Leben auf Bruchlinien
Die Türkei auf der Suche nach sich selbst

von Amalia van Gent, Anna Delliou

€ 24,70
Lieferung in 2-7 Werktagen

Verlag: Rotpunktverlag
Format: Taschenbuch
Genre: Sachbücher/Politik, Gesellschaft, Wirtschaft
Umfang: 320 Seiten
Erscheinungsdatum: 25.09.2008

Rezension aus FALTER 42/2008

Boom und Blues am Bosporus

In der Debatte um den Beitritt der Türkei stellt Europa die entscheidende Frage über sich selbst: Ist Europa ein geografisches Gebilde oder eine Idee?
1999 erhielt die Türkei Kandidatenstatus. Seit 9/11 betrachten die USA und Teile der EU die Türkei als das Modell für die Versöhnung von Islam, Moderne und Demokratie. 2005 nahmen Brüssel und Ankara schließlich Beitrittsverhandlungen auf. Ein Blick in die Geschichte der Türkei und ihrer Beziehung zum Westen lohnt, um die seither lodernde Debatte zu verstehen.
Seit die Türken zweimal vor den Toren Wiens standen, verbanden die Europäer mit der Türkei primär Negatives. Die "orientalische Frage" formulierte im 19. Jahrhundert den Kern des Problems – und handelte davon, wie der "kranke Mann am Bosporus" am Leben erhalten werden könne, damit Russland der Weg zum Mittelmeer versperrt und das europäische Gleichgewicht erhalten bleiben könnte.

Seit 45 Jahren klopft die Türkei nun schon an die Tore Europas, mal optimistisch, mal zornig, mal fordernd, mal schmollend, mal offensiv und dann wieder distanziert. "Die Türkei gehört zu Europa", sagte am 12. September 1963 Walter Hallstein, damals Präsident der EWG-Kommission zum Assoziierungsabkommen EWG–Türkei. Diese ursprüngliche Euphorie ist mittlerweile einer breiten, gesamteuropäischen Skepsis gewichen. Wilfried Martens etwa, der Vorsitzende der konservativen europäischen Volksparteien, machte 1997 in den Türken eine Bedrohung der "zivilisatorischen Bedeutung Europas" aus.
"Die Dichte und Widersprüchlichkeit der Assoziationen zur Türkei haben freilich auch viel mit dem Land selbst zu tun", stellen Günter Seufert und Christopher Kubaseck in ihrem Grundlagenbuch "Die Türkei: Politik, Geschichte, Kultur" fest. Mangelnde Wirtschaftlichkeit, die Heere von Arbeitsmigranten nach Europa fließen ließen, Verschuldung, Inflation sowie drei Militärputschs verliehen der Türkei den Ruf von politischer Instabilität. Wegen der Unterdrückung der Kurden gewann sie endgültig das Image eines Polizei- und Folterstaates. Auch mit dem Islam tat sich der nur oberflächlich verwestlichte Staat schwer, die Diskriminierung der nicht-muslimischen Minderheiten blieb eine Konstante.

Seit dem Machtantritt der islamisch-konservativen AKP im Jahr 2002 kann die Türkei aber mit einer Positivbilanz aufwarten. In Europa sind diese jüngsten Erfolgsgeschichten bloß weitgehend unerzählt. Gerne wird die heutige Türkei noch an ihrer Diaspora in Deutschland und Österreich gemessen, an Immigranten, die ihren traditionellen Konservativismus der 60er- und 70er-Jahre pflegen, und die sich in der modernen Türkei des 21. Jahrhunderts wohl nicht mehr zurechtfinden würden.
Die Aussicht auf eine EU-Mitgliedschaft hat den Reformeifer in den vergangenen Jahren beflügelt und Teile der Elite für eine liberale Politik gewonnen. Politische Freiheiten und Minderheitenrechte wurden ausgeweitet, die Todesstrafe abgeschafft, ein neues Eherecht stärkt die Rechte der Frauen, kurdische Identität und Sprache werden schrittweise anerkannt, kulturelle Rechte – wenn auch noch zaghaft – gewährt. Währenddessen boomt die Wirtschaft, die Wachstumsraten liegen weit über dem EU-Niveau, die Inflation ist die niedrigste seit 50 Jahren.
Ist dies alles nur Camouflage? Was ist mit der Türkei passiert in den letzten 45 Jahren? Und was mit Europa?
Aus Anlass der Frankfurter Buchmesse 2008, bei der die Türkei als Gastland fungiert, soll hier eine Auswahl der Neuerscheinungen vorgestellt werden, die sich mit dem prekären Verhältnis EU–Türkei und der gesellschaftlichen Zerrissenheit jenseits des Bosporus beschäftigen.

