Warum du mich verlassen hast

von Paul Ingendaay

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Verlag: Diogenes
Erscheinungsdatum: 01.01.2006


Rezension aus FALTER 18/2006

Potter im Münsterland

Sehr autobiografisch und sehr lang: Paul Ingendaays Adoleszenz-und Internatsroman "Warum du mich verlassen hast".

Was dieses Buch kennzeichnet, wird glücklicherweise schon auf der ersten Seite deutlich. Es möchte sein wie Salingers "Der Fänger im Roggen", erinnert stellenweise aber mehr an "Harry Potter". Dem Leser wünscht man, dass er dieses Maskenspiel mag, dem Autor in erster Linie, dass es sich in den Verkaufszahlen entsprechend niederschlägt. Außerdem ist "Harry Potter" ja wahrhaft keine schlechte Literatur.

Die Geschichte beginnt damit, dass Marko Theunissen, der adoleszente Ich-Erzähler, den Leser ganz in Holden-Cauldfield-Manier anspricht: "Dass etwas mit mir nicht stimmte, merkte ich daran, dass ich wieder diese Träume hatte. Ich werde sie euch nicht erzählen. Nur so viel, damit ihr ein Bild habt." Natürlich erzählt er uns dann diese Träume, natürlich geschwätzig wie Holden Cauldfield, und prompt hat man ein Bild. Es zeigt Schwester Gemeinnutz, die geistliche Erzieherin des Helden, in Gestalt eines grauen Drachens mit Kaninchenlippen und glühenden Augen ihre Runden durch das Collegium Aureum ziehen, und wer sich an dieser Stelle nicht ein Stück in Hogwarts wähnt, ist tatsächlich HP-resistent.

In Wahrheit ist jenes Collegium Aureum natürlich keine geografisch schwer verortbare Ausbildungsstätte für Jungmagier, sondern ein katholisches Schulinternat im deutschen Münsterland, "nicht das teuerste. Auch nicht das feinste. Sondern einfach das beste." Wie es sich für ein bestes Internat gehört, gibt es dort spartanisch eingerichtete Zimmer, eine üble Küche, strenge Ausgangsregeln und eine Schar von Mönchen (im Buch heißen sie stereotyp "die Schwatten", also die Schwarzen), die alles mit überirdischem Auge observieren.

Das Problem ist nun nicht, dass es einer in den 1970ern angesiedelten Geschichte über ein deutsches Schulinternat an zeitgeistiger Windschlüpfrigkeit dezidiert mangelt - im Gegenteil, das gehört sich wohl auch so; das Problem ist auch noch nicht, dass Paul Ingendaay, verdienstvoller Literaturkritiker, Kulturkorrespondent der Frankfurter Allgemeinen Zeitung in Madrid und Mitherausgeber des Werks von Patricia Highsmith, einstens möglicherweise selbst ein Internat besucht hat - das steht ihm voll und ganz zu; das Problem ist vielmehr, dass man sich des Letzteren absolut sicher ist, wenn man den Roman schließlich zu Ende gelesen hat. Ingendaay war im Internat, keine Frage, und er möchte offenbar, dass die Welt ausgiebig erfährt, was sich dort zugetragen hat an Lust und Leid, an Zungenküssen und Latein.

Der enge autobiografische Bezug scheint dazu zu führen, dass einen der Autor über die gesamte Länge der Geschichte hinweg mit Internatsspezifika überhäuft, die mit Fortdauer ziemlich lästig werden. Die "Fettläppchen" genannten Fleischgerichte, die man in der "Schädelstätte", dem Speisesaal des Internats, ständig auf den Teller bekommt, sind das vielleicht drastischste Beispiel für jene Dinge, die einem buchstäblich den Appetit verderben. Daneben bleiben die Figuren eindimensional und blass, Markos Freunde verlieren in gedehnten spannungsarmen Dialogen ihre Individualität, und nicht einmal Bruder Georg, jener Ordensgeistliche, der den Jugendlichen am nächsten steht und am Ende an der Unlösbarkeit seiner inneren Konflikte zerbricht, gewinnt wirklich Kontur.

Da hilft es auch nichts, dass mittels eines geheimnisvollen, vom Hausmeister des Klosters gehüteten "Buches der Ordnungen" eine Art Krimihandlung eingebaut wird, oder dass die unter durchaus glaubwürdiger Verklemmung abgewickelte Scheidungsgeschichte der Eltern als psychodynamische Basis der seelischen Nöte des Protagonisten herhalten muss. Die 500 Seiten werden zunehmend eine Last, und das Gefühl, eine autobiografische Sammlung von Internatsanekdoten vor sich zu haben, die vor allem unter Aufbietung eines unendlich langen Atems zu einem Roman verknüpft wurden, lässt einen leider nicht mehr los.

Ab und zu, das sei am Ende nicht verschwiegen, begegnet man in Ingendaays Buch blitzlichtartigen Szenen, die in ihrer pointierten Eindringlichkeit zeigen, wie dieser Roman auch werden hätte können, etwa wenn Marko versucht, sich mit seiner älteren Schwester über die Eltern zu unterhalten, oder wenn Söffi erst das Bier bringt und dann das Messer zieht. Mehr davon vielleicht beim nächsten Mal.

Paulus Hochgatterer in FALTER 18/2006 vom 05.05.2006 (S. 71)


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