Louise, Licht und Schatten
Die Filmpionierin Louise Kolm-Fleck

von Uli Jürgens

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Verlag: Mandelbaum
Genre: Sachbücher/Musik, Film, Theater
Umfang: 240 Seiten
Erscheinungsdatum: 01.02.2019


Rezension aus FALTER 12/2019

Als das Filmgeschäft noch Frauensache war

Film: Eine spannende Biografie leuchtet zum ersten Mal das Leben der Filmpionierin Louise Kolm-Fleck aus

Der frühe Film war ein proletarisches Vergnügen, seine Herstellung brachte weder Prestige noch schnelles Geld ein. Das mag einer der Hauptgründe dafür sein, dass Frauen in der Frühzeit des Kinos ganz erstaunliche Karrieren machten, und das nicht nur als attraktiver Aufputz vor der Kamera. Sie führten Regie, zeichneten für die Produktion, schrieben Drehbücher, besorgten den Schnitt, verfassten theoretische Abhandlungen über den Film. Erst mit der Verbürgerlichung des Kinos, seiner Kontrolle und Inanspruchnahme als Propagandamittel im Ersten Weltkrieg wurden die Frauen in der Filmproduktion in die zweite Reihe abgedrängt – und die lukrativsten Jobs teilten sich fortan zumeist ihre männlichen Kollegen untereinander auf.

Selbst der österreichische Film hatte seine Pionierin. „Louise, Licht und Schatten“, eine reich illustrierte Biografie von Uli Jürgens, erzählt die Lebensgeschichte von Louise Kolm-Fleck (1873–1950) erstmals bis ins Detail nach. Vater Louis Veltée, dessen Familie aus Lyon stammte, gründete am Wiener Kohlmarkt das Stadtpanoptikum, weshalb Louise schon in jungen Jahren mit dieser Vorform der lebendigen Bilder in Berührung gekommen sein dürfte. Mit 20 heiratete sie Anton Kolm, einen begeisterten Fotografen. Später stieg das Ehepaar zusammen mit Jakob Fleck, einem ehemaligen Schauspieler, der mittlerweile als Kameramann arbeitete, in die Filmproduktion ein. 1908 realisierten sie „Von Stufe zu Stufe“, den mutmaßlich allerersten Spielfilm heimischer Provenienz.

Dieses Werk ist ebenso wenig erhalten wie das Gros der rund 150 Filme, bei denen Louise Kolm-Fleck als Produzentin, Autorin oder Koregisseurin die Hand im Spiel hatte. Einer der ersten, an deren Entstehung sie wohl beteiligt war, hieß „Der Hut im Kino“ und erinnerte die Besucherinnen daran, ihre eleganten Kopfbedeckungen abzunehmen, um nicht die Sicht auf die Leinwand zu blockieren. Dass es sich bei diesem „humoristischen Stück“ um ein dreistes Plagiat des amerikanischen Films „Those Awful Hats“ handelte, findet bei Jürgens ebenso wenig Erwähnung wie damals in der zeitgenössischen Presse.

An künstlerischem Selbstbewusstsein mangelte es Louise Kolm-Fleck und ihren engsten Mitverschworenen definitiv nicht. Abgesehen von der Herstellung sogenannter Aktualitäten, die relevante gesellschaftliche Ereignisse dokumentierten, bemühten die Filmschaffenden sich nach Kräften um die Nobilitierung ihres Gewerbes. So setzten sie mit ihren Firmen, der Österreichisch-Ungarischen Kino-Industrie (1910–1912) respektive der Wiener Kunstfilm (1912–1924), bevorzugt auf erprobte literarische Stoffe: von Ferdinand Raimund über Franz Grillparzer bis Ludwig Anzengruber, dessen „Pfarrer von Kirchfeld“ sie gleich mehrfach verfilmten. Zum dritten und letzten Mal anno 1937, kurz bevor Louise und ihr nunmehriger Mann, Jakob Fleck, ins Exil nach Schanghai fliehen mussten.

Die künstlerischen Ambitionen insbesondere des Stummfilms erscheinen aus heutiger Sicht oft zweifelhaft. Aber Louise Kolm-Fleck besaß viel Geschäftssinn und ein Gefühl für kommende Stars. Die Wiener Kunstfilm mit ihrem Atelier im Dachgeschoß des Hauses Museumstraße 5, gleich hinter dem Volkstheater, entwickelte sich zur Talenteschmiede. Sie verpflichtete arrivierte Bühnendarsteller wie Eduard Sekler und brachte neue Schauspieler groß heraus: Max Neufeld beispielsweise oder Hubert Marischka, den Helden des patriotischen Fliegerdramas „Mit Herz und Hand fürs Vaterland“, oder Liane Haid, noch in den 1940ern Inbegriff des Wiener Mädels.

Die „Roaring Twenties“ entdeckten Louise und Jakob Fleck, die 1924, zwei Jahre nach Anton Kolms Tod, geheiratet hatten, in Berlin, wo sie einen Film nach dem anderen herunterdrehten. Bedauerlicherweise unterzieht die Biografin auch die überlieferten Filme keiner Textanalyse, sondern begnügt sich damit, mehr oder weniger unhinterfragt Zitate aus damaligen Branchenblättern auszubreiten. So bleibt weithin unbestimmt, welche Bedeutung die Werke von Kolm-Fleck in der Filmgeschichte – und für uns heute – eventuell noch haben. Das gilt auch für ihren Exilfilm „Kinder der Welt“, den Louise und Jakob 1941 zusammen mit dem Regisseur Fei Mu realisierten; um die Einzigartigkeit dieses europäisch-chinesischen Hybriden verstehen zu können, wäre zumindest ein Verweis auf Karl Siereks aktuelle Studie „Der lange Arm der Ufa“ (2017) dienlich gewesen.

Michael Omasta in FALTER 12/2019 vom 22.03.2019 (S. 44)


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