Über Tiere
Eine musikalische Durchquerung, von Ruedi Häusermann

von Elfriede Jelinek, Ruedi Häusermann

Derzeit nicht lieferbar

Label: Christoph Merian
Genre: Belletristik
Erscheinungsdatum: 01.05.2009

Rezension aus FALTER 36/2009

Vor zwei Jahren erschienen im Falter Protokolle von Telefongesprächen, die Männer, darunter Uniprofessoren, Diplomaten oder Anwälte, mit einem Escort-Service geführt hatten: Dort finden unverblümt Verhandlungen über sexuelle Dienstleistungen statt, die das Objekt der Begierde – teils minderjährige Frauen, die aus dem Osten "importiert" werden – zum Tier degradieren. Nun hat Sexualität immer auch etwas Animalisches, und die Abgründe der bürgerlichen Welt lassen sich fast nirgendwo so schön studieren wie hier. Aber diese Protokolle gehen doch weit über das gemeine Gebaren von Männern hinaus; man könnte auch sagen, das männlich Unbewusste entstellt sich hier zur Kenntlichkeit. Elfriede Jelinek erzählte damals dem Falter im Interview, dass sie am liebsten gekotzt hätte, als sie die Abhörprotokolle las. Zugleich war ihr klar, dass die Unvermitteltheit der männlichen Rede unbedingt literarisiert gehörte.
Sie schrieb das Theaterstück "Über Tiere", einen Prosamonolog, in dem sich mehrere Stimmen überlagern. 2007 wurde es im Kasino des Wiener Burgtheaters unter der Regie von Ruedi Häusermann uraufgeführt. Der hat das Stück nun auch als Hörspiel eingerichtet. Die Wirkung ist enorm: Eingeleitet wird "Über Tiere" mit einer musikalischen Collage von elf Pianos, ein wehmütiger Ton durchzieht diesen behutsam entstehenden Klangraum. Nach 18 Minuten beginnt der Mo­nolog, gesprochen von Sylvie Rohrer.
Im Gegensatz zu anderen Inszenierungen setzen Häusermann/Rohrer auf eine fast sensationslose Darbietungsweise – die Schauspielerin spaziert ungerührt durch die Zeilen, es entsteht eine Gleichförmigkeit in Ton und Rhythmus, die in Kontrast steht zum Gesagten. Im Geschäftsgebaren, das im zweiten Teil beschrieben wird, ist nämlich immer das hier nicht Existente mitzulesen – gegenseitiges Begehren oder sogar so etwas wie Liebe. Es ist auch der Schock über dieses Abhandensein, der die Protokolle und ihre Ästhetisierung durch Jelinek so spannend macht. Hier wird die vielleicht nicht alltägliche, aber doch ­reale Sprache von Männern beim Wort genommen, im Mund herumgedreht und so zu einer Waffe.

Ulrich Rüdenauer in FALTER 36/2009 vom 04.09.2009 (S. 15)


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