Wie wir gelebt haben
Wiener Juden erinnern sich an ihr 20. Jahrhundert

von Julia Kaldori, Tanja Eckstein

€ 29,90
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Verlag: Mandelbaum
Format: Hardcover
Genre: Kunst/Fotografie, Film, Video, TV
Umfang: 220 Seiten
Erscheinungsdatum: 01.10.2008

Rezension aus FALTER 45/2008

Ihre Stimmen im Ohr, ihr Stadt im Blick

Im Kopfhörer ist jetzt die Stimme einer alten Frau zu hören. ­Augusta Appel spricht ein mit englischen Worten durchsetztes Wienerisch. Sie schwärmt von ihrem ersten Ball im Hotel Metropol am Morzinplatz in der Innenstadt: "Ich hatte ein Kleid, es war red, ganz tight. Es hat einen slit gehabt vom Boden bis zu meinem Popo. Es war eine sensation, because der Oberkörper war fast nackt!"
Während die Stimme der Frau erklingt, kann man Passanten zusehen, die am Morzinplatz auf den Flughafenbus warten. Es ist ein nebeliger Nachmittag. Im Ohr erklingt Walzermusik.
Augusta Appel, geborene Marienberg, war 16 Jahre, als sie 1931 im Metropol von einem Verehrer namens Leon Apfelschnitt zum Tanz aufgefordert wurde. "Fräulein Marienberg", sagte Apfelschnitt, "werde ich mit Ihnen tanzen dürfen?" "Hab ich gesagt: ‚Können Sie tanzen?' Sagt er: ‚Nein.' Sag ich: ‚Dann donŽt even ask.'"
Das Metropol war eines der besten ­Hotels: vier Stock hoch, an der Fassade eine große Uhr, gepolsterte Flügeltüren. "Hier haben Sie sich Leon Apfelschnitt und Augusta Marienberg kennengelernt. Eine märchen­hafte Geschichte, die hier ihren Ausgang nahm."
Der in New York lebende Wiener Soziologe Philipp Haydn, 32, und die Salzburger Historikerin Maria Ecker, 32, sind dieser und vielen anderen Geschichten nachgegangen. Die beiden besuchten vertriebene Juden in Florida, New York und Wien und nahmen deren Jugenderinnerungen auf. Augusta Appel, das Mädchen mit dem roten Ballkleid zum Beispiel, ist heute 93 Jahre alt und lebt in Plantation, Florida.
Zeitzeugen zu interviewen ist für Historiker nichts Besonderes. Doch Haydn und Ecker haben aus den Erzählungen Audioguides geformt: Rundgänge führen in die Brigittenau, in die Leopoldstadt, zum Morzin- und zum Heldenplatz. Man lädt eine Route unter www.hoerspuren.at auf einen MP3-Player, setzt Kopfhörer auf und spaziert los. Das Grätzel wird zum Museum. Die Stimmen der Vertriebenen im Ohr , die Gegenwart im Blick.
Im Kopfhörer spricht nun ­Marco Feingold: "In Wien tanzt man gern im Februar. Auch wir haben die Zeit vertrödelt und plötzlich war der zwölfte März da." Der Anschluss Österreichs an Hitlerdeutschland. Kurz danach wurde das Metropol am Morzinplatz "entjudet". "Man hat aus den Hotelzimmern zuerst stockwerkweise Büros gemacht", erzählt Feingold, "und im Keller hat man angefangen, Zellen einzurichten." In einer dieser Zellen schlugen die Nazis Feingold zwei Zähne aus, ehe man ihn nach Au­schwitz deportierte. Der heute 95-jährige Mann überlebte. Er ist Präsident der Salzburger Kultusgemeinde.
Wo einst die Gestapo wütete, steht heute der Leopold-Figl-Hof, ein Nachkriegsbau. Aus dem Folterkeller wurde eine Parkgarage. Am Balkon des Hauses zeigt ein verwittertes Relief einen Galgen, Stacheldraht, schmerzverzerrte Gesichter. Auf der Hinterseite des Hauses, am Salzgries 6, ist ein Bräunungsstudio. Vor 70 Jahren wartete hier Augusta Appel, das Mädchen, das sich hier 1931 verliebte, "nächtelang, Tag und Nacht, in order to herauszufinden, wo mein Bruder ist, was ich machen kann, um ihm zu helfen".
70 Jahre später plaudern hier drei Gardesoldaten des Bundesheers. Sie warten vor einem unscheinbaren eisernen Tor neben dem Solarium. Gleich wird eine Gedenkveranstaltung von KZ-Überlebenden beginnen, die sie mit ihrer Anwesenheit zum Staatsakt adeln sollen. Was hier einst geschah? "Wir haben uns auch schon gefragt", sagen die drei Soldaten, "irgendetwas mit Juden."
Ein alter Mann sperrt das Eisentor auf. Die Gedenkstätte sieht wie eine Kapelle aus. "Niemals vergessen!", steht an der Wand. Daneben Abschiedsbriefe jener, die hier ermordet wurden. "Liebe Eltern", steht auf einem, "verzeiht mir, wenn ich ungehorsam war."
Die KZ-Überlebenden treffen ein. Es ist ein Grüppchen stolzer, zum Teil uralter Leute, die hier ihre alljährliche Totengedenkfeier abhalten. Sie stützen sich auf Krücken. Es gibt nur zwei Sessel für 20 Leute. Sie legen einen Kranz mit rot-weiß-roter Schleife nieder – und ein Gesteck der Homosexuellen Initiative. Sie erinnern sich an Todesmärsche, Kindertransporte, Gaskammern und Erschießungen. Dann gehen sie gemeinsam ins Wirtshaus.

