Die Welt ist keine Ware
Bauern gegen Agromultis

von José Bové, Francois Dufour, Bodo Schulze

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Rotpunkt
Erscheinungsdatum: 01.01.2001

Rezension aus FALTER 12/2002

Der italienische Philosoph Antonio Negri und der US-amerikanische Literaturwissenschaftler Michael Hardt beschreiben in "Empire" die neue Weltordnung, die nationalstaatliche Formen der Souveränität endgültig hinter sich gelassen hat. Ihr gleichnamiges Buch gilt als erste große Theorie des 21. Jahrhunderts.

Seit dem Ende des Kalten Krieges scheint in der politischen Theorie eines klar: Die westeuropäisch-amerikanische Marktökonomie hat gesiegt und tritt ohne Alternativen die nächsten Etappen ihres globalen Feldzugs an. Nach langem Kampf ist der Sozialismus zwar auch an seinen eigenen Widersprüchen, aber ebenso an den Verheißungen von Demokratie, Konsum und Freiheit gescheitert. Die USA haben den Kalten Krieg gewonnen und sind Inbegriff der neuen globalen Ordnung. Lange Zeit hat es keine umfassenden theoretischen Gegenentwürfe aufseiten der Linken gegeben. Doch vor etwas mehr als einem Jahr kamen Antonio Negri und Michael Hardt mit ihrem Buch "Empire" und verweigerten sich dem vorherrschenden Tenor, dass die Linke seit zwanzig Jahren nichts als Niederlagen eingesteckt habe und das "US-amerikanische Zeitalter" längst angebrochen sei. Die New York Times nannte ihr Buch prompt "die erste große Theorie des 21. Jahrhunderts", der slowenische Denker Slavoj Zizek bezeichnete es als "Kommunistisches Manifest unserer Zeit", und selbst die FAZ sieht durch das Opus magnum von Hardt und Negri "die Globalisierungsdiskussion auf eine neue Stufe gehoben". "Empire" ist das Ergebnis einer jahrelangen Zusammenarbeit von Michael Hardt, Professor für Literaturwissenschaft an der Duke University, und dem italienischen Philosophen Antonio Negri, der nach Jahren im französischen Exil zurzeit in Rom unter umstrittenem Hausarrest steht – aufgrund seines Engagements für die Linke in den Siebzigerjahren. Die Kooperation des ungewöhnlichen Autorenduos erwies sich als äußert fruchtbar. Ihr gemeinsames Werk jedenfalls überschreitet alle geläufigen disziplinären Schranken und gewohnten Abgrenzungen und bedient sich der Rechtslehre ebenso wie der klassischen europäischen Philosophie, der Ökonomie, der politischen Theorie, und der Cultural Studies.

Der Ausgangspunkt der beiden Autoren ist die Überzeugung, dass die Globalisierung nicht allein als die immer weiter fortschreitende Deregulierung der Märkte begriffen werden kann. Zwar seien nationalstaatliche Ordnungssysteme in Auflösung begriffen. Doch das heißt für Hardt und Negri nicht, dass Souveränität und regulierende Macht verschwänden. Denn würden sich die Konzerne in einer deregulierten Welt tatsächlich in einem rechtsfreien Raum tummeln, wäre Chaos angesagt. Daher gehen die Autoren von einer neuer Weltordnung aus, die sie "Empire" nennen. Dieses "Empire" kennt kein Machtzentrum mehr, von dem aus man Kapital, Menschen und Information steuern oder kontrollieren könnte – was gleich einmal einen Bruch mit allen gängigen Imperialismustheorien vor allem marxistischer Provenienz bedeutet. Auch macht dieses Empire Schluss mit den Dualismen modernen Denkens, die nicht zuletzt im linken Diskurs zementiert wurden und in den Kategorien "herrschende Klasse" und "Proletariat", "Zentrum" und "Peripherie" dachten. Das Imperium von Negri und Hardt entspricht eher einer Foucault'-schen Figur, einer diffusen, alle Lebensbereiche durchdringenden Form der Macht, die keine Grenzen und kein Innen und Außen kennt.