Wohin geht die türkische Gesellschaft?
Rainer Hermann, Islamwissenschaftler und seit 17 Jahren Korrespondent für die FAZ, nennt seine umfangreiche Analyse im Untertitel "Kulturkampf in der Türkei". Der Impuls zu den tiefgreifenden Veränderungen in diesem Land gehe von der Gesellschaft selbst aus, die ihre Vielfalt entdeckt und den lange allmächtigen Staat zurückgedrängt habe, meint Hermann. Er stellt die Grundordnung der Republik Türkei dar, beschreibt die urbane Elite und ihre kemalistischen Dogmen, die der neuen Türkei zu eng geworden sind. Er zeichnet nach, wie aus anatolischen (muslimischen) Außenseitern eine Gegenelite entstand, welcher Weg sie in die Regierung geführt hat, wie die wirtschaftliche Macht der "anatolischen Tiger" angewachsen ist und welche Konflikte sie mit den alten Eliten austragen. Aus dem "kranken Mann am Bosporus", so Hermann, sei ein potentes Wirtschaftsland geworden mit neuem Bewusstsein und Selbstvertrauen.
Das Buch zeichnet den an Krisen und Konflikten reichen Reifeprozess nach und erschließt dem Leser dabei einen von persönlichen Erfahrungen geprägten Blick auf diese faszinierende Entwicklung: die europäisch orientierte Kultur der modernen Türkei, das Ende der ideologischen Monopolansprüche des Staates und die stetig erstarkende Zivilgesellschaft.

Leben auf den Bruchlinien
Wohin zieht es die Türkei? Diese Frage stellt sich Amalia van Gent, seit 20 Jahren Korrespondentin der Neuen Zürcher Zeitung in Istanbul. Sie beobachtet die Türkei bei der Suche nach sich selbst, 85 Jahre nach der Revolution Kemal Atatürks. In arroganter Verkennung der Wirklichkeit außerhalb ihrer Trutzburg, so van Gent, hätten die kemalistischen Machthaber lange Zeit ignoriert, dass das Korsett seiner Staatsdoktrin nicht mehr passe. Sie hätten dabei nicht realisiert, dass die Türken schlicht ihre Religion leben wollten, dass die Kurden sich in erster Linie als Kurden definierten und nicht, wie vom Staat unter Strafandrohung verordnet, als "Bergtürken" und dass die heterodoxen Aleviten sich nicht länger als "Ungläubige" oder "Verräter des Islam" verfolgt und an den Rand der Gesellschaft gedrängt sehen wollten.
"Leben auf Bruchlinien. Die Türkei auf der Suche nach sich selbst" zeichnet die tiefen und zum Teil noch verschwommenen Bruchlinien unter der aktuellen Entwicklung nach: Islamisten gegen Kemalisten, Kopftuch gegen Säkularismus, EU-Mitgliedschaft oder konservatives Golfstaatenmodell mit boomender Wirtschaft? Das Buch zeigt, wie die Kurden offenbar zu der Überzeugung gelangt sind, dass ihr Heil in einer EU-Mitgliedschaft und nicht in staatlicher Selbstständigkeit liegt. Es rollt das Tabu der "Ehrenmorde" auf, die Staatsaffäre um ein Stück Textil am Kopf der Frauen und stellt immer wieder die bohrende Frage: Wer sind eigentlich "die Türken"?
Spricht jemand diese Fragen an, heult die Türkei auf, als fürchte sie, ihre alte Weltordnung gehe unter. Vielleicht tut sie das auch wirklich. Doch wäre das so tragisch? Liberale Türken zumindest vertreten den Standpunkt, dass die Türkei mit ihrer Vergangenheit ins Reine kommen müsse, wenn sie sich zu einer ausgereiften Demokratie entwickeln wolle. Sprich: die nationalen Gründungsmythen auseinandernehmen und begraben, die Opfer trösten und Abbitte leisten, die Täter und Geschichtsfälscher benennen und sie zumindest moralisch zur Rechenschaft ziehen.
Nichts bleibt ausgespart bei den scharfen Analysen der Autorin, die deutliche Sympathie für ihr Gastland und seine Menschen erkennen lässt. Van Gent ist überzeugt, dass der Grundkonflikt der Türkei zwischen Europa und Asien noch lange nicht entschieden sei und eine EU-Vollmitgliedschaft, wenn überhaupt, nicht in fünf oder zehn Jahren, sondern eher in 15 bis 20 Jahren spruchreif werden könnte.

