Kasperl, Kummerl, Jud
Eine Lebensgeschichte. Nach seiner Erzählung aufgeschrieben von Inge Fasan

von Otto Tausig

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Mandelbaum
Erscheinungsdatum: 01.01.2006

Rezension aus FALTER 42/2010

Die Kinderflüchtlinge von damals

Am Westbahnhof, in der provisorischen Eingangshalle, ganz in der Ecke, steht eine bronzene Skulptur. Ein kleiner Bub ist es, der auf einem bronzenen Koffer sitzt. Das Denkmal erinnert an die 10.000 meist jüdischen Kinder, die mit einem Kindertransport vom Westbahnhof vor den Nazis nach England flüchteten. Alleine, ohne Eltern, durften sie nur einen einzigen Koffer mitnehmen. Der Volksschauspieler Otto Tausig war damals einer dieser Kinderflüchtlinge, von denen heute wieder in den Zeitungen zu lesen ist. In seiner Autobiografie schildert der beliebte Schauspieler seine Flucht nach England als 16-Jähriger, wie er sich im Exil zurechtfand und seine Rückkehr in ein Land, das ihn alles andere als freudig erwartete. Der Theater- und Filmschauspieler, der seine Bühnenkarriere 1999 beendete, hat auch nie vergessen, was es bedeutet, aus seiner Heimat flüchten zu müssen. Er spendet seit Jahren sämtliche Gagen für Kinder in Not.

Nina Horaczek in FALTER 42/2010 vom 22.10.2010 (S. 19)


Rezension aus FALTER 14/2005

Genosse Kasperl

Der Wiener Schauspieler und Regisseur Otto Tausig musste zweimal flüchten: zuerst als Jude vor den Nazis, dann als Kommunist vor den Antikommunisten. Jetzt hat Tausig seine Autobiografie geschrieben: Szenen aus einem ungewöhnlichen Theaterleben.

Einmal kämpfte der Burgschauspieler Otto Tausig allein gegen 56 Panzer. Die Regierung Kreisky fand damals, 1981, nichts dabei, Waffen an Militärdiktaturen zu liefern, und eines Vormittags im Juni hatte Tausig erfahren, dass sich zu Mittag 56 Steyr-Panzer auf den Weg nach Argentinien machen würden. Tausig setzte sich ins Auto, fuhr zum Steyr-Werk nach Wien-Simmering und blockierte die Ausfahrt.

"Eine Lokomotive kam und wollte ins Werktor einfahren, um die Waggons mit den Panzern abzuholen. Ich stellte mich breitbeinig aufs Geleis und versperrte der Lokomotive den Weg", schreibt der Schauspieler in seinen soeben erschienenen Memoiren. "Da ich nicht annahm, dass man mich überfahren würde, hatte ich keine Angst - außer dass ich am Abend ,hängen' würde bei der Vorstellung im Burgtheater, wo ich Nestroys Kampl spielte. Ich versuchte also immer wieder, meine Couplettexte zu memorieren, was mir allerdings in dieser Situation nur sehr mangelhaft gelingen wollte."

Die Szene ist ein Sinnbild für die schizophrene Situation des politisch engagierten Künstlers: Noch auf den Barrikaden hat er seine Rolle im Kopf. Tausig hatte am Abend im Burgtheater übrigens keinen "Hänger". Die Blockade aber, der sich im Lauf des Tages weitere Demonstranten angeschlossen hatten ("Nicht gekommen ist der Cap, der hatte eine Sitzung"), war nach Arbeitsschluss rasch beendet: Aus dem Werk strömten 300 kräftige Burgenländer und hoben den Wagen von den Geleisen; die Panzer konnten verladen werden. Ganz sinnlos war die Aktion dennoch nicht: Unter dem Druck der Proteste wurden Waffenexporte an Diktaturen später verboten.

"Kasperl, Kummerl, Jud" heißt das Buch, in dem der 83-jährige Otto Tausig seine spannende Lebensgeschichte erzählt. Dass es sich dabei um keine gewöhnliche Schauspielerbiografie handelt, merkt man schon daran, dass Tausig am Ende des langen Falter-Interviews darum bittet, "weniger über den Schauspieler und mehr über den Entwicklungshelfer" zu schreiben. Nachdem Tausig sein Leben lang an der romantischen Idee festgehalten hatte, mit seiner Kunst die Welt verbessern zu können, hat er in den letzten Jahren einen pragmatischeren Weg eingeschlagen: Alle seine Gagen - natürlich auch die Tantiemen aus dem Buchverkauf - kommen dem Wiener Entwicklungshilfe-Klub zugute.

