Gaza
Berichte aus einem Land ohne Hoffnung

von Bettina Marx

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Zweitausendeins
Format: Hardcover
Genre: Sachbücher/Politik, Gesellschaft, Wirtschaft/Politik
Umfang: 351 Seiten
Erscheinungsdatum: 01.04.2009

Rezension aus FALTER 32/2014

"Du solltest dich schämen!"

Die israelischen Medien haben im Gaza-Krieg ihre Vielstimmigkeit verloren. Bald fällt die letzte Bastion: der öffentlich-rechtliche Rundfunk

Rauchwolken über Gaza – sonst bewegt sich nichts auf dem statischen Bild. Es wird übertragen von einer Live-Cam auf einem Hügel am Rand des Gazastreifens und im israelischen Fernsehen in einer Ecke eingeblendet. Doch es vermittelt nichts von dem, was sich in den Straßen des überbevölkerten Gebiets abspielt, vom Sterben und Leiden der Bevölkerung dort, die den Luftangriffen und dem Artilleriebeschuss fast schutzlos ausgeliefert ist.
Im Gazastreifen herrscht Krieg, und die drei israelischen Fernsehkanäle – ein staatlicher und zwei private – senden fast rund um die Uhr. In den Studios sitzen Journalisten und Experten, Professoren und Aktivisten und vor allem viele ehemalige Militärs. Jeder Kanal hat seinen "Ex-General vom Dienst", der die militärische Entwicklung erläutert. Vom frühen Morgen bis tief in die Nacht wird geredet und debattiert. Dabei sieht und hört man überall die gleichen Interviewpartner. Ehemalige Geheimdienstchefs ziehen von einem Studio zum anderen, frühere Offiziere stehen morgens für das Erste Programm vor der Kamera in Ashdod und sitzen am Nachmittag in einer Talkrunde im Studio des 2. Kanals. Hin und wieder kommt auch ein Experte für arabische Angelegenheiten zu Wort oder die Mutter eines Soldaten oder ein Dorfbewohner aus dem Grenzgebiet zu Gaza.
Alle sind sich einig: Dieser Krieg ist notwendig, er musste geführt werden. Er richtet sich gegen eine menschenverachtende Terrortruppe, die ihre eigene Bevölkerung als menschliche Schutzschilde missbraucht. Dabei kreist der Diskurs fast nur um Töten und Gewalt. Politische Lösungsansätze werden nur selten erörtert. Wer gar gegen die Offensive im Gazastreifen ist, der hat es in den israelischen Medien besonders schwer. In der Regel kann er nicht viel mehr als ein, zwei Sätze sagen, bevor er unterbrochen wird. Nicht nur die anderen Diskussionsteilnehmer fallen ihm – oft ausgesprochen rüde – ins Wort. Auch die Moderatoren dulden in der Regel keine abweichenden Meinungen. Wenn einer der wenigen Dissidenten dann doch versucht, seine Meinung vorzutragen, endet das meistens in einem Geschrei, das kein Zuschauer oder Zuhörer mehr versteht.

Ein typisches Beispiel dafür lieferte kürzlich eine Talkrunde mit dem Radiomoderator Sharon Gal, dem arabischen Knessetabgeordneten Mohammad Barakeh und dem Aktivisten Jehuda Shaul von "Breaking the Silence", einer Organisation von ehemaligen Soldaten, die sich kritisch mit der Besatzung auseinandersetzen.
Shaul kündigte für den Abend eine Demonstration der ehemaligen Soldaten gegen die Militäroffensive an. Damit erregte er den Widerwillen und die Empörung des Radiomoderators, der ihm mit schriller Stimme ins Wort fiel. "Du bist eine Jude und solltest dich schämen", rief er. "Du solltest deine Uniform anziehen und in den Gazastreifen gehen und nicht in Fernsehstudios sitzen und Demonstrationen organisieren."
Noch empörter war er, als sich der Abgeordnete Barakeh zu Wort meldete. "Sie sind ein Lügner, Sie sind ein Verbrecher, und Sie sollten hier gar nicht reden dürfen", schrie Gal mit sich fast überschlagender Stimme. "Treten Sie doch im Hamas-Fernsehen auf. Verschwinden Sie! Sie unterstützen die Hamas!" Auch die Tatsache, dass sein Gegenüber ein gewählter Abgeordneter ist, beeindruckte den jungen Moderator nicht. Ein Vertreter der großen arabischen Minderheit, das machte er deutlich, sollte gar nicht erst in der Knesset sein.