Istanbul-Blues
Die Spiegel-Korrespondentin Annette Großbongardt betrachtet die Türkei in ihrem neuen Buch ebenfalls unter dem Gesichtspunkt des Kulturkampfes zwischen Tradition und Moderne. Sie untersucht den scheinbaren Widerspruch zwischen den EU-freundlichen Islamisten der AK-Partei und der EU-kritischen säkularen kemalistischen Opposition, die ihre alte Vormachtstellung mit Zähnen und Klauen verteidigt und dabei auch nicht vor einem militärischen oder juristischen Putsch zurückschreckt.
In "Istanbul Blues. Die Türkei zwischen Tradition und Moderne" zeichnet sie das Bild eines Landes mit Widersprüchen, Defiziten und Komplexen, aber voller Dynamik, Vitalität und Entwicklungskraft. In Istanbul, wo die Autorin von 2005 bis 2007 lebte, traf sie "die Protagonisten des Wandels und seiner Konflikte: Religiöse und Ultrasäkulare, Kopftuchfrauen und Mädchen im Minirock, Pro-Europäer und Nationalisten, Reformer und Ewiggestrige, weibliche Topmanager und Habenichtse aus der Provinz, die in der modernen Goldgräberstadt ihr Glück versuchen".
Die Reformkräfte sind nicht unsichtbar. Anderthalb Millionen Menschen marschieren nach der Ermordung des armenisch-türkischen Publizisten Hrant Dink durch Istanbul und haben dabei Schilder umgehängt mit Botschaften wie: "Wir sind alle Hrant Dink".

Die islamisch verwurzelte AKP-Regierung unter ihrem charismatischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan und Staatspräsident Abdullah Gül hat Fortschritte gemacht – und das wird von einer Mehrheit befürwortet. Aus diesem Grund fuhr die Regierungspartei bei den Parlamentswahlen 2007 einen triumphalen Wahlerfolg von 47 Prozent ein und ließ die kemalistische Opposition atomisiert zurück.
Seither trommelt diese ohne Unterbrechung gegen den "islamistischen Gottseibeiuns", behauptet, dass der Islamismus an der Macht sei, und torpediert auf jede erdenkliche Art die Annäherung an die EU, wobei der obsessiv geführte Kopftuchstreit, die Verhinderung der Wahl des religiösen Außenministers Gül zum Staatspräsidenten und das Verbot der AKP durch einen Juristenputsch in diesem Juli nur die jüngsten Beispiele sind.
Im Westen werden diese Fortschritte immer noch weniger zur Kenntnis genommen als die Defizite, bedauert die Autorin – und fühlt mit den Türken mit, die mitunter in der EU pauschal abgeurteilt werden.
Großbongardt zeigt die türkische Realität an ihren neuralgischen Konfliktpunkten zwischen Islam, Nationalismus und Demokratie, eine Momentaufnahme der Türkei an der Schwelle nach Europa. Vor allem in Istanbul, Stadtmoloch mit 16 Millionen Einwohnern und Zukunftswerkstatt des Landes, mischen sich wie bei einem Blues Melancholie und Lebenskraft, Aufbruchsstimmung, Skepsis und Schwermut mit einem hohen Risiko des Scheiterns.
Eine verlässliche Vorhersage über die weitere Entwicklung traut sich keiner der in dem Buch Interviewten zu – das sagt einiges darüber aus, wie unberechenbar der politische Prozess ist. Die nächsten Jahre werden über die Zukunft der Türkei entscheiden, meint die Autorin, nicht nur über die Frage, ob sie EU-Mitglied wird oder nicht.

