Favoriten

Auf den Spuren eines Wiener Arbeiterbezirks
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Kurzbeschreibung des Verlags:

Die riesige graue Vorstadt mit dem klingenden Namen »Favoriten« hat eine Geschichte. Es ist die Geschichte des arbeitenden Volkes, die Geschichte von Namenlosen, die diese Stadt mitgeformt, sie verteidigt und wieder aufgebaut haben. Hier wurde von Austrofaschisten auf Arbeiterhäuser geschossen, hier herrschten Arbeitslosigkeit und Not, und viele Favoritner ließen für ein freies Österreich ihr Leben.
Aus persönlichem Blickwinkel erzählt eine Favoritner Lehrerin, deren Familie seit der Bezirksgründung hier lebt, die politischen und gesellschaftlichen Veränderungen und Umbrüche ihres Heimatbezirks. Texte von historischen Persönlichkeiten wie Victor Adler, Adelheid Popp, Max Winter oder Johann Pölzer vertiefen den Blick auf Favoriten. Die Zeitreise wird durch humorige und emotionale Familiengeschichten sowie die zahlreichen historischen und zeitgenössischen Fotografien besonders lebendig.

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FALTER-Rezension

Von Sandlern, Heldinnen und dem Eissalon Tichy

Die zumeist aus Böhmen zugewanderten Ziegelarbeiter am Laaer Berg und am Wienerberg waren vor 150 Jahren die Ausgebeutetsten der Ausgebeuteten. Zusammengepfercht arbeiteten sie für ein paar Heller, lebten in Gemeinschaftsunterkünften und wurden auch noch mit Blechmarken bezahlt, mit denen sie den überteuerten, schlechten Fraß in den Werkskantinen kaufen mussten. Victor Adler, später der Einiger der Sozialdemokraten, schlich sich inkognito ein und schrieb eine packende Reportage über das Elend der Ziegelarbeiter - die Aufdeckerstory legte die Grundlage zu seiner späteren Popularität und Legende. Auf der untersten Stufe der Elenden standen jene, die die Ziegelformen mit Sand ausfüllen mussten. Sie wurden "Sandler" genannt, und der Begriff bürgerte sich später für alle auf der untersten Sprosse der sozialen Leiter ein. Nachdem immer mehr Arbeitsrechte durchgesetzt wurden, blieben die Werkskantinen bestehen, verwandelten sich aber nach und nach zu normalen Wirtshäusern, und um das Publikum zu halten, dachten sich die findigsten Wirtsleute am Laaer Wald ein paar zusätzliche Attraktionen aus und stellten Spielgeräte auf. Der Grundstein des Böhmischen Praters war gelegt.
Die Geschichte des Böhmischen Praters, die Arbeiterkultur im "zehnten Hieb", der Straßengangs und Volksbildner -das und vieles mehr kann man in Gitta Tonkas Buch "Favoriten -Auf den Spuren eines Wiener Arbeiterbezirkes" nachlesen. Wenn sie erzählt, dann blickt sie auf eine unglaubliche, 170-jährige Familiengeschichte zurück.

Tonkas Urgroßvater Jakob Sokopp kam in den 1870er-Jahren nach Wien. Er lernte Metalldrucker und war schon in der allerersten Generation der Arbeiterbewegung und der Gewerkschaften aktiv. Jakob Reumann, später der erste Bürgermeister des Roten Wien, war einer seiner engsten Freunde. Die Familie lebte in Elendsquartieren, bis sie in einer kleinen Wohnung mit Werkstatt in der Buchengasse 100 unterkam.

Die ganze Familie, Großeltern und Großtanten von Gitta Tonka waren in den linken Bewegungen und im Widerstand aktiv. Vor einigen Jahren hat sie schon die Lebenserinnerungen ihrer Mutter Ossy Tonka herausgebracht. Revolutionäre, später Schutzbündler, illegale Sozialisten, todesverachtende Konspirateure gegen die Nazis, sie alle gingen ein und aus in der Buchengasse 100. Tonkas Mutter schlägt sich - blutjung -zu den Partisanen nach Jugoslawien durch, kämpft auf deren Seite, und in der Nachkriegszeit landet sie bei Bertolt Brecht als Mitarbeiterin im Theater Scala. Gitta saß noch bei Brecht am Schoß.

Gitta Tonkas Buch ist ein packendes Porträt eines Bezirks geworden. Seiner verruchtesten Viertel etwa, wie "das Kreta", wo die härtesten Gangs die Straße beherrschten und das heute noch übel beleumundet ist, auch wenn das städtebaulich ambitionierte Sonnwendviertel fast direkt angrenzt. Als einstige Lehrerin und Direktorin einer Favoritner Volksschule kennt Tonka den sozialen Wandel der vergangenen Jahrzehnte. Zu jeder Fabrik, jedem Gemeindebau, jeder Gartenstadt, zum Tichy, zu Oberlaa -zu allem hat Tonka Geschichten zu erzählen, die auch für Kenner neu sind. Zu brillanten Figuren, die dem Bezirk eng verbunden waren, wie dem Journalisten Max Winter, Gründer der Kinderfreunde und in den 1920er-Jahren Vizebürgermeister. Oder Schani Pölzer, Schneider, Gewerkschafter, Arbeiterbildner, und seiner Frau Amalie, Gewerkschafterin und radikale Feministin - nach ihr wurde das Amalienbad benannt, heute ein Denkmal avancierter Architektur.

Robert Misik in Falter 21/2022 vom 27.05.2022 (S. 18)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783854769439
Erscheinungsdatum 01.04.2022
Umfang 144 Seiten
Genre Sachbücher/Geschichte/Regionalgeschichte, Ländergeschichte
Format Buch
Verlag Mandelbaum Verlag eG
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