Das Empire herrscht nicht, so wird gesagt, indem es hierarchische Strukturen begünstigt, sondern es "herrscht" (im Sinne von "besteht") in seiner Durchdringung aller Lebensbereiche. Immer wieder benutzen Negri und Hardt hier Begriffe aus der postmodernen Theorie wie "Biomacht" und "Kontrolldispositive", denen ihr Ansatz einiges verdankt. Die virtuelle, aber nichtsdestotrotz wirksame Herrschaft im Empire ist total geworden, und sie legitimiert sich weitgehend durch Berufung auf globale moralische Werte und Gewissheiten, was sie etwa dazu befähigt, "gerechte Kriege" zu deren Verteidigung zu führen. Ihre Machtdefinition verweist auf den römischen Geschichtsschreiber Polybius – immer wieder werden von Hardt und Negri antike Vorbilder imperialen Denkens herbeizitiert – und unterscheidet zwischen einer "monarchischen" Macht (etwa der des US-Präsidenten), einer "aristokratischen" Macht (die bei den transnationalen Unternehmen konzentriert ist und Erstere beeinflusst) sowie einer "demokratischen" Macht (die beim ausgeschlossenen "Rest", liegt und nicht zuletzt der Mobilisierung bedarf). Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang die Hartnäckigkeit, mit der die Autoren die vermeintliche Identität von "Empire" und US-amerikanischem Imperialismus nach dem Fall der Mauer bestreiten. Gerade dies haben viele Kritiker des Buches – besonders angesichts der jüngsten politischen Ereignisse – infrage gestellt. Negri und Hardt erwiderten, ohne die herausragende Rolle der USA zu leugnen, dass am Empire – der Ordnung des globalen "Gesamtkapitals" – ebenso europäische, russische und andere Akteure beteiligt seien. Woher aber kommt diese Weltordnung und wohin geht sie? Für die Autoren ist jedenfalls eines klar: Die Geschicke des Empire werden "von unten" bestimmt. Es sei nicht Resultat des Scheiterns antikapitalistischer Kräfte, sondern des globalen Arbeitskampfes gewesen, der das kapitalistische System zu technologischer Innovation und neuen Formen der Disziplinierung bewegt habe. Hier kehren Negri und Hardt auf den bekannten Pfad marxistischer Teleologie zurück und verkünden, dass die Menschen – allem Anschein zum Trotz – ihrer Befreiung von der kapitalistischen Produktionsweise näher kommen. Worauf gründet der Optimismus der Autoren, die allerdings offen zugeben, dass ihr Buch "eine gewisse Sehnsucht nach dem Kommunismus voraussetzt"? Während die Kritik moderner Formen der Ordnung – Nationalstaat und Imperialismus – immer radikal entgegengesetzte Wirklichkeiten entwerfen musste, trügen die Erscheinungsformen des Empire – Vernetztheit, Hybridität, Situativität, Gleichklang von ökonomischen und sozialen Beziehungen – das Gegen-Empire bereits potenziell in sich. Explizite Chancen für die Verkehrung des Empire in ein Gegen-Empire im Sinne einer globalen Republik sehen die Autoren zum Beispiel darin, dass die wachsende Wichtigkeit immaterieller, intellektueller Arbeit nach der dritten industriellen Revolution eine kollektive Arbeiterschaft konstituiert, welche in ihrer Vernetztheit und – zumindest theoretischen – Souveränität über ihre Produktionsmittel eine gesteigerte Macht zur Subversion besäße. Es ist nicht schwer, sich hier die Massen an keineswegs immer zufriedenen Büroarbeitern vor Augen zu führen Die Autoren beschwören in diesem Zusammenhang auch die Voraussetzungen zu diesem postmodernen Republikanismus – Nomadismus, Desertion, Exodus, Dagegen-Sein –, und hier klingen ihre Beschreibungen dieser neuen "von unten" geschaffenen Ordnung wahrhaft visionär. Sie fordern grenzenlose Immigration, ein Grundeinkommen für alle überall und rufen zum "anthropologischen Exodus" auf: Darunter verstehen sie eine körperliche Transformation des Menschen, die sich bereits in gängigen ästhetischen Mutationen des Körpers – Piercings, Tätowierungen, Imitationen der Punk-Mode – andeute. Diese Transformation verlange letztlich nach einem Körper, der "vollkommen unfähig ist, sich einer Befehlsgewalt zu unterwerfen" – sei es familiärem Leben oder Fabriksdisziplin. Hier wenden sich die Autoren plötzlich verschmitzt an ihre Leser: "Sollten Sie bemerken, dass Ihr Körper sich diesen ,normalen' Lebensweisen verweigert, so verzweifeln Sie nicht – verwirklichen Sie Ihre Gaben!" Nicht allen wird an dieser Stelle bewusst werden, dass sie soeben auf sanfte Weise zur Weltrevolution aufgerufen worden sind. Einen weiteren Hinweis auf das Gegen-Empire geben die Propheten der neuen Weltordnung, indem sie Félix Guattaris These von der "Gesellschaft als Spektakel" hernehmen und daran die allgegenwärtige Verletzlichkeit des Empire und seine Anfälligkeit für Krisen verdeutlichen: Unvorhergesehene, widerläufige, auch lokale Begebenheiten können blitzartig in eine globale Weltöffentlichkeit geschleudert werden und hier in direkt vertikaler Bewegung das "virtuelle Zentrum des Empire" angreifen. Negri bemerkte in einem Interview kürzlich sogar, dass die Globalisierung eigentlich "eine unbequeme Form für das Kapital" sei und dass Kapitalisten, die für gewöhnlich den Nationalstaat zum Dämon Nummer eins stilisierten, "niederknien" sollten "und ihn loben", der er für sie Infrastruktur und Kommunikationssysteme schaffe und das Bildungssystem immer an die Erfordernisse veränderter Produktionsformen anpasse.

