Die Kommunikationsfalle
Macht und Mythen der Medien

von Ignacio Ramonet, Gabriela Zehnder

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Rotpunkt
Erscheinungsdatum: 01.01.1999

Rezension aus FALTER 12/2000

Ignacio Ramonet, der Direktor von "Le Monde diplomatique", hat einen larmoyant geratenen Abgesang auf die Journalistenzunft verfasst. Was ist nicht schon alles gelästert worden über die Unsitten und die Verbrechen der Medien. Alles zahnloses Zeug, scheint es, genauso wie der unzeitgemäße Wunsch nach einer neuen Ethik im Journalismus. Denn von der Logik des Kapitals hinweggefegt, folgen die Medien der Massenkommunikation sehr viel eher der Profitmaximierung als den politisch-emanzipatorischen Zielen der Aufklärung. Welche Enttäuschung, dass sich auch mit den neuen Medien bis auf ein paar Effekte nichts daran ändert. Wundert sich noch jemand darüber? Ignacio Ramonet tut es und fordert wieder "Wahrheit und moralische Aufrichtigkeit" in den Medienberufen. Der Direktor der anspruchsvollen politischen Monatszeitschrift Le Monde diplomatique bleibt dabei einem Gestus verpflichtet, der mit naivem Konservativismus zu umschreiben nicht falsch wäre: Der hehre Journalist und sein besonnener Redakteur informieren die braven Bürger über die Welt da draußen, auf dass diese sich bessere. Aber die Welt funktioniert leider ganz anders. Gierige Medienmacher bemächtigen sich der Information - nicht, um damit etwas zu bezwecken, sondern um damit Geschäfte zu machen!
Dass ein Info-Hustler wie Matt Drudge, keinerlei journalistischem Ehrenkodex verpflichtet, es beinahe geschafft hat, den US-amerikanischen Präsidenten zu stürzen, sorgt bei Ramonet für gehobene Empörung. Dürfen so was nur gestandene Journalisten aus den guten alten Presse-Zeiten, wie damals, im Falle Nixon - nach dem Motto: Watergate ja, Monicagate nein? Doch gerade mit dem erfolgreichen Enthüllungsjournalismus jener Zeit, der auf der ganzen Welt nachgeahmt wurde, begann das Blatt sich zu wenden. Es folgten gefälschte Facts, Fake-Reportagen, inszenierte Dokumentationen, getürkte Bilder.
Und überhaupt, die vielen Bilder! "In der neuen Medienordnung sind Bilder wichtiger als Wörter und Texte." Informieren heißt für den Pressemenschen kontextualisieren, fürs Fernsehzeitalter aber nur mehr "zeigen"; aus dem "Fenster zur Wirklichkeit" ist die "Reality Show" geworden. Das Fernsehen begründet einen neue mediale Ontologie: Was im Bild nicht gezeigt werden kann, ist nicht. Also werden Bilder gemacht, damit etwas ist und nicht vielmehr nichts. Die totale Inszenierung der Realität gerät zur ultimativen Medienwirklichkeit - siehe Golfkrieg. Der brauchbare Aspekt dieses Buches liegt darin, diese Geschichten zu sammeln und zu kommentieren.
Ramonet dokumentiert den unfreiwilligen Zynismus seiner Zunft, die bei Strafe des Untergangs den neuen Sachzwängen blind gehorcht: von der Information zur Inszenierung der Gefühle. Die Kommunikationsfalle besteht darin, dem Anspruch auf Information entsprechen zu wollen und eigentlich doch nur das Publikum fesseln zu müssen. Dabei wird Zeugenschaft wichtiger als Recherche, denn - siehe CNN - live dabei sein ist alles. So wird das Bild zur Bedeutung des Ereignisses - als hätte man die Probleme der Welt verstanden, wenn man sie gesehen hat, als wäre man dabei gewesen. Und Printmedien hecheln diesem Zwang zur Echtzeit hilflos hinterher.
Die Larmoyanz wäre nicht vollständig, würde das Internet fehlen. "Es fällt den Medien immer schwerer, einen strukturellen Unterschied zu machen zwischen wahr und unwahr. Auch hier verschlimmert das Internet die Dinge noch zusätzlich, weil die Publikationsmacht dezentralisiert ist, weil jedes Gerücht, ob wahr oder nicht, zur Information wird und weil Kontrolle, die einst durch die Chefredaktion ausgeübt wurde, vollständig wegfällt."
Das Grundproblem der konservativen Medienkritik tritt deutlich hervor: Es geht letztlich um die Absicherung von Positionen, aber was herauskommt, ist der unfreiwillige Abgesang auf einen Berufsstand. Klar, dass aus dieser Perspektive fast alle Chancen, die sich aus kulturtechnischen Innovationen ergeben, immer auch schon verpasste Chancen sind. Man kann natürlich Klage führen über die "Liberalisierung des Kommunikationswesens" und die "Globalisierung der Informationstechnologie", die beängstigende neue Medienimperien entstehen lässt. Aber es ist zu wenig, dagegen eine Rückkehr zur Wahrhaftigkeit einzuklagen.
Die theoretische Analyse muss über eine Beschreibung der Zustände hinausgehen: Neue semiotische Konstellationen verlangen nach mehr als nach einem nostalgischem Seufzer aus der guten alten Redaktionsstube.

Frank Hartmann in FALTER 12/2000 vom 24.03.2000 (S. 29)


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