Wunderzeit

von Catalin Dorian Florescu

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Verlag: Pendo
Erscheinungsdatum: 01.01.2001

Rezension aus FALTER 21/2001

In seinem Roman-Erstling erzählt Catalin Dorian Florescu sehr anmutig von den stickigen Gemeindebauten Temesvars und den Kugeln unter den T-Shirts der Mädchen.

Ein junger Schweizer, der eigentlich Rumäne ist, schreibt ein Buch über seine Jugend im Realsozialismus und nennt es "Wunderzeit". Klingt nicht besonders spannend - ist es aber. Denn Catalin Dorian Florescu ist einfach ein guter Geschichtenerzähler, dem man gerne zuhört; vor allem, weil er die kindliche Perspektive meisterhaft beherrscht, ohne auf Mark Twain oder Denton Welsh zu schielen. Wenn er die Versuche der Familie Teodorescu beschreibt, das Rumänien Ceaucescus zu verlassen, schlägt Florescu einen lebhaften Tonfall an, artifiziell-naiv, aber nie peinlich. Auf diese Weise wird eine Welt der Lebensmittelengpässe und Schattengeschäfte evoziert, in der ein ganz eigener Umgangston herrscht: Denn die meisten autoritären Systeme produzieren in erster Linie nicht etwa Widerstand, sondern eine sarkastische Spielart von Witz.

Im Rumänien der Siebzigerjahre kann einem allerdings der Witz vergehen, vor allem, wenn man Pläne schmiedet. "Am Tag und außerhalb unserer Wohnung war das Wort Dissident verboten. Mein Vater hat es verboten, und ich hielt mich gerne daran, ich wollte nicht, dass er Steine trug, bei seinen Rückenproblemen." Die erste Ausreise in die USA endet im Fiasko, weil der Vater dem amerikanischen Traum misstraut. Bei der Rückkehr haben die Teodorescus eine fatale Nachrede: Wer, außer ein Spion, würde schon zurückkehren?

Der kleine Alin führt durch die engen Gemeindebauten Temesvars, erzählt vom großen Erdbeben des Jahres 1977 und von den kleinen Kugeln unter den T-Shirts der Mädchen. Dabei wirft der Junge, der sich über die bizarre Erwachsenenwelt nur wundern kann, einige Schlüsselfragen auf: "Ich hatte mich schon immer gefragt, ob es den Hammer und die Sichel wirklich gab, vielleicht vergoldet und unter Panzerglas. So wie es das erste Fahrrad und die erste Dampfmaschine gibt, gab es vielleicht auch den Hammer, mit dem der erste Revolutionär den letzten Reaktionär erschlagen hat." Florescu schließt am Ende den Kreis, der sich im Anfangskapitel geöffnet hat: Das Auto der Teodorescus steht an der rumänisch-jugoslawischen Grenze, und ihr Schicksal liegt in der Hand von Ilie, Moldovan und Vasile - den netten, bestechlichen und unberechenbaren Grenzbeamten.

Wunderzeit" ist eines jener Bücher, bei denen der Autor fast zwangsläufig mit Fragen nach dem realhistorischen Hintergrund der Geschichte konfrontiert sein wird. Immerhin ist Catalin Dorian Florescu wie sein Held 1967 in Temesvar/ Rumänien geboren, unternahm die erste Ausreise 1976 (Italien, Amerika) und emigrierte 1982 endgültig. Zurzeit arbeitet er als Psychologe in Zürich. Die Frage "Ist das wirklich geschehen?" ist in diesem Zusammenhang ebenso nahe liegend wie unsinnig. Trotzdem sollte sie beantwortet werden: In Büchern, davon zeugt dieser wunderbare Roman, ist es höchstens halb so langweilig wie in der Welt.

Martin Amanshauser in FALTER 21/2001 vom 25.05.2001 (S. 67)


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