Rebellenland
Christopher de Bellaigue, Türkei-Korrespondent des Economist, bereiste den Osten der Türkei, die Grenzgebiete zu Armenien, Georgien und dem Irak, die heute vor allem Kurdenland sind und wo der Konflikt zwischen dem Westen und der islamischen Welt seinen Austragungsort gefunden hat. An den Schauplätzen des Genozids an den Armeniern sucht er nach Überlebenden, rollt die Geschichte der Kurdenaufstände in den 20er-Jahren ebenso auf wie den Krieg zwischen PKK und türkischer Armee.
De Bellaigue macht sich auf zu den vergessenen Minderheiten, den Aleviten und assyrischen Christen, zeigt die sozialen, religiösen und nationalen Spannungen auf, lässt Protagonisten zu Wort kommen und verwebt seine Aufzeichnungen zu intimen Familiengeschichten voll Blut und Hass, Rache und Leid. In der Überfülle von Details geht dem Leser dabei leider oft der Erzählfaden verloren und er bleibt am Ende ziemlich ratlos zurück.

Schöne Frauen und ein Oberlehrer
Die neue Atatürk-Biografie des Bamberger Turkologen Klaus Kreiser entzaubert den Gründer der modernen Türkei gründlich. Sie zeigt Mehmet Kemal Pasa ohne Personenkult und Denkmalschutz und erklärt, warum die Türkei von ihrer Vergangenheit nicht loskommt, wo doch ihr Gründer nichts anderes wollte, als sie in die Zukunft zu führen. Diese bislang umfangreichste, penibel recherchierten Biografie ist eine Fundgrube für das Verständnis der frühen Republik und die Ausstrahlung Atatürks auf die heutige Türkei.
Mehmet Kemal wird als Kleine-Leute-Sohn 1881 im multiethnischen Thessaloniki geboren. Er erlebt aus nächster Nähe den Zerfall der Sultansherrschaft und beobachtet, woran die Hohe Pforte krankt, deren Macht sich noch immer über drei Kontinente erstreckt. 1908 schließt er sich als Oberst der Revolution der "Jungtürken" an. Den Krieg verbringt er als Militärattaché in Sofia und als Brigadier in Nordafrika, Palästina und im Jemen.
Der Sieg über die weit überlegenen Briten auf der Halbinsel Gallipoli verschafft ihm militärische Autorität und macht ihn populär, bis er sich 1919 an die Spitze von nationalistischen Militärs setzt, die sich gegen die Zerstückelung des untergegangenen Osmanischen Reichs durch die Westmächte stemmen.
Mehmet Kemal, seit 1934 Atatürk, "Vater aller Türken" genannt, sammelt den militärischen Widerstand, schlägt die griechischen Invasionstruppen bei Izmir, führt den Bevölkerungsaustausch von zwei Millionen Menschen zwischen Türkei und Griechenland durch und ruft 1923 die Republik aus, löst das Kalifat auf und lässt den Sultan und die Mitglieder der osmanischen Dynastie ausweisen.
Als Alleinherrscher peitscht er in der Großen Nationalversammlung ein Gesetz nach dem anderen durch, aus dem christlichen Europa führt er das Schweizer Zivilrecht ein, das italienische Strafrecht und das deutsche Handelsrecht und leitet eine Kulturrevolution ein: "Ihr sollt werden wie ich." Er verordnet seinen Untertanen, sich zum Höheren, das heißt für Atatürk, zum westlichen Menschen mit Bildung zu entwickeln.
Atatürk agiert in verschiedenen Rollen: zuerst als Soldat und Politiker, der sich für die Verkörperung des Willens der Nation hielt, dann als Kulturrevolutionär, der Religion und Nation, Geschichtsbild und Sprache, Kleidung, Literatur, Musik und sogar die bildende Kunst tiefgreifend verändern wollte und so zum Gestalter der türkischen Moderne wurde.
Er verlegt die Hauptstadt von Istanbul nach Ankara, also vom fragilen Rand ins stabile Zentrum, und verbietet wie Joseph II. die unproduktiven Klöster, Derwisch­orden und Muslimbruderschaften. Atatürk ist seit früher Jugend auf die europäische Kultur ausgerichtet und sieht die Entwicklung seiner republikanischen Türkei ausschließlich nach ihrem Vorbild. "Das Gesicht der Türkei schaut nach Westen", lautet das Motto Atatürks und seiner Mitstreiter.