Die Autoren selbst bezeichnen ihr Buch als "Werkzeugkasten". Tatsächlich findet man sich als Leser einem Wechselbad der Genres ausgesetzt, denn "Empire" ist zugleich Analyse und Manifest. Was dem Buch allerdings fehlt, ist das Exemplarische und die konkrete Vision: Konkrete Verbindungen zwischen unserer Alltagserfahrung und dem Empire werden bloß angedeutet. Das ist schade, denn so hätten Hardt und Negri für mehr Plausibilität sorgen können als dem bausteinhaften Zustand des Werks letztlich innewohnt. Dennoch: Beim Weltsozialforum in Porto Alegre wurde "Empire" zur Bibel der Gegenglobalisierung erklärt.Brutstätte der Ausbeutung", "selbstmörderische Sinnlosigkeit", "große Zerstörer" – das Inhaltsverzeichnis vom "Schwarzbuch Globalisierung" verheißt gar nichts Gutes. Doch was auf den ersten Blick nach blindem Alarmismus klingt, erweist sich bei näherem Hinsehen als durchaus brauchbare Diskussion der globalisierten Marktökonomie und ihrer Dynamiken: Die Strategien transnationaler Unternehmen werden in den rund zwanzig Beiträgen führender Globalisierungskritiker und -aktivisten ebenso abgehandelt wie die Folgen internationalen Wirtschafts- und Handelsregimes – und das durchaus konkret. So etwa beleuchtet die indische Physikerin Vandana Shiva, Trägerin des alternativen Nobelpreises, die verheerenden Auswirkungen von Freihandel und der Landwirtschaft in ihrem Heimatland. Und auch Alternativen zur gegenwärtigen Weltordnung werden skizziert, wie etwa durch Shootingstar Naomi "No Logo" Klein. Für Klein wird diese Gegenmacht zum globalen Kapital durch die neue Bewegung des "einen Neins und der vielen Jas" (Nein gegen das globale Kapital) verkörpert, die ebenso heterogen, vernetzt, global und nicht weniger dynamisch ist wie das, was sie bekämpft.So etwas wie der Asterix der Antigobalisierungsbewegung ist der schnauzbärtige José Bové, ein südfranzösischer Schafzüchter, der das Roquefort-Konsortium beliefert und durch seine Aktionen gegen die Belegung französischer Rohmilchprodukte mit Strafzöllen durch die USA bekannt wurde. "Die Welt ist keine Ware. Bauern gegen Agromultis" ist die Bearbeitung eines Interviews, das Gilles Luneau und François Dufour mit dem akademisch gebildeten Bové führten, der indes gerne als rotwangiger derber Landwirt präsentiert wird. Sein Gewerbe betreibt Bové auch nicht aus Familientradition, sondern eher aus einer Mischung aus Aussteigertum und gewerkschaftlichem Engagement. Im Interview, in dem es vor allem um Bové selbst und weniger um die Landwirtschaft geht, ist dennoch einiges über Philosophie und Selbstverständnis des Ökolandbaus nachzulesen – und nicht zuletzt einiges über den berüchtigten Widerstand "french style". Dass die Fragen der Interviewer extrem brav sind und Bové nicht wirklich aus der Reserve locken, ist aber schade.Ähnlich wie Naomi Klein, so zeichnet auch die mittlerweile emeritierte Soziologin Maria Mies in ihrem Buch "Globalisierung von unten" ein Porträt der sich formierenden Bewegung gegen die marktökonomische Globalisierung. Und man bekommt tatsächlich Antworten auf die Frage "Was will diese Bewegung?" – Antworten, die man hierzulande sonst noch am ehesten in der deutschen Ausgabe der französischen Le Monde Diplomatique findet. Es ist das Buch einer Insiderin, das nicht nur den Werdegang sondern auch den "Geist" einer Bewegung beschreibt. Gefasst sein sollte man allerding auf Mies' Tendenz, Solidarität und Einheit innerhalb der Bewegung überzubetonen sowie an ihrem Glauben an die moderne Dualität von (guter) Natur und (böser) Zivilisation – Mies ist schließlich eine der Protagonistinnen des Ökofeminismus. Das Buch ist aber auch ein ermunterndes Handbuch, das in einem Anhang internationale Kontaktadressen sowie Abdrucke der wichtigsten Protesterklärungen der Bewegung aus den letzten Jahren bereit hält.

Robert Misik in FALTER 12/2002 vom 22.03.2002 (S. 20)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Globalisierung von unten (Maria Mies)
Schwarzbuch Globalisierung (Jerry Mander, Edward Goldsmith, Helmut Dierlamm)
Empire (Michael Hardt, Antonio Negri, Thomas Atzert)

Bitte warten...

Sie haben folgendes Produkt in den Warenkorb gelegt:

{{var product.name}}


weiter einkaufen
zum Warenkorb