En Détail. Alte Wiener Läden.
70 S/W-Fotos

von Petra Rainer

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Holzhausen
Erscheinungsdatum: 01.01.2002

Rezension aus FALTER 34/2002

True Crime, Made in Austria: Ende der Achtzigerjahre wurde er als "Pumpgun-Ronnie" berühmt. Im bürgerlichen Leben als Johann Rettenberger bekannt, überfällt der sympathische Niederösterreicher mehrere Banken (an einem Tag sogar drei!). Seiner Frau erzählt der Dreißigjährige, er sei laufen oder spazieren gewesen. Wie die Bankräubergang "Die Ex-Präsidenten" in Kathryn Bigelows Surfer-Thriller "Point Break" (1991) zieht sich Pumpgun-Ronnie bei seiner Arbeit eine Ronald-Reagan-Maske über den Kopf. Der Roman "Die Räuber" von Martin Prinz heftet sich dem Flüchtenden in seinen letzten Stunden an die Fersen. Vier Tage lang ist der geübte Marathonläufer zum Großteil zu Fuß unterwegs und narrt die ihn verfolgende Polizei, bis ihn ein tödlicher Schuss trifft. Das vorangestellte Motto von Franz Kafka, "Ich werde mich nicht müde werden lassen", gibt den ruhelosen Rhythmus vor. Rettenberger rennt und rennt: So ist "Der Räuber" kein Krimi, sondern eine psychologisch gedeutete Laufstudie geworden - über einen, der nur im Rennen eine gewisse innere Ruhe finden kann. Teilweise zu sehr ein Fall für den Sportkanal: die Einsamkeit des Langstreckenläufers.True Crime, Made in Switzerland: In "Fast ein bisschen Frühling" von Alex Capus wollen zwei Arbeitslose 1933 aus Nazideutschland nach Indien fliehen, sie überfallen eine Bank, wobei ein Angestellter (er wird nicht das letzte Opfer sein) ums Leben kommt. Ihre weiche Seite entdecken die beiden in einem Schallplattenladen in Basel, wo sie hängen bleiben, um der schönen Dorly Tag für Tag eine Tango-Platte abzukaufen, was weitere Überfälle nach sich zieht. Erzählt ist die romantische Story mit authentischem Hintergrund in einem schmissigen Ton ohne viel Psychologisieren. Wir sehen schon beim Lesen die Verfilmung ablaufen. Letztendlich ist die Geschichte, die sich wie ein Kinderbuch für Erwachsene liest (mit seiner Angebeteten geht der Raubmörder bloß spazieren), aber doch nervig harmlos und sentimental geworden. Ein Fall für die ORF-Prime-Time.Oft fällt einem erst schmerzhaft auf, dass man ein Geschäft nie betreten hat, wenn es verschwunden ist. Kleine, schrullige Läden gehören wie eine Selbstverständlichkeit zum Wiener Stadtbild, dennoch sterben sie mit ihren Besitzern aus und selten kommt Gutes nach. Die Fotografin Petra Rainer hat eine nostalgische Reise zu Greißlern und Handwerkern angetreten. Ihre Funde begleiten literarische Miniaturen von Gerhard Roth, Barbara Neuwirth, Bodo Hell, Manfred Chobot und anderen österreichischen Autoren. Darunter auch der Text "Die Knopfkönigin" von Mella Waldstein, womit sie der k.u.k. Hoflieferantin Erika Frimmel ein Monument setzt.

Karin Cerny in FALTER 34/2002 vom 23.08.2002 (S. 54)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Fast ein bisschen Frühling (Alex Capus)
Der Räuber

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