Kreisers Biografie zeichnet die Einflüsse der europäischen Lektüre auf das Denken des bildungshungrigen Offiziers nach sowie seine Reisen nach Paris, Wien, Karlsbad, München, Straßburg und Berlin. Um selbst mit gutem Beispiel bei der Emanzipation der türkischen Frau voranzugehen, heiratet Atatürk die junge Millionenerbin Latife Usakligil, die vier europäische Sprachen spricht, an der Pariser Sorbonne Jura studierte, bei der Wiener Liszt-Schülerin Anna Grosser-Rilke das Klavierspiel so gut lernte, dass sie mit einer Romanze von Tschaikowski den sowjetischen Botschafter verzaubert und mit dem auswendig aufgesagten ersten Teil des "Faust" den deutschen Botschafter verblüfft.
Latife reitet Pferde, ist ausgebildete Pilotin, trägt demonstrativ keinen Schleier, sondern modische Topfhüte zu engen Schneiderkostümen und hohen Absätzen; sie begleitet den Präsidenten auf zahlreichen Reisen und vermittelt der Bevölkerung das Bild einer modernen türkischen Frau. Obwohl die Ehe nach nur 1000 Tagen geschieden wird, ist Latife das Super-Rolemodel für Atatürks Reformvorhaben, die Frauen vom Schleier zu befreien und ihnen gleiche Rechte und Ausbildung zukommen zu lassen. Es bleibt die einzige Ehe des Egomanen, seine Revolution bietet keinen Platz für eine emanzipierte, ehrgeizige Ehefrau. Später schart er fünf Adoptivtöchter um sich, von denen man allerdings in keiner Atatürk-Biografie – auch nicht in dieser – viel erfährt.
Den Männern verbot er das Tagen des traditionellen Fez und verordnete europäische Hüte. Atatürk trat als Oberlehrer der Nation in Anzug und Krawatte, mit Bowlerhut oder Kalabreser vor den Volksmassen auf, denen er die "neue zivilisierte und internationale Kleidung" erklärte: "Als Fußbekleidung tragen wir Halbschuhe oder Halbstiefel, an Beinen Hosen, eine Weste, ein Hemd, ein Jackett und selbstverständlich auf dem Kopf einen Hut mit Sonnenkrempe."
Der noch viel radikalere Angriff auf die alte Ordnung war Atatürks Verbot der islamischen Gesetzgebung, des Scherifats, der muslimischen Orden, der arabischen Sprache und Schrift, der Sprache des Korans. Unter allen Reformmaßnahmen nehmen die Schrift- und Sprachreform einen besonderen Platz ein, stellt Kreiser fest.
Unermüdlich reiste Atatürk durch das Land und hielt Volksbelehrungen im großen Stil ab. Ab 1929 startete ein Alphabetisierungsprogramm für alle 16- bis 30-Jährigen, das nicht nur in die Schulen, sondern auch in die Moscheen, öffentlichen Gebäude, Fabriken, Hospitäler und Kaffeehäuser getragen wurde. Er erhielt nun auch offiziell den Titel Oberlehrer (basmuallim). Allein mit der Nacherzählung der Ehrentitel Atatürks, des "Vaters aller Türken", kann Kreiser ein ganzes köstliches Kapitel füllen.
Warum scheiterte die Revolution des "Demokraten, der am liebsten allein regierte" letztlich? Es blieb eine Revolution "von oben", die von Atatürk geschaffene Einparteienherrschaft seiner CHP (Cumhuriyet Halk Partisi) war eine moderne Autokratie, in der die Unterdrückung alles "Untürkischen" eine Konstante blieb. Und die Nachkommen sind sich bis heute nicht im Klaren darüber, wie sie es mit dem Erbe des Gründers halten sollen: Kemalistischer als Atatürk meißeln die einen seine Dogmen in Stein, überziehen all jene mit Prozessen, die am Denkmal kratzen und suchen ihr Heil in nationalistischer Abschottung, die sich letztlich gegen die eigene Bevölkerung richtet. Die anderen wollen Religion, Tradition und Geschichte wieder jenen Raum geben, den Atatürk ihnen einst nahm. Der Ausgang dieses Konflikts ist freilich noch offen.

Veronika Seyr in FALTER 42/2008 vom 17.10.2008 (S. 32)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Atatürk (Klaus Kreiser)
Rebellenland (Karl-Heinz Siber, Christopher de Bellaigue)
Wohin geht die türkische Gesellschaft?
Istanbul Blues (Annette Großbongardt)

Bitte warten...

Sie haben folgendes Produkt in den Warenkorb gelegt:

{{var product.name}}


weiter einkaufen
zum Warenkorb