorlesungen zur Poetik des Journalismus, die zwar von vielen Studenten, aber von keinem österreichischen Journalisten frequentiert wurden. Klug von ihnen, hätte Riehl-Heyse vermutlich gesagt, die haben alle auf die gedruckte Version gewartet. Das Zeug in Ruhe nachzulesen ist doch viel bequemer, als mit ein paar hundert Studenten auf engstem Raum zusammengepfercht zu sein. Letztes Jahr sind Riehl-Heyses Vorlesungen unter dem Titel "Arbeit in vermintem Gelände. Macht und Ohnmacht des Journalismus" im Picus-Verlag erschienen.

In diesem Buch liegt eine Art journalistisches Vermächtnis eines Qualitätsjournalisten vor. Was das ist, Qualitätsjournalismus, möchten Sie endlich wissen? Riehl-Heyse sagt, damit man von so etwas sprechen könne, müsse verlegerisch und journalistisch "der Versuch erkennbar sein, jeden Tag, jede Woche mithilfe des Journalismus nichts Geringeres als die ganze Welt zu beschreiben." An keinem Tag werde dieser Versuch ganz gelingen, jeden Tag müsse er neu unternommen werde, darauf komme es an. Mit seinen Appellen für die bedrohte Art des Qualitätsjournalismus setzte sich Riehl-Heyse, wie alle, die dafür eintreten, selbst auf eine Art rote Liste. Die These aus seinem letzten Buch, wonach "Qualitätsjournalismus die Gesellschaft zusammenhält", bleibt wohl den meisten rätselhaft. Vielleicht sind Qualitätsjournalisten eine ebenso aussterbende Art wie jener trinkfeste Mittelstürmer Brunnenmeier. Nein, dieses Streiflicht hat Riehl-Heyse nicht mehr selber geschrieben. Inspiriert hat er es aber sicher. Am Tag, als es erschien, kam die Nachricht von seinem Tod. Langjährig und schwer sei seine Krankheit gewesen, las man. Er hat sich von seinem Krebs nichts anmerken lassen, hat bis zuletzt gearbeitet. Letzten Mittwoch ist Riehl-Heyse im Alter von 62 Jahren bei München gestorben.

Bei Gesprächen mit ihm hatte ich oft den Eindruck, er würde die Schärfe seiner Fragen zurücknehmen, sie durch seinen Witz eher abfedern als zuspitzen. Trotzdem habe ich nie einen derart genau und doch distanziert und rücksichtsvoll, mit sanfter Insistenz fragenden Kollegen getroffen. Wenn er hinter Informationen zu einer Geschichte her war, brauchte er nicht lang, um zu dem Punkt zu kommen, an welchem dem Befragten nichts mehr einfiel; falls Riehl-Heyse selbst Genaueres wusste (was wohl oft der Fall war), ließ er es einen nicht merken. Was man von ihm lernen konnte: Eine unprätentiöse, ernste Leichtigkeit, jenseits von Zynismus und zwänglerischer Selbstverachtung der Spaßgesellschaft. Weg mit dem geschwollenen Zeug, man kanns auch einfach sagen. Sich selbst sollte man nicht so wichtig, die anderen umso wichtiger nehmen. Und man sollte sich immer so ernst verhalten und so heiter schreiben, als wäre es im Angesicht des Todes. So wie Herbert Riehl-Heyse. Er war einer unserer Allerbesten.

Armin Thurnher in FALTER 18/2003 vom 02.05.2003 (S. 17)


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