Die Welt bei mir zu Gast
Anekdoten aus der 10er Marie

von Käthe Musil, Ingrid Pachmann

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Molden
Erscheinungsdatum: 01.01.2005

Rezension aus FALTER 40/2005

Käthes Welt

Vierzig Jahre lang war Käthe Musil die legendäre Wirtin der 10er Marie, Wiens ältestem Heurigen. Nun veröffentlicht die Autonärrin, Tierliebhaberin, Waffenscheinbesitzerin und einstige Schönheitskönigin ihre Erinnerungen.

Ihre Liebsten hat sie in ein abgegriffenes Nylonsackerl gepackt, in dem ihre Berühmtheiten und Weltberühmtheiten, ihre Toten und ihre Lebenden durcheinander geschüttelt sind. Kaum sitzt Käthe Musil, schon wirft sie, ohne lange Faxen, einen Schwall Fotos auf den Tisch. Auf Schnappschüssen, Farbfotos und SW-Aufnahmen schauen einem ewig gut gelaunte Schauspieler, Tänzerinnen, Mediziner, Entertainer, Sänger, Modeschöpfer entgegen. Käthe Musil und Curd Jürgens. KM und Rex Harrison. KM und Ginger Rogers. KM und ein greiser Robert Stolz. Starchirurg Christian Barnaard singt, KM entzückt neben ihm. Pierre Brice mit vorgeschobenen Kinn und geröteten Augen. Der Sänger Ivan Rebroff, mit KM auf dem Schoß, mit seiner obligatorischen Fellmütze auf dem Kopf, mit einem Wucherbart im Gesicht. Heinz Conrads und Gunther Philipp. Liz Taylor und Udo Jürgens. Ursula Andress und Niki Lauda. Fred Adlmüller und Eddie Constantine. Ephraim Kishon und Hans Rosenthal. Und immer wieder auf den Fotos mit drauf, als eigentlicher Star der wechselnden Ensembles, im Gesicht ein Lächeln als hohe Schauspielkunst: Käthe Musil, legendäre Wirtin der 10er Marie.

Bühnenreif auch ihr Auftritt einige Minuten zuvor. Musil kommt nicht zur Tür der 10er Marie, Ottakringer Straße 224, herein, sie erscheint: Die Königin hält Hof. Sie setzt sich an ihren Stammtisch, gleich links bei der Schank, sie schaufelt aus dem Nylonsack Fotos. Sie bestellt ihr erstes Glas Wein, sie wirft mit Grußworten und Freundlichkeiten um sich, sie zupft an ihrem Gürtel im Leopardenfellmuster, sie nestelt an der Halskette mit Herzformgehänge, sie sagt zu den Kellnerinnen Dinge wie "mein liebes Schatzele" oder "mein Kinderl". Sie macht alles zugleich, in einer einzigen, etwas unkoordinierten Bewegung. Um sie ist ein elektrisches Feld von Energie und Bedeutsamkeit. Sie wird an diesem Abend noch oft "Schatzele" und "Kinderl" sagen.

Musil, die in noblem Timbre spricht, sagt auch wiederholt: "Ich weiß gar nicht, woher ich all die Jahre die Kraft genommen habe." Über die Triumphe ihres Lebens berichtet sie gern und ohne Ende, in wahnwitzigem Tempo. Man kann sagen, es ist eine verschlungene, verworrene Erzählweise: Käthe Musil, geborene Wewalka, startet mit einem in einem Schacht der 10er Marie einst geborgenen Pressstein, sie springt über zu Hollywooddiva Liz Taylor und zum unverwüstlichen und unvermeidlichen Franz Antel und dessen Heringschmausessen. Dann fällt ihr die Episode mit den drei Alphörnern ein, den Abschluss bildet ihr Exgemahl, der Herr Musil, der feine Herrenschneider, der fabelhaft, aber nicht gar so gern gearbeitet habe. Sie kann aber auch schnurstracks auf den Punkt kommen. "Dreimal am Mond, einmal bei dir, kein Zweifel: Hier ist's viel, viel schöner", so habe das der Weltraumfahrer Thomas P. Stafford, der für Musil einige Zeit mehr war als nur ein lieber Gast ("der General"), ihr gegenüber einmal formuliert. Wo Käthe Musil ist, muss irgendwas Großes, Neues, Einmaliges, Verrücktes sein.

Nur wer die Welt so wahrnimmt, kann wohl vierzig Jahre lang, mit viel Fleiß und viel Glamour, einen Betrieb wie die 10er Marie, Wiens ältesten Heurigen, leiten. Maria, die Tochter eines ehemaligen Pächters, bescherte dem nunmehr seit 265 Jahren bestehenden Lokal einst seinen Namen - das Haus war anno dazumal mit der Nummer 10 angeschrieben. Es wurden im Lokal Ziegel gefunden, die aus der Zeit Maria Theresias stammen, bei Umbauarbeiten kamen auch aus der Biedermeierzeit Leitungen der Gasbeleuchtung zum Vorschein; es ist verbürgt, dass sich Kronprinz Rudolf von seinem verschwiegenen Leibfiaker Bratfisch öfters in die 10er Marie kutschieren ließ und dort im "Souterrain-Zimmer" gern "Liedln aus der untersten Lad" vernahm. Es gibt auch ein "Lied von der 10er Marie", 1958 wurde es verfasst: "Schon als Bürscherl war i bei der 10er Marie, hab fest g'jodelt und pascht und manches Tröpferl vernascht." Fast 300 Jahre lang war die inzwischen denkmalgeschützte Institution im Familienbesitz. 1986 ging Musil in Pension und verpachtete das Haus an etwas windige Betreiber, seit Mai 1993 leitet der Neustifter Gastronomieclan Fuhrgassl-Huber die Geschicke des Weinhauses: Auch Gerti Huber, die so freundliche wie resche neue Chefin, hat viele Fotos, auf denen sie neben Jörg Haider oder Michael Häupl steht. Kanzler Schüssel legt auf einem Bild den Arm um sie. Es hängen auch, als sentimentale Reminiszenz, zwei großformatige Bilder mit Goldrahmen im Lokal: Musil mit Marika Röck. Musil mit Birgit Sarata. Vornehme Damen mit enormen, ein wenig albernen Haarbergen und lodernden Blicken.