Über die Aspernbrücke gelangt man in die Tempelgasse im zweiten Bezirk. Dort befindet sich, von Kameras bewacht, Esra, ein Sozialzentrum für Holocaustüberlebende. In der "Reichskristallnacht" brannte hier der Stadttempel. Juden wurden verprügelt, in Lastwägen deportiert.
Die Audiotour bringt nun die Stimme des 25-jährigen NS-Reporters ­Eldon Wally. Man hört seine Radioreportage aus dem Jahr 1938: "Wien, 10. November. Wir stehen mit unserem Mikrofon in dem großen Judentempel. Ihn heute noch so zu bezeichnen, ist geschmeichelt. Denn die erbitterten arischen Einwohner dieses Bezirks haben es sich nicht nehmen lassen, auch hier ihren abgrundtiefen Hass gegen das Judentum zu zeigen." Ein Feuerwehrmann schildert in dem Radiobeitrag, dass er das Feuer nicht zu löschen gedenkt und "dass wir uns hier eigentlich nur die Händ wärmen". Wally, so erklärt dann ein Sprecher, war später Chef einer Plattenfirma am Graben. Er presste Hans-Moser-Lieder auf Vinyl.
Die Macher der Audioguides, Haydn und Ecker, haben einander in den USA kennengelernt. Der Soziologe war Gedenkdiener, forschte am Leo-Baeck-Institut, der wichtigsten Forschungsstätte für die Geschichte des deutschsprachigen Judentums. Die Historikerin Ecker war beeindruckt von Ruth Klügers Memoiren und einem Seminar über das "Überleben in Extremsituationen". In New York sahen sie das Potenzial von Audioguide-Stadtführungen: Chinatown, Paul Austers New York, eine Tour durch die Welt der Opfer von Ground Zero. Das war eine völlig neue Art, eine Stadt zu präsentieren, Oral History aus Grätzeln unter die Leute zu bringen.
So kann man nun hören, was hier im Billa auf der Taborstraße vor genau 70 Jahren geschah. Der 17-jährige Walter Shaffir wurde mit einem Lastwagen in das Central-Kino, das spätere Taborkino, verschleppt. 1000 Sitzplätze fasste das erste Tonfilmtheater. Jetzt war es nur noch ein Sonderlager "vollgefüllt mit Juden", wie Shaffir erzählt, "wir standen Schulter an Schulter, waren total hilflos."
Wer von der Taborstraße Richtung Augarten geht, kommt in die Brigittenau. 15.000 Juden lebten hier, heute ist der Bezirk von Einwanderern aus dem Balkan geprägt. Die Stimme im Kopfhörer sagt: "Schon lange übt diese Gegend eine besondere Anziehungskraft für Zuwanderer aus." Nach dem Zusammenbruch der Monarchie kamen Einwanderer aus osteuropäischen Ländern hierher. Darunter die Familie des kleinen Kurt Rosenkranz, es sind orthodoxe Juden. Eine Stimme im Audioguide sagt: "Bitte drücken Sie jetzt die Pausetaste und folgen Sie dem Weg, wie er auf der Stadtkarte gekennzeichnet ist – bis zur Ecke Rauchergasse/Bäuerlegasse."
Nun steht man vor dem "Kaffeehäferl", einem Vorstadtespresso. Die Stimme eines alten Mannes ist zu hören, es spricht Kurt Rosenkranz. "Ich war ein fürchterlicher Lausbub", sagt er. Er hat auf der Straße gekickt, bis die berittene Polizei kam. Am Wachzimmer sagten dann die Polizisten: "Der Rosenkranz ist wieder da!"
