Meine zweite Natur

Vom Glück, ein Gärtner zu sein
Derzeit nicht lieferbar
Kurzbeschreibung des Verlags:

Wenn Menschen sich das Paradies vorstellen, gleicht es meist einem Garten. Gärten verkörpern Fülle und Fruchtbarkeit, sie sind Orte der Entspannung und der Fantasie. Doch manchmal droht auch hier Ungemach, durchpflügen kleine Nager das so sorgsam geschaffene Idyll, findet der Giersch seinen Weg ins Blumenbeet oder der Frost schaut schon im September vorbei.
Mit viel Humor erzählt Michael Pollan aus seinem Leben als Gärtner, von den vielen kleinen Erfolgen und Misserfolgen, von der politischen Dimension des Bäumepflanzens oder Sinn und Unsinn des Rasenmähens. »Meine zweite Natur« ist ein Grenzgänger, eine wunderbare Mischung aus Belletristik, Autobiografie und Kulturgeschichte.

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FALTER-Rezension

Dürfen wir es töten? Ja, es ist glitschig

Welche Rechte hat die Natur? Zumal wenn sie uns glitschig und schleimig gegenübertritt und uns nicht gefällt? Dürfen wir etwa ein Weichtier töten, weil wir ihm "wertloses Leben" attestieren, es als "Schädling" bezeichnen? Darf der Mensch seinen Lebensraum vernichten, nur weil es ihm vor ihm graust und er nach Ordnung sucht? Die Frage ist beantwortet. Wir nehmen uns das Recht heraus, im Garten zu töten, was nicht gefällt. Aber darf der Mensch noch einen Schritt weitergehen? Darf er die Obrigkeit zu Hilfe rufen, damit sie ihm dabei hilft, sich des Nachbarn Natur vom Leibe zu halten: das morsche Geäst am Boden und das hohe Gras, in dem jene Tiere wohnen, die keine Parzellengrenzen kennen?

Ja, sagt der Verfassungsgerichtshof in einer aktuellen Entscheidung, der Staat darf zu Hilfe kommen. Die Bürgermeisterin von Bernstein im Burgenland darf ihre Bürger per Verordnung dazu zwingen, die Bauparzellen so zu pflegen, dass sie morsches Holz auslichten, zu viel Unkraut vernichten und den Lebensraum jener Tiere beseitigen, vor dem es dem Nachbarn graust.

Über den Fall Bernstein berichtete letzte Woche der Kommunal-Verlag, es blieb eine Randnotiz. Ein Nachbarschaftsstreit zweier verschrobener Schrebergärtner. Der eine will Salat, der andere Wildnis. Und doch ist der Streit von grundsätzlicher, ja, Natur.

Bernstein zwingt seine Bürger, im Garten aufzuräumen. Warum? Lesen wir, was die Gemeinde dem Höchstgericht schrieb: "Weil gebietsfremde Nacktschnecken nicht nur pflanzenzerstörende Schädlinge seien, sondern außerdem für das Empfinden weiter Bevölkerungsteile hochgradig abstoßend und ekelerregend sind. Nicht nur das schädliche Einwirken auf Pflanzen, sondern auch das Erregen von Abscheu und Ekel ist ein für das örtliche Gemeinschaftsleben erheblich störender Missstand."

Schnecken auf den Erdbeeren, das nervt. Aber Ekel vor der Kreatur als "störender Missstand", der den Staat ermächtigt, den Nachbarn zum Naturputz zu zwingen, also zur Entfernung von Brutstätten von Tieren? Deshalb, so die Gemeinde, seien "Rasenflächen, Wiesen oder in Art, Nutzung oder Bewuchs vergleichbare Flächen in angemessenen zeitlichen Abständen, mindestens aber einmal im Kalenderjahr (spätestens bis 30. September) zu mähen" und "Hecken, lebende Zäune, Sträucher und Bäume mindestens einmal im Kalenderjahr (spätestens bis 30. September) auszulichten". Auch "morsche und abgestorbene Teile", das Habitat vieler Tiere, seien "unverzüglich zu entfernen"?

Ja, die Bürgermeisterin darf so eine Verordnung erlassen, nachzulesen ist das im Judikat des VfGH mit der Nummer V85/2021. Die Politikerin selbst sagt, es gehe ihr nicht um "englischen Rasen", bitte nicht missverstehen, auch sie liebe die Natur. Alleine das Landesverwaltungsgericht Burgenland hegte gegen die Verordnung Bedenken. Mit formaljuristischen Argumenten wies das Höchstgericht in Wien diese nun zurück. Die Bürgermeisterin darf als Ortspolizei autonom entscheiden, was ihrem Dorf zuzumuten ist.

Das ist schade, denn der VfGH hätte ein Machtwort sprechen können. Das Umweltbundesamt warnt ja davor, dass der Insektenbestand jedes Jahr um fünf Prozent abnehme. Und die berühmte Krefeld-Studie deutscher Naturschützer stellte schon vor Jahren fest, dass sich die Anzahl der Insekten um rund 75 Prozent reduziert hätte. In nur 27 Jahren. Schuld daran seien intensive Landwirtschaft, Klimawandel, Versiegelung, aber eben auch die aufgeräumten Bauparzellen, in denen nur mehr Pampasgras im Schotterbeet blüht.

Der VfGH hätte sich ja, wenn schon nicht am "Bundesverfassungsgesetz über den umfassenden Umweltschutz", zumindest an dem Diktum unseres Tierkolumnisten Peter Iwaniewicz orientieren können, der darauf drängt, man möge schon Kinder so erziehen, dass sie beim Anblick eines Insekts nicht "Iiiiiiiih!" schreien, sondern erstaunt "Wow!" ausrufen. Eine Spinne wird spannend, wenn man ihre vielen Augen in der Becherlupe betrachtet.

Aber so weit sind wir noch nicht, obwohl wir am Sonntag den "Tag der Biodiversität" feierten und dabei vor dem "Sechsten Massenaussterben" warnen, also dem Verschwinden von etwa einer Million Tierund Pflanzenarten innerhalb der nächsten Jahrzehnte. Vor allem Medien berichten über unerwünschte Tierpopulationen wie über den Feind an der Front. Wir bestaunen die in Museen aufgespießten Insekten, aber wir killen sie mit Giftgas, wenn sie uns umschwirren. Wer mit offenen Augen durch Baumärkte spaziert, der erkennt, wie sehr wir der Natur den Krieg erklärt haben. Baumarktregale gleichen Waffenarsenalen gegen Maulwürfe, Schnecken und Ameisen. Dass der "Moostod" auch das Eichhörnchen erledigt, das steht im Kleingedruckten. Der Garten mit morschem Holz ist eine Brutstätte, die "ausgelichtet" gehört.

Der Kommunal-Verlag illustrierte seine Meldung über das VfGH-Erkenntnis, übrigens mit einem Tigerschnegel, offenbar hielt ihn die Redaktion für eine Nacktschnecke. Iiiih? Aaaah! Er hat nicht nur wilden Sex, weil er sich mit seinem Partner mit Samenfäden von Bäumen pendeln lässt. Der Schnegel frisst auch gern die Gelege von Nacktschnecken.

Florian Klenk in Falter 21/2022 vom 27.05.2022 (S. 6)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783865814579
Erscheinungsdatum 24.02.2014
Umfang 368 Seiten
Genre Sachbücher/Natur, Technik/Natur, Gesellschaft
Format Hardcover
Verlag oekom verlag
Übersetzung Eva Leipprand
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