Nicht nur die elektronischen Medien, auch die Zeitungen sind sich in ihrer Bewertung des Gaza-Konflikts einig: Israel kämpft in diesem Krieg gegen die Hamas um seine Existenz. So verkündete es die Zeitung Jedioth Acharonoth in einer fetten Schlagzeile am letzten Wochenende.
Meinungen wie die des bekannten und wegen seiner linken politischen Einstellung verhassten Journalisten Gideon Levy passen da nicht ins Bild. Er sorgte für viel Wirbel mit einem Artikel, den er in der Tageszeitung Haaretz veröffentlichte, für die er schreibt. Darin kritisierte er die Piloten der Luftwaffe für ihre Einsätze über dem Gaza­streifen scharf mit folgenden Worten: "Sie haben niemals ein feindliches Flugzeug gesehen – der letzte Luftkampf der israelischen Luftwaffe fand statt, bevor sie geboren wurden. Sie haben niemals das Weiße in den Augen ihres Feindes gesehen und das rote Blut ihrer Opfer aus der Nähe. Sie sind Helden, die die schwächsten und hilflosesten Menschen bekämpfen, Menschen, die keine Luftwaffe haben, keine Luftabwehr, ja nicht einmal einen Drachen."
Der Artikel löste einen Sturm der Entrüstung aus. Kampfpiloten gelten in Israel als unantastbare Helden. Nur die Besten der Besten, so die Überzeugung, schaffen den mühsamen und langwierigen Weg ins Cockpit eines Fighter-Jets. Die Piloten sind die Elite in der militaristischen Gesellschaft des Landes.
Levys Artikel, geschrieben, nachdem in Gaza 21 Mitglieder der Familie des palästinensischen Polizeichefs Batsh als Kollateralschaden ums Leben gekommen waren, galt daher als Nestbeschmutzung und unverzeihliches Sakrileg. In Talkshows und Interviews versuchte der Journalist danach, seine Position zu erklären. Die meisten Israelis seien den Bildern aus Gaza nicht ausgesetzt, kritisierte er. Sie nähmen das Ausmaß von Tod und Zerstörung gar nicht wahr, das Israel unter der Zivilbevölkerung anrichte. "Jemand trägt dafür die Verantwortung", so Levy "nicht nur die Piloten, aber auch sie."

Als der Journalist diese Worte sagte, stand er in Ashkelon, einer der Städte, die in den letzten Wochen besonders häufig mit Raketen aus dem Gazastreifen angegriffen wurden. Von dort wurde er in das Fernsehstudio zugeschaltet. Doch Levy konnte nicht lange reden. Dann wurde er von Umstehenden unterbrochen, die ihn einen Verräter nannten und beschimpften. "Du bist ein Verräter. Du nennst unsere Piloten Mörder", rief ein Mann, der sich selbst von der Livekamera nicht abhalten ließ, dem Journalisten bedrohlich nahe zu kommen. "Schämst du dich nicht? Du darfst hier nicht reden. Du bist ein mieser Verräter."
Der Moderator im Studio musste das Gespräch abbrechen, denn immer mehr Umstehende gesellten sich hinzu und stimmten in die Beschimpfung mit ein. Levy schrieb später in einem weiteren Artikel in Haaretz, er sei an diesem Tag fast gelyncht worden. Nur die Fernsehkamera habe ihn geschützt und verhindert, dass er tätlich angegriffen wurde.
Das bittere Fazit von Levy, der seit Jahren über die Auswirkungen der Besatzung auf Palästinenser und Israelis schreibt: "Die Samen der Hetze der letzten Jahre, die nationalistische und rassistische Gesetz­gebung, die aufwieglerische Propaganda, die Angstkampagnen und die Zersetzung der Demokratie durch das rechte Lager – all dies hat Frucht getragen, und diese Frucht ist widerlich und verdorben. Die nationalistische Rechte ist auf ungekannte Tiefen herabgesunken, und fast das ganze Land folgt ihr. Das Wort Faschismus, das ich so wenig wie möglich benutze, hat inzwischen seinen rechtmäßigen Platz im israelischen politischen Diskurs."
Seine besten Freunde hätten ihn gedrängt, das Land zu verlassen, zumindest so lange, bis sich die Lage beruhigt habe, so Levy. Diesem Rat will der Journalist zwar nicht folgen, seine Zeitung aber hat ihm inzwischen einen Leibwächter zur Seite gestellt.
Der Sturm ist noch nicht vorüber. Kürzlich schrieb der Journalist Matti Golan, der frühere Herausgeber der Wirtschaftszeitung Globes, man sollte Gideon Levy und seine unerschrockene Kollegin Amira Hass, die seit Jahren für Haaretz aus Ramallah berichtet, verhaften und in ein Internierungslager sperren. Ihre Artikel grenzten an Verrat und hätten mit demokratisch legitimierter Meinungsäußerung nichts zu tun.
Kritischer Journalismus hat es schwer in Israel. In Zeiten des Krieges noch mehr als sonst. Die Medien, die früher bunt, vielfältig und meinungsfreudig waren, werden immer eintöniger und uniformer. Und in Zukunft wird mit dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk die letzte Bastion fallen. Denn die Knesset hat soeben beschlossen, den gebührenfinanzierten staatlichen Rundfunk abzuschaffen.