"Sehen Sie da die Front von weißen Fenstern?", fragt Rosenkranz, "dort haben wir gewohnt!" Und dort an der Ecke, wo jetzt die Geflügelhandlung Posch ist, quälten die Brigittenauer ihren "Aufschreibjuden", einen Greißler, bei dem die arme Bevölkerung Schulden anschreiben durfte.
Der orthodoxe Greißler trug auf einmal ein "Saujud"-Schild um den Hals, "die Leute haben das Geschäft geplündert, ihn mit rohen Eiern und Tomaten beworfen".
Rosenkranz kam 1946 zurück nach Wien, seine Familie war ermordet worden, er überlebte sowjetische Gefangenenlager, gründete das Jüdische Institut für Erwachsenenbildung.
Seine Nachbarin war ein zehnjähriges Mädchen, deren Stimme nun zu hören ist. Die Wallensteinstraße, erzählt die heute 80-jährige Anne Blatt, war "schwarz vor Leuten", orthodoxen Juden. Es war hektisch, "wie hier der Broadway".
Blatt hat wenige Erinnerungen an ihre Heimat. Arm sei ihre Familie gewesen, Klo am Gang, keine "icebox oder washing machine" wie später in New York. Man merkt, dass sie sich nicht wirklich erinnern will. Immer wieder stockt ihre Stimme. Blatt erzählt vor allem von Wiener Schokolade, die sie liebte und von Ausflügen in den Prater.
Nach dem Anschluss klopften Nazis an die Türe von Anne Blatts Wohnung: "Meine Mutter hat gesagt, ich soll mich umdrehen und nicht schauen. Und ich weiß nicht, was sie mit meiner Mutter gemacht haben. Aber etwas Schreckliches haben sie gemacht, bestimmt. Das kann ich nie vergessen."
Annes Eltern und ihr fünfjähriger Bruder, so erklärt ein Sprecher, wurden in Auschwitz ermordet. "Anne Blatt lebt heute so bescheiden wie in ihrer Kindheit", sagt Philipp Haydn, "sie blieb allein und wohnt in einem Viertel, wo einige Wiener Juden leben."
Es ist Nacht geworden am Morzinplatz. Wie jeden Freitagabend verwandelt sich die Gegend hier in eine riesige Partyzone für Jugendliche aus der Vorstadt. Das nahe Bermudadreieck pulsiert. Die Kids feiern Halloween, sie trinken, grölen, lachen, haben sich als Vampire und Hexen verkleidet.
Ein Pärchen sitzt am Sockel vor dem ­Gestapodenkmal. Hinter ihnen das aus Reisig und Tannenzapfen gefertigte Gesteck, das die Gruppe KZ-Überlebender am Nachmittag vorbeigebracht hat. Eine Grabkerze, daneben leere McDonald's-Becher. Das Pärchen umarmt sich. Im Kopfhörer ist nun die Stimme von Augusta Appel, dem Mädchen im roten Ballkleid zu hören, das sich hier vor 77 Jahren verliebte: "Ich bin hereingekommen, und da waren alle Burschen, die Männer. Und jeder hat mich angeschaut. Jeder wollte mit mir sofort tanzen."

Florian Klenk in FALTER 45/2008 vom 07.11.2008 (S. 40)


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