Kroatien
Das Land hinter der Adria-Kulisse

von Norbert Mappes-Niediek

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Links Christoph
Erscheinungsdatum: 01.03.2009

Rezension aus FALTER 20/2009

Mit Flagge, Rosenkranz und Wunderbaum

Eine kleine internationale Privatumfrage, die Buchautor Norbert Mappes-Niediek zum Image der Kroaten durchführte, förderte vor allem Verlegenheit und Negatives zu Tage: Das könne man nicht so sagen, antwortete ihm eine Bonnerin, da es die Kroaten noch gar nicht so lange gebe. Man solle das Spiel mit Klischees wegen der kürzlichen Kriege am Balkan eher lassen, empfahl eine Kollegin aus Amsterdam. Und jemand aus Wien, der zudem anonym bleiben wollte, konstatierte, dass die Kroaten immer westlich täten, aber im Grunde "ziemlich balkanisch" und "total nationalistisch" seien.

Was sind die Kroaten wirklich für welche? Mit genau dieser Frage beschäftigt sich der Autor und Journalist Norbert Mappes-Niediek in seinem kürzlich erschienenen Buch, das dem Leser Kroatien in seiner Vielseitigkeit ein großes Stück näherbringt. Mappes-Niediek, der seit 1992 in der Steiermark lebt und von hier aus für deutsche und niederländische Medien über die Balkanregion und Österreich berichtet, kann dabei auf reichhaltige journalistische Erfahrungen zurückgreifen. Bisweilen erzählt er über Land und Leute gar in der ersten Person Singular – für ein derartiges Buch doch eher ungewöhnlich. Zudem konfrontiert er gekonnt und unterhaltsam widersprüchliche kroatische Innen- und Außensichten, verharrt dabei aber nicht in Klischees. "Mir gefällt an den Menschen in Kroatien, dass sie von anderen verstanden werden wollen", schreibt der Autor. Auch sein Buch "Kroatien. Das Land hinter der Adria-Kulisse" will das. Entstanden ist eines der klügsten Sachbücher, das bislang auf Deutsch zum zeitgenössischen Kroatien erschienen ist.

In ausschweifenden, aber dennoch kurzweiligen Betrachtungen geht Mappes-Niediek zunächst von jener "kroatischen Dreifaltigkeit" aus, die manchmal auf Autorückspiegeln baumelt: Nationalflagge mit dem Schachbrettmuster, Rosenkranz und Wunderbaum, die jeweils das nationale, das katholische und das proletarische Element des Landes repräsentierten. Hinter der omnipräsenten Schachbrettflagge stehe aber keine homogene Gesellschaft, so der Autor, der detailliert und kritisch-ironisch auf die katholische Kirche in Kroatien eingeht. Diese habe sich seit jugoslawischer Zeit für alle Katholiken auf dem Balkan zuständig gefühlt und zeichne sich durch einen Antikommunismus aus, der bisweilen auch keine Berührungsängste mit Anhängern des faschistischen Ustascha-Staates (1941-1945) habe. Weniger offensichtlich ist hingegen die große, auch politische Bedeutung der kroatischen Franziskaner, die gerade auch ins benachbarte Bosnien ausstrahlt. Dort feierten die Mönche 1981 mit einer Erscheinung der Jungfrau Maria auch ihren größten Erfolg. "Weder der Bischof von Mostar noch der Vatikan hat den Wallfahrtsort jemals anerkannt, was der Beliebtheit aber keinen Abbruch tat", schreibt Mappes-Niediek. Und über franziskanische Kanäle finanzierte der spätere Präsident Franjo Tudjman 1990 auch den Wahlkampf seiner Partei.
Und das Proletarische? Nicht nur im Auto wird ordentlich gepafft, Kroatien hat europaweit den größten Anteil an Kettenrauchern. Der Charme einer demonstrativen Missachtung der Gesundheit sei verflogen, so Mappes-Niediek, anderen Aspekten kann er mehr abgewinnen: "Ein angenehmer proletarischer Windstoß aus sozialistischer Zeit hat die Exzesse der k.u.k. Etikette, Titelsucht und Handküsserei, weitgehend weggefegt."
Nur eines von vielen Highlights im Buch ist das Kapitel über die Medienlandschaft, in dem auch auf österreichische Querbeziehungen verwiesen wird. Die Leitidee des 1991 gegründeten Wochenmagazins Globus, jedes noch so komplexe Thema als "hypersensationelle" oder "turbo-exklusive" Enthüllung zu verkaufen, habe nicht nur auf dem Balkan Schule gemacht, sondern sei auch bei der Gründung von News Pate gestanden. Und die Boulevardzeitung 24 sata habe ihrem Besitzer, dem katholischen Styria-Verlag, wegen Schlüssellochgeschichten und dergleichen mehrfach Ärger mit dem Grazer Bischof
eingebracht. 

Herwig G. Höller in FALTER 20/2009 vom 15.05.2009 (S. 48)


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