In den Zeitungen war von Otto Tausig zuletzt häufiger auf den Politikseiten als im Kulturteil die Rede: Im Unterschied zu Finanzminister Karl-Heinz Grasser muss Tausig seine Spenden nämlich nach wie vor versteuern. Mit dem Geld unterstützt Tausig unter anderem indische Kinder, die aus der Sklavenarbeit in Teppichfabriken oder Steinbrüchen befreit wurden, oder elternlose Flüchtlingskinder in Österreich, die im Laura-Gatner-Heim (benannt nach Tausigs in Treblinka ermordeter Großmutter) in Hirtenberg Aufnahme finden. Zumindest indirekt ist es Otto Tausig mit seiner Kunst also doch gelungen, die Welt ein bisschen besser zu machen.

"Ich habe Glück gehabt in diesem Leben", schreibt Tausig. "Wie oft könnte ich schon tot sein! Hitler, Krieg und Herzinfarkt und immer noch bin ich da, 83 Jahre alt, und erzähle mein Leben. Gleich am Anfang hatte ich das Glück, in der Favoritenstraße 52 in Wien geboren zu sein und nicht von einer aidskranken Mutter in einem Slum in Bombay." Zum ersten Mal auf der Bühne stand Tausig bereits mit vier Jahren. Seine Eltern hatten ihn ins Johann-Strauß-Theater mitgenommen, wo die legendäre Josephine Baker tanzte. Es gehörte zur Show, dass die nur mit einem Bananenrock bekleidete Baker einen Herrn aus dem Publikum auf die Bühne holte; an diesem Abend fiel ihre Wahl auf den kleinen Otto. "Ich wusste überhaupt nicht, was sie von mir wollte, und begann fürchterlich zu weinen. Die Leute lachten. Es war grauenhaft."

Die Theaterbegeisterung des jungen Mannes wurde durch das traumatische Debüt aber nicht nachhaltig gemindert. Schon mit 13 bewarb sich Tausig heimlich um die Aufnahme an einer Schauspielschule; man schlug ihm vor, mit 16 wiederzukommen. Davor kam Hitler, und die Familie Tausig musste das Land verlassen. Im Jänner 1939 - ein Jahr bevor die Eltern nach Shanghai flüchteten - gelangte Otto mit einem "Kindertransport" nach England. Wie sich herausstellte, handelte der Brite, der den jungen Emigranten aufnehmen sollte, weniger aus humanistischen denn aus sexuellen Motiven; zum Glück entsprach der dickliche Bub aber nicht dessen erotischen Idealen, und Tausig fand anderswo Quartier.

Nachdem die Deutschen Frankreich besiegt hatten, wurden die enemy aliens auf der Insel vorsichtshalber interniert. Zwei Jahre lang verbrachte Tausig in verschiedenen Lagern, wo er neben dem dadaistischen Dichter Kurt Schwitters ("Ursonate") auch zahlreiche Kommunisten kennen lernte, die ihn für ihre Idee begeisterten. "Ich wurde also Kommunist und bereue es bis heute nicht, auch wenn ich jetzt nichts mehr mit der KP zu tun haben möchte", schreibt Tausig. "In dieser Zeit war es das einzig Richtige. Warum? Die Kommunisten waren die aktivsten Antinazis, und sie waren konsequent für eine unabhängige österreichische Republik."

Viele Emigranten aus den Kindertransporten sind nach dem Krieg in England geblieben. Für Tausig stand das nie ernsthaft zur Debatte. "Ich wollte ja zum Theater, und es war gewerkschaftlich nicht erlaubt, dass ein Ausländer einen Engländer spielt." Nachdem er schon in den Internierungscamps Theater gespielt hatte, schloss sich Tausig in London der Gruppe Young Austria an, die in dem von kommunistischen Patrioten betriebenen Austrian Centre satirische Abende, darunter Jura Soyfers "Vineta", zur Aufführung brachte; im Globus Verlag sollte Tausig später die erste Soyfer-Gesamtausgabe herausgeben. Tagsüber arbeitete Tausig damals als Schlosser. "Viel geschlafen hat man nicht", erinnert er sich. "Ich hab mir angewöhnt, am Abend zu frühstücken, weil ich in der Früh nicht dazugekommen bin. Ich hab damals eigentlich von Cornflakes mit Milch gelebt."

Im April 1946 kehrte Tausig über Paris nach Wien zurück. Im Herbst bestand er die Aufnahmeprüfung am Reinhardt-Seminar (die spätere Löwinger-Protagonistin Hilde Rom war im selben Jahrgang), zwei Jahre später unterschrieb er an der Scala.

