Franz Liszt. Werk und Leben
Musikportraits Bd. VI, mit CD

von Manfred Wagner

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Holzhausen
Erscheinungsdatum: 01.01.2000

Rezension aus FALTER 42/2000

In seiner neuen Liszt-Biografie präsentiert Manfred Wagner den exzentrischen Klaviervirtuosen als Medium der sich formierenden Kulturindustrie.
Seit Beginn der Neunzigerjahre fand auch die akademische Musikwissenschaft über den engeren Kreis ihrer Wissensgemeinschaft hinaus Anschluss an die Fundamentalzwistigkeiten der ästhetischen Debatte. Über Begriffe wie Identität, Repräsentation und Differenz gelangten zum einen (post)moderne Diskursverzweigungen in eine zuvor eher hermetische Stil-Reflexion. Zum anderen zerstörten plötzlich Gender-basierte Lesarten oder Genre-Dekonstruktionen die Sicherheiten des Denkens in Traditionen und legten radikale Anbindungen an Zeitumstände nahe.
Wie immer verbinden sich solche Anfänge mit der Gefahr, das genuine Material (sprich das Musikalische selbst) zu ignorieren, und schon allein aus diesem Grund ist das Unternehmen des Holzhausen Verlages zu schätzen, mit der Reihe populärer "Musikporträts" zwischen musikhistorischer Orthodoxie und kultursoziologischen Konzepten zu vermitteln. Jüngst tat dies Manfred Wagner, Professor für Kultur- und Geistesgeschichte an der Universität für angewandte Kunst, am Beispiel Franz Liszts.
Manfred Wagner präsentiert darin einen Musiker, der mindestens so vielfältig ist wie jener, den uns Ken Russell in "Lisztomania" vorgestellt hat: Liszt, der Sohn eines burgenländischen Gutsverwalters, wird als jemand geschildert, der auszieht, um mit stupender Virtuosität Rossinis Erbe als "Top of the Pops" des 19. Jahrhunderts anzutreten, der Tausende Kilometer im Jahr auf Tournee ist, Teenies verbraucht und in der Aristokratie wildert, den Frühsozialisten Saint-Simon liest und vor florentinischer Quattrocento-Malerei religiöse Visionen hat, um sich schließlich - tatsächlich wegen der Eleganz der Soutane, die er als spät berufener Weltgeistlicher im Alter trägt - der Kirche in die Arme zu werfen.
Anders als Russel sieht Wagner in Liszt aber nicht den naiven sozialen Aufsteiger, sondern ein (außerordentlich begabtes) Medium der sich eben formierenden Kulturindustrie. Besonders interessant ist in diesem Zusammenhang das Insistieren Wagners auf der Bedeutung der exklusiven Arbeitsgemeinschaft Liszts mit dem Pariser Klavierbauer Erard, der auch Liszts erste Tourneen organisiert und die Werbelinie für das damalige Kinder-Genie entwickelt.
Die künstlerische Emanzipation des Klaviers im 19. Jahrhundert - ein erklecklicher Teil von Liszts Îuvre besteht in Transkriptionen und Arrangements - verbindet sich "ideal" mit dem Virtuosentum (und der "Subjekt"-Position des Künstlers), mit dem Wachstumsinteresse der Klavierindustrie sowie mit dem Aufstieg der bürgerlichen Familie, die sich um den häuslichen Flügel gruppiert und (fatalerweise) die Töchter zu Herrn Franz Liszt in die Übungsstunde schickt.
Die Sensationen im Leben des exzentrischen Künstlers (bis hin zum Showdown mit dem bösen Schwiegersohn Richard Wagner und der noch böseren Tochter Cosima) überragen als Symptome des bürgerlichen Musikbetriebes sein kompositorisches Werk. Zumindest wird dies vom mitunter kaleidoskopischen Beschreibungsmuster nahe gelegt. An den ästhetischen Schlüsselkonflikten der Zeit (z.B. "absolute Musik" versus "Programmmusik") unmittelbar beteiligt, ist "Liszt" - der sich am Ende seines Lebens noch einmal an das Oratorium als Opposition zur erfolgreichen Oper wagt - mehr ein Feld denn kohärente Person.
Indes: Die Tücke einer Biografie liegt darin, dass sie uns zwingt, am Modell von "Autoren" festzuhalten. So führt uns auch Manfred Wagner, obwohl er implizit andere Vektoren einführt, letztlich zum auktorialen Subjekt Franz Liszt zurück.

Siegfried Mattl in FALTER 42/2000 vom 20.10.2000 (S. 39)


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