Literatur im Netz
Projekte, Hintergründe, Strukturen und Verlage im Internet

von Christine Böhler

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Triton
Erscheinungsdatum: 01.01.2001

Rezension aus FALTER 11/2002

Die Literaturwissenschaftlerin Christine Böhler schafft in ihrem Buch "Literatur im Netz" Klarheit über Themen, die dem Feuilleton noch immer ziemlich fremd sind.

Die Räumlichkeiten von Christine Böhlers Kleinstbetrieb "Literatur und Medien" haben nichts mit den Bildern cooler Menschen in nüchternem Designer-Ambiente gemein, die bunte Zeitschriften ihren Lesern gern als Arbeitsrealität im Bereich neuer Medien vergaukeln. Böhlers Büro besteht aus einem einzigen Zimmer, in dem keineswegs rege Geschäftigkeit herrscht. Kein Wunder, ist die Literaturwissenschaftlerin und Spezialistin in Sachen Literatur und Internet doch ganz allein für "Literatur und Medien" zuständig.

Zudem ist Literatur wirklich der letzte Bereich, mit dem sich im Internet Geld verdienen lässt, wie Böhler ausführt: "Reich wird man nur, wenn man einen Bestseller geschrieben hat. Alles andere ist immer ein Hungerbrot. Das ändert sich auch im Internet nicht. Und gerade in der Netzliteratur gibt es extrem wenig Geld zu verdienen. Deswegen ist es auch für kaum jemanden interessant, in der Richtung zu arbeiten."

Die gebürtige Vorarlbergerin hat es trotzdem getan. Nicht praktisch, sondern theoretisch. Ihr kürzlich erschienener Band "Literatur im Netz. Projekte, Hintergründe, Strukturen und Verlage im Internet" liefert den bislang kompaktesten, denkbar unakademisch und daher gut lesbar gehaltenen Überblick zu Hypertext und artverwandten Themen.

Wie notwendig ein solcher ist, lässt sich an der Ahnungslosigkeit ablesen, mit denen sich das Feuilleton üblicherweise dem Themenkomplex nähert. "Im Feuilleton werden immer nur ein oder zwei positive Beispiele für Netzliteratur genannt. Über den Rest heiß es: Das ist doch alles einfach ganz schlecht." Nach dem dritten Bier jedoch, weiß Böhler weiter zu berichten, würde so mancher Kulturredakteur bereitwillig zugeben, dass er nicht wirklich wisse, worum es sich bei "Hypertext" und "Netzliteratur" eigentlich handelt.

Dafür gibt es nun keine Ausrede mehr. Böhler geht die Thematik voraussetzungslos an und eröffnet "Literatur im Netz" mit einer Kürzest-Geschichte des Internets und World Wide Webs, hantelt sich zu den Charakteristiken von Hypertext vor (wesentlichstes Charakteristikum ist die Nicht-Linearität: Alles kann mittels Link miteinander verbunden werden; demnach ist die Lektüre von Hypertext potenziell endlos) und thematisiert Punkte wie das Publizieren im Netz, "Print on demand" oder E-Book. Sie unterscheidet zwischen Netzliteratur (Texte, die ihr Medium entsprechend mit reflektieren und daher Links, Grafiken oder Sounds mit einschließen) und Literatur im Netz (das Internet dient als reines Veröffentlichungsmedium von Literatur) und lockert das Buch auf, indem sie Gespräche mit Protagonisten der Bewegung wie Thomas Hettche einstreut. "Literatur im Netz" kann sowohl als konzise Einführung für Neulinge als auch als Nachschlagewerk für jene dienen, die mit Internetliteratur bereits vertraut sind.

Einen Schwerpunkt setzt die gelernte Buchhändlerin und Germanistin, die den Veranstaltungsbereich im Wiener Literaturhaus aufgebaut hat und seit 1996 die über Wien hinaus bekannte "Lichtzeile" im Flex betreibt, auf die Rezeption von Hypertext. Leichter hat es der Leser im Internet nämlich keineswegs: "Der Rezipient muss aktiver sein. Damit man bei vielen Hypertext-Sachen wirklich Spaß hat, braucht man viel mehr Medienwissen und muss man fast schon wieder eine Autoren-Rolle einnehmen - eine extreme Anforderung an jemand, der ein reiner Leser ist."

Dementsprechend verschwindend sind die Leserzahlen, die sich etwa an den - eben kaum vorhandenen - Reaktionen auf im Netz publizierte Texte ablesen lassen. Und dementsprechend wenig Nachwuchs kommt auf die Idee, es nicht über den klassischen Weg und das Verschicken von Manuskripten an Verlage zu versuchen. Für Böhler hängt die geringe Zahl an Autoren auch mit der Mehrfachbelastung zusammen, die diese auf sich nehmen müssen: "Bisher brauchte man nur Bleistift und Papier. Jetzt braucht man die Vorstellung, was im Internet realistischerweise möglich ist, die Software und Hardware dazu und Programmierkenntnisse. Und darüber hinaus gibt es keinen Betrieb, kein Verlag fühlt sich zuständig. Wo soll man sich da als Hypertext-Autor ansiedeln?"



Vom "Tod der Hypertextliteratur" und ähnlichen Slogans will Böhler aber nichts wissen; auch wenn sie zugesteht, dass sowohl die Netzliteratur als auch die Literatur im Netz schon bessere Zeiten gesehen haben. Zeiten, als Rainald Goetz' Projekt "Abfall für alle" in aller Munde war und mittlerweile eingestellte Internetforen wie "Null" oder "Am Pool", die unter Literatur im Internet jedoch wenig mehr als flapsige Alltagsbetrachtungen verstanden, für Gesprächsstoff sorgten. Der kurze Hype im Jahr 1999 und das anschließende Versickern der Hypertextliteratur aus den Medien hat für Böhler vor allem zwei Gründe:

"Erstens gab es den Hype ja nur, weil auch Menschen geschrieben haben, die dem Feuilleton schon zuvor aus dem Literaturbetrieb bekannt waren - Goetz oder Thomas Hettche. Alles, was davor passiert war, wurde nicht wahrgenommen - zumindest nicht als Literatur. Und zweitens hat unter den Netzliteraten der Spaß an der Arbeit mit der Übernahme des Internets durch die New Economy sehr stark nachgelassen. Es gibt nach wie vor interessante Projekte - die passieren aber eher außerhalb des klassischen Literaturkontexts in Kunst- und Off-Spaces."

Sebastian Fasthuber in FALTER 11/2002 vom 15.03.2002 (S. 62)


Bitte warten...

Sie haben folgendes Produkt in den Warenkorb gelegt:

{{var product.name}}


weiter einkaufen
zum Warenkorb