Bettina Marx in FALTER 32/2014 vom 08.08.2014 (S. 20)


Rezension aus FALTER 38/2009

Gefängnis ohne Wärter, Land ohne Hoffnung

Der Gazastreifen ist 42 Kilometer lang und an seiner weitesten Stelle zwölf, an seiner schmalsten fünf Kilometer breit. Auf dieser Fläche von 350 Quadratkilometern leben über 1,5 Millionen Menschen. Bis 2020 könnten es drei Millionen sein. Drei Millionen Menschen, "die über keinerlei Ressourcen verfügen, die zunehmend schlecht ausgebildet sind und durch die Abriegelung Gazas den Kontakt zur Außenwelt verloren haben". Schon heute. Denn Gaza, so schreibt die deutsche Journalistin und Nahostexpertin Bettina Marx in ihrem neuen Buch, "ist ein Gefängnis, in dem die Insassen sich selbst überlassen sind, in dem die Gefängniswärter nicht eingreifen, in dem die stärkeren Häftlinge die schwächeren terrorisieren. Die einzige Steuerung von außen geschieht über regelmäßige Militärinvasionen, gezielte Tötungen und die Drosselung oder Freigabe lebenswichtiger Güter."

Die jüngste dieser Militärinterventionen fand zur Jahreswende 2008/09 statt. Die Bilanz: 1300 Tote und 5000 Verletzte auf palästinensischer Seite. Der Großteil Zivilisten. 100.000 Menschen wurden obdachlos. Israel begründete den Kurzkrieg mit dem anhaltenden Raketenbeschuss israelischer Ortschaften durch die Hamas. Bettina Marx' Recherchen zur Vorgeschichte des Militärschlags bringen die These vom Verteidigungskrieg allerdings ins Wanken.
Sie zitiert unter anderen den früheren Mossad-Chef Ephraim Halevy, der Anfang Jänner 2009 erklärte, dass Israel mit seiner von längerer Hand vorbereiteten Militäroffensive eine ganz andere Absicht verfolgen würde: "Wenn es das Ziel Israels wäre, die Bedrohung durch die Raketen auf die Einwohner Südisraels zu entfernen, dann hätte es für Generationen der Ruhe sorgen können, wenn es die Grenzübergänge geöffnet hätte. Aber das wirkliche Ziel der Operation war es, den Status der Fatah zu konservieren und die Fatah als die einzige souveräne Macht und als einzigen Verhandlungspartner zu festigen."
Seit die Islamisten der Hamas bei den Wahlen im März 2006 über die Fatah siegten, haben sich nicht nur internationale Hilfsorganisationen beinahe vollständig aus Gaza zurückgezogen. Seither erteilt Israel auch keine Arbeitsgenehmigungen mehr an Palästinenser aus Gaza und auch so gut wie keine Ausreisegenehmigungen. Die Isolation Gazas ist vollkommen.
Es wäre ein Leichtes, Bettina Marx vorzuwerfen, sie stelle sich auf die Seite der Palästinenser, zeichne sie eindimensional als Opfer und räume dem palästinensischen Terror gegenüber Israel zu wenig Platz ein. Doch Marx' Fokus ist überzeugend: Sie hat Unmengen an Fakten gesammelt, die Historie der letzten Jahrzehnte analysiert, hat mit dutzenden Menschen gesprochen, hat den Gazastreifen über Jahre immer und immer wieder besucht, hat hingeschaut und verglichen. Die große Leistung des Buchs ist gerade die Differenzierung, die Marx vornimmt. Ein politischer Dauerkonflikt, der sich im Westen medial in den immer gleichen Bildern reproduziert, bekommt durch ihre Berichte präzise Konturen.
