Thirsty Dog
Die Tage der Demut

von Simone Gertz

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: LibroNeueLiteratur
Erscheinungsdatum: 01.01.1999

Rezension aus FALTER 49/1999

Steve Buscemi zum Lesen

Mit "Thirsty Dog" hat Simone Gertz einen knallharten und gleichzeitig einfühlsamen Erstling geschrieben.

Zu Beginn sitzt Squid vor dem Fernseher, findet seinen Gin Tonic nicht. Ganz klar, was passieren muss: Er purzelt auf den Boden, rammt sich Glasscherben zwischen die Rippen und blutet wie ein Schwein. Seine Verletzung trägt er, klassisch Steve-Buscemi-haft, den ganzen Roman über mit sich herum. Keinen Bock auf Arztbesuche in eigener Sache, dafür ist Squid zu durchgeknallt - außer vielleicht, wenn er eine Junkiefrau in der Wohnung hat: Dann hält er dem Onkel Doktor eine Pistole unters Kinn, um Heroin heranzuschaffen. Halbwegs professionelle Wundbetreuung holt er sich von der Nachbarin Alice, gute Seele und Krankenschwester, unter Umständen auch verliebt, allerdings - wie sich später herausstellt und von Squids Fenster aus einblickbar ist - in einen anderen Mann.

Die zarten Gefühle sind aber nebensächlich. Simone Gertz, 1973 in Baden-Württemberg geboren, hat einen knallharten und gleichzeitig einfühlsamen Erstling zustande gebracht: "Thirsty Dog" (samt dem bescheuerten Untertitel "Die Tage der Demut") ist ein Roman wie mit dem Seziermesser geschrieben, ein scharf beobachteter äußerer Monolog, ein sprachgewaltiger Wortschwall über die letztlich gar nicht so irren Lebenswege eines Outlaws, der alles tun würde (und selbstverständlich auch alles tut), um sich, um sein großgeschriebenes "ICH" zu spüren. Er geht im wahrsten Sinn des Wortes über Leichen. Und sei es die eigene.

Nun gibt es in der deutschsprachigen Literatur der Neunziger mit Tim Staffels "Terrordrom" ein maßgeschneidertes Vorbild. Doch geht Simone Gertz in Kenntnis des Vorhandenen einen Schritt weiter, findet ihre eigene Sprache und Squids eigene Geschichte. Der durstige Hund geht nicht spazieren, er kriecht am Zahnfleisch, drückt sich durch die meta-urbane Metastadt und übt sich in Metasprache. Das heißt zunächst, er macht sich mit knappen Meldungen verständlich. Immer dann jedoch, wenn Squid mit dem Hosenboden an den erwartbaren Klischees entlangschrammt (Allmachtsfantasien, Pay-TV-Brutalität), stößt ihn die Autorin unter Zuhilfenahme unvermuteter Wendungen (erwachende Kommunikationsfähigkeit, herzliche Liebesfähigkeit) zurück in die Wirklichkeit. Klinisch genau werden die Schwächen Squids in der Gegenwelt der Normalen (ohne Anführungszeichen) verzeichnet, die vor unserem innerlich aufgemotzten Antihelden so verdammt wenig Respekt zeigen, dass es zum Schmunzeln ist.

Als Beispiel für Gertz' spröden Humor mag die großartige Szene in einem abgesandelten Hi-Fi-Shop herhalten, in dem der Held endlich auf jemanden trifft, der noch verrückter ist als er: ein schräger Verkäufer, auf den geschossen wird, ob von Aliens oder von der Russenmafia, bleibt ungeklärt. An solchen Stellen kippt "Thirsty Dog" in eine fantastische Parallelwelt, die den bewölkten Hyperrealismus, der rasch zur Mache verkommen kann, in ein zauberhaftes Licht taucht. Schade, dass der Inhalt passagenweise an Sozialkitsch mit negativem Vorzeichen grenzt: Doch auch inmitten der blutigen, versifften, eitrigen Lieblichkeit beeindruckt die Konsequenz der Autorin, der bis zum finalen Amoklauf des durstigen Hundes der Atem nicht ausgeht.

Um nicht falsch verstanden zu werden: Es handelt sich nicht unbedingt um Literatur zum Grippe-Auskurieren. Ich empfehle dieses Buch keineswegs meinen besten Freunden (die sollen zuerst einmal Haruki Murakami lesen), aber ich wünsche einige Textpassagen meinen schlimmsten Feinden auf den Arsch tätowiert.

Martin Amanshauser in FALTER 49/1999 vom 10.12.1999 (S. 65)


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