Das Neue Theater in der Scala wurde im September 1948 eröffnet. Das ehemalige Johann-Strauß-Theater (wo Tausig einst mit Josephine Baker getanzt hatte) lag in der sowjetischen Besatzungszone - im vierten Bezirk, am Anfang der Favoritenstraße - und war politisch einschlägig ausgerichtet. Die aus dem Schweizer Exil zurückgekehrten Schauspieler und Regisseure Wolfgang Heinz und Karl Paryla hatten die Russen davon überzeugt, ihnen das Theater zu überlassen.

Von den anderen Theatern der Stadt unterschied sich die Scala weniger durch die Ästhetik der Aufführungen als durch die Zusammensetzung des Publikums. Während große Teile der bürgerlichen Theaterklientel die "Kommunistenbühne" mieden, strömten die werktätigen Massen in die Scala. Um den Arbeitern die Schwellenangst zu nehmen, tingelten Tausig und Co mit Lesungen und Liederabenden durch die Wirtshäuser. Anders als heute die Außenbezirkstourneen des Volkstheaters sollten diese Auftritte den Theaterbesuch aber nicht ersetzen, sondern dazu ermuntern. Tausig: "Das Volkstheater in den Außenbezirken ist Filzpatschentheater: Die Leute, die nicht bereit sind, ins Theater zu gehen, kriegen es vor die Haustür gesetzt. Wir haben die Leute eingeladen, ins Theater zu kommen - und sie haben es getan: Am Anfang waren wir leer, am Ende ausverkauft."

International hatte die Scala einen besseren Ruf als in Wien; sogar Bertolt Brecht persönlich hat hier 1953 sein Stück "Die Mutter" inszeniert. Mit dem "epischen Theater" konnte sich das ganz der psychologischen Stanislawski-Schule verpflichtete Ensemble aber nicht recht anfreunden. In seinem Buch berichtet Otto Tausig von einer Begegnung einiger Scala-Schauspieler mit Brecht in einem Ostberliner Lokal. "Nach diesen zweieinhalb Stunden waren wir alle völlig geplättet von der Argumentation Brechts und - überhaupt nicht überzeugt. Nur der Dramaturg Harald Benesch war völlig hingerissen und sagte: ,Herr Brecht, ich möchte so gern nach Ihren Prinzipien in Wien ein Theater machen.' - Brecht sog an seiner Zigarre und antwortete: ,Wenn Sie's können, ich könnt's nicht.'"

1956, ein Jahr nach dem Abzug der Alliierten, wurde die Scala geschlossen; letztlich war es die KPÖ selbst, die dem Theater den Geldhahn abgedreht hatte. "Das war vielleicht die schönste Zeit in meinem Leben", sagt Tausig. Danach gab's für einen bekennenden Kommunisten in Wien kein Engagement mehr: Die Theaterkritiker Friedrich Torberg und Hans Weigel, die unter anderem für den "Brecht-Boykott" an Wiener Bühnen verantwortlich waren, hatten ganze Arbeit geleistet. Tausig ging also zum zweiten Mal ins Exil und übersiedelte nach Ostberlin an die Volksbühne - was unter anderem bedeutete, dass er seinen Sohn Wolfgang nur selten zu Gesicht bekam. Erst 1970 - "nach sieben Jahren Emigration unter Hitler und 14 weiteren unter Torberg, Weigel und Konsorten" - wird Tausig dauerhaft nach Wien zurückkehren.

"Dass ich 14 Jahre nicht spielen konnte, war meine eigene Schuld, wenn Sie so wollen", sagt Tausig heute. "Aber es wäre so entwürdigend gewesen! Ich hätte mir ein Engagement erkaufen müssen, indem ich öffentlich sage: ,Ich bin kein Kommunist.' Das konnte ich nicht." McCarthy auf Wienerisch. 1962 durfte Tausig dennoch einmal an der Josefstadt inszenieren. Als er ins Theater ging, um den Vertrag zu unterzeichnen, telefonierte Direktor Franz Stoß ("Die liebe Familie") gerade. Nachdem er aufgelegt hatte, sagte er: "Jetzt hab ich grad mit dem Weigel gred't über den Paryla und Sie. Beim Paryla hat er gsagt: ,Na!' Bei ihnen hat er gezögert und dann gesagt: ,Na, jo.'" Tausig fragte nach: "Er hat gezögert?" Worauf ihm Stoß jovial die Hand aufs Knie legte und sagte: "A Sekunderl ..."