Zum Tummelplatz der Reichen, Schönen und Interessanten wurde das Lokal erst unter Käthe Musil. Bereits vor Jahrzehnten erschienen Jubelartikel über die Heurigenwirtin, Zitat aus der Zeitung Samstag: "Ab und zu, wenn's die Zeit erlaubt, schleppt sie an die fünf, sechs Wälzer heran und sagt: Das ist mein Leben!' Es sind die Gäste, die auf diesen Seiten ihren Eindrücken und Gefühlen für die 10er Marie und ihre attraktive Patronin freien Lauf ließen." Für ihr soeben erschienenes Erinnerungsbuch "Die Welt bei mir zu Gast" hat Musil nun ihre mittlerweile 25 Gästebücher und zwanig Fotoalben gesichtet. Herausgekommen ist eine Anekdotensammlung mit ungeheuren Mengen an Material: Käthe im Prominentenhimmel.

Wie sich das für berühmte Menschen gehört, gibt man nur häppchenweise etwas von sich preis. Musils Alter etwa ist Rechensache. 1938 verstirbt ihr Vater, ein Weingroßhändler, bei einem tragischen Jagdunfall, sie ist damals 16 Jahre alt. Zur Endsumme muss man noch ein, zwei Jährchen dazuzählen. "Mama erzählte mir", treibt Musil die Verschleierung in ihren Memoiren fort, "dass es um zwölf Uhr mittags war, als ich am 27. Mai als Sonntagskind zur Welt kam". Was man noch wissen darf, sind Geschichten einer Dame von Welt: Sie liebt Venedig, Autos und Tiere. Quicky, Astor und Nero hießen ihre Hunde. 1943 war Musil Miss Velden, sie war "Ritter der Kochkunst", seit 1987 ist sie Mitglied der "Internationalen Ordensunion", sie spricht drei Sprachen, ihre Hobbys waren bis vor kurzem noch Tennis und Reiten. Ihr Interesse gilt seit jeher sehr berühmten und nicht so berühmten Menschen. Sie besitzt einen Smith-&-Wesson-Trommelrevoler, den Waffenschein hat sie vor Jahren gemacht. Ihre Lieblingsautos sind Mercedes und Porsche, sie ist auch Rennen gefahren. Auf einem Foto steht sie neben einem himmelblauen Mercedes 280 SL, Kennzeichen W 5224, einen grellgrünen Badeanzug hat sie an. Daneben der Alltag. Von sechs Uhr in der Früh bis drei Uhr nachts war Musil ausschließlich Wirtin. "Wenn ich die p.t. Herren erhört hätte", sagt sie keck, "dann hätte ich eine Nebenbeschäftigung gehabt. Im Stillen wurde ich wiederholt verehrt, der Funke ist aber oft nicht übergesprungen." Dann ihre spitzfindige Conclusio: "Aber romantisch war's."

Das Wort Trottel kommt Musil schon aus dem Mund: "Wer Venedig nicht liebt, muss ein Trottel sein", poltert sie einmal mit Wirtinnenstimme. Das Wörtchen Sex hingegen nicht, das haben andere getan. Nach einem gemütlichen Abend in der "10er-Marie" notierte Schlagerbarde Rex Gildo im Gästebuch: "Die Frau Käthe hat Sex - dieses sagt Euer Rex", ist auf Seite 71 des Erinnerungsbandes zu lesen. Käthes Welt ist in "Die Welt bei mir zu Gast" in aller gebotenen Ausführlichkeit präsentiert: KM und die Beach Boys. KM und Regisseur Vittorio de Sica. KM und Freddy Quinn. KM und Joan Collins. Auf einem Foto überreicht Musil dem von den Zeitläufen ein wenig gezausten "Dallas"-Star Larry Hagman ein Hirschgeweih, worüber sich jener offensichtlich sehr freut. Auf einem anderen Bild ist ein langhaariger Jüngling zu sehen, der mit tiefblauen Augen in die Kamera schaut. Im Buch verschweigt Musil die Geschichte, dass der Frontmann der "Les Humphries Singers" an ihr sehr interessiert war. Ein wichtiges Ereignis wurde fotografisch indes nicht festgehalten. "Die Rollings", wie Musil sagt, wurden bei ihrem Besuch im Heurigenlokal nicht geknipst. Es gab, so erinnert sich Musil, eine Platte mit Schnitzel und Stelzen, und einer der Rolling Stones setzte sich, gleich beim großen Hirschgeweih, einen Schuss.

Wolfgang Paterno in FALTER 40/2005 vom 07.10.2005 (S. 72)


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