Wer "Gaza" liest, taucht in Hintergründe ein und kriegt schiefe Bilder geradegerückt. Der Sieg der Hamas stellt sich dann nicht mehr nur als Triumph des zunehmend erstarkenden fanatisierten Islamismus dar, sondern vor allem auch als Protest verzweifelter Menschen gegen die Misserfolge der Fatah-Politik gegenüber Israel. Die gefeierten Oslo-Abkommen aus dem Jahr 1993, die dazu angetan sein sollten, einen Friedensprozess einzuleiten, zeigen sich im Rückblick als eigentlicher Beginn der israelischen Blockadepolitik, die Gaza weiter aushungerte und die Armutsrate von sieben auf über 80 Prozent hinaufschnellen ließ. Bettina Marx erwähnt auch Auswirkungen des Konflikts, über die man sich viel zu selten Rechenschaft ablegt.
Eine Krebserkrankung in Gaza bedeutet aufgrund der schlechten medizinischen Versorgung und der Blockade in der Regel ein Todesurteil. Armut und Hunger sind so allgegenwärtig, dass sich die meisten Menschen in Gaza nur mehr von Brot und Olivenöl ernähren. Das Fehlen von Trinkwasser ist ein gigantisches Problem: 60 bis 70 Prozent aller Krankheiten in der Region sind auf mit Salz, Nitrat und anderen Chemikalien verunreinigtes Wasser zurückzuführen. Marx berichtet auch von der beliebten israelischen Kollektivstrafmethode der Häuserzerstörung oder vom Psychoterror durch die israelischen Kampfjets, die mit Überschallgeschwindigkeit über Gaza hinwegrasen.

Marx trifft eine völlig traumatisierte Jugend, die nichts kennt außer Krieg, Angst, Not und Demütigung. Sie erzählt auch vom gefährlichen Leben und Schicksal israelischer Siedler im Gazastreifen, von deren Überzeugungen und der ins Absurde übersteigerten Abschottung der Siedlungen. Schließlich von 1000 palästinensischen Kindern, die seit Ausbruch der zweiten Intifada im Jahr 2000 von israelischen Sicherheitskräften getötet wurden. "Nein, das ist kein Irrtum", zitiert Marx den israelischen Haaretz-Journalisten Gideon Levy, "sondern die verheerende Folge einer Politik, die hauptsächlich von einer Finger-am-Abzug-Mentalität und der Dehumanisierung der Palästinenser bestimmt ist. Auf alles zu schießen, was sich bewegt – einschließlich der Kinder –, ist zur Norm geworden."
Die große Leistung von Bettina Marx' akribisch recherchiertem Buch ist es zu zeigen: Angesichts der verheerenden sozialen, medizinischen und gesellschaftlichen Lage der Menschen in Gaza kann die Schuldfrage nicht im Vordergrund stehen. Es geht um eine humanitäre Katastrophe. Und die schreckliche Einsicht, dass derzeit weder eine Lösung noch die kleinste Verbesserung der Lage in Sicht ist. Im Gegenteil: Am Beispiel Gaza erzählt Marx von einem "Land ohne Hoffnung".

Julia Kospach in FALTER 38/2009 vom 18.09.2009 (S. 18)


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