Direktor Gerhard Klingenberg engagierte Tausig 1970 schließlich als Schauspieler und Regisseur für das Burgtheater, wo der Nestroyspezialist allerdings nie recht glücklich wurde und sich 1983, "angewidert von einer üblen Intrige", pensionieren ließ. Auch auf Nachfrage nennt Tausig keine Namen; immerhin ist ihm zu entlocken, dass es um eine Hauptrolle ging, die er gern gespielt hätte. Diese Begründung wirkt banal, ist irgendwie aber auch beruhigend: Bei allem politischen Engagement war Otto Tausig eben auch ein Schauspieler, der auf die Bühne wollte.

Im Burgtheaterkapitel ist von Inszenierungen oder Rollen bezeichnenderweise kaum die Rede; wichtiger ist Tausig die amnesty-Gruppe, die er an der Burg gegründet hat und die sich für politisch verfolgte Theaterleute einsetzte. Unter anderem hat man dem Dramatiker und späteren tschechischen Präsidenten Václav Havel wahrscheinlich ein paar Jahre Haft erspart und einem iranischen Regisseur, der unter dem Schah-Regime gefoltert und unter Khomeini eingesperrt wurde, die Ausreise in die USA ermöglicht. Für die oben erwähnte Aufführung von Nestroys "Kampl" hatte Tausig 1981 übrigens ein ungewöhnlich scharfes Zusatzcouplet über den Gutachter Heinrich Gross geschrieben, dessen Vergangenheit als Euthanasiearzt am Spiegelgrund damals gerade publik geworden war: "Es gibt heut noch so Wiener Eutha-Nazi-Mediziner ..."

Tausig demonstrierte im deutschen Mutlangen gegen die Stationierung von Raketen und trat bei Veranstaltungen der Friedensbewegungen auf; Ehrensache auch, dass er Anfang der Achtziger dabei war, als das GemeindeHOFtheater mit kritischen Volksstücken von Dario Fo ("Bezahlt wird nicht!") durch Wiener Gemeindebauten tingelte. Nach dem Abschied vom Burgtheater spielte Tausig ab und zu am Volkstheater, hauptsächlich arbeitete er aber wieder in Deutschland. Unter anderem war er 1984 in Peter Zadeks berühmter Inszenierung von Joshua Sobols "Ghetto" dabei.

Mit dem vier Jahre jüngeren Starregisseur verbindet Tausig eine ähnliche Biografie - auch Zadek emigrierte als Kind nach England. Künstlerisch und charakterlich haben die beiden wenig gemein. Mit Zadeks wilden Shakespeare-Inszenierungen in den Siebzigerjahren etwa konnte der konventionelle Regisseur Tausig ("Ich bin ein Fossil!") nichts anfangen; als Zadek 1988 im Burgtheater den "Kaufmann von Venedig" inszenierte, hat Tausig nicht verstanden, warum der von Gert Voss gespielte Jude Shylock so bitter und unsympathisch gezeichnet war.

"Ich hab ihm gesagt, dass man das nach sechs Millionen Toten nicht so machen kann, und er war natürlich beleidigt. Dann hab ich ihm einen Brief geschrieben, in dem stand: ,Ich weiß jetzt, was du wolltest. Du wolltest zeigen, wie ein Mensch so gewalttätig und böse werden kann wie der Ariel Sharon.'" Zadeks kaltschnäuzige Antwort: "Das Mitleid hat den Juden nie geholfen. Three cheers for Ariel Sharon!"

Ende 1998 verabschiedete sich Otto Tausig mit einer Hauptrolle in Nestroys "Mädl aus der Vorstadt" am Volkstheater von der Bühne; für den Rückzug gibt es eine ganz einfache Erklärung: Bei Film und Fernsehen ("Meistens spiele ich Rabbis oder katholische Pfarrer") sind die Gagen höher, also springt auch mehr für Tausigs Hilfsprojekte heraus. "Die Kräfte der Wirtschaft sind stärker als die Kräfte der Vernunft, das ist das große Malheur", sagt Otto Tausig. "Auf den Tüten von dm steht ,Hier bin ich Mensch, hier kauf ich ein' - das ist ein fürchterlicher Irrweg, und ich bin nach wie vor der Meinung, dass wir einen anderen Weg finden müssen. Nur bin ich sozusagen ein Kommupessimist geworden: Ich sehe nicht, wie man's machen könnte. Also versuche ich halt, einzelnen Menschen zu helfen."

Wolfgang Kralicek in FALTER 14/2005 vom 08.04.2005 (S. 54)


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