Der blaue Cinquecento
Geschichte meiner Familie im Schatten des Terrorismus

von Mario Calabresi, Michaela Wunderle

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: SchirmerGraf
Erscheinungsdatum: 01.03.2008

Rezension aus FALTER 17/2008

Calabresi e Pinelli

Der italienische Journalist Mario Calabresi hat ein Buch über seinen Vater geschrieben: Luigi Calabresi war ein Mailänder Polizeikommissar, der 1972 ermordet wurde, als er in sein Auto steigen wollte, das dem Buch nun den Namen gibt: "Der blaue Cinquecento". "Calabresi assassino" ist einer der bekanntesten Slogans des italienischen roten Jahrzehnts. Warum galt das Mordopfer als Mörder? Calabresi ermittelte gegen die Täter eines Bombenanschlags auf eine Bank im Zentrum von Mailand, bei dem 1969 16 Menschen ums Leben kamen. Zahlreiche linke Aktivisten wurden festgenommen, obwohl die Tat einen rechtsradikalen Hintergrund hatte. Spektakuläre Anschläge sollten die Bevölkerung verunsichern und den Ruf nach einem autoritären Staat laut werden lassen. Während eines Verhörs stürzte der Anarchist Giuseppe Pinelli aus dem Fenster und starb. Dario Fo verarbeitete den Stoff übrigens in dem Stück "Zufälliger Tod eines Anarchisten". Obwohl sich Calabresi zu diesem Zeitpunkt nicht im Zimmer aufhielt, wurde er in der Underground-Presse als Täter angeprangert. Erst 1988 wurden vier Mitglieder der politischen Gruppierung Lotta Continua, darunter der Publizist Adrian Sofri, für dieses Verbrechen verurteilt.
Journalistische Recherche und Objektivität sind Mario Calabresis Sache nicht. In bewegenden Worten und mit Fotos aus dem Familien­album erzählt er vom harten Leben seiner Mutter, die als Frau Mitte zwanzig allein mit drei Söhnen dastand. Calabresi sucht auch andere Familien auf: die Tochter eines Arztes, der erschossen wurde, weil er gegen Krankenpfleger aussagte, die als Sabotageakt Blutkonserven vernichteten. "An dem Tag, an dem mein Vater umkam, starb auch meine Mutter", erzählt die Tochter eines ermordeten Carabinieri.
Über das Leben und die Tätigkeit des Vaters erfährt man wenig, der historische Hintergrund ist als Stimmung präsent. Die Geschichte von Pinelli und Calabresi steht für die Spaltung des Landes in rechts und links, die sich auch in einer gespaltenen Erinnerungskultur manifestiert. Auf italienische Leser mag das Buch einen kathartischen Effekt haben, für andere ist es das etwas kryptische Protokoll eines nationalen Traumas.

Matthias Dusini in FALTER 17/2008 vom 25.04.2008 (S. 68)


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