Provinz

Von Orten des Denkens und der Leidenschaft
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Kurzbeschreibung des Verlags:

Die Provinz hat keinen guten Ruf. Sie gilt als verschlafen, rückständig und piefig. »Provinziell« zu sein, lässt sich daher niemand gerne nachsagen. Wer hip, modern sein und am Puls der Zeit leben will, muss sich in Berlin oder einer der Metropolen dieser Welt herumtreiben.
Vergessen wird jedoch oft, dass das geistige und kulturelle Leben Deutschlands jahrhundertelang in der Provinz stattfand und bis heute stattfindet – man denke nur an Weimar, Heidelberg, Tübingen oder Marburg. Eine Metropole gab es lange Zeit nicht. Die Provinz war Ort des Aufbruchs, des intellektuellen und wirtschaftlichen, aber auch des erotischen, wie die französische Literatur des 19. Jahrhunderts belegt.
Von Würzburg über Bochum und Siegen nach Palo Alto: Der Weltbürger Hans Ulrich Gumbrecht hat fast ausschließlich in der Peripherie gelebt. Da, wo sich Hightech-Unternehmen, Forschungsinstitutionen und viele der besten Universitäten der Welt befinden. Das Silicon Valley steht paradigmatisch für diesen Trend. Ist die Provinz vielleicht doch besser als ihr Ruf?

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FALTER-Rezension

In der Provinz soll nichts los sein? Von wegen!

Soziologie: Hans Ulrich Gumbrecht sieht die oft geschmähte Provinz als Nährboden für Spitzenleistungen

Halten wir uns nicht lange mit den gängigen Vorurteilen auf. Wir kennen sie alle: In der Provinz sei nichts los und höchstens die Langweile zuhause, wird gern hämisch behauptet; meist von Leuten, die selbst aus der Provinz stammen, um nun aus hauptstädtischer Perspektive auf sie herabzublicken. Wenig kulturelles Angebot, dafür umso mehr Kleingeist und Rückständigkeit erkennen sie im Rückspiegel an den Orten der Peripherie. Man hat sich daran gewöhnt, dass der Begriff mit einer abwertenden Konnotation verbunden ist. Umso überraschender kommt das Buch „Provinz. Von Orten des Denkens und der Leidenschaft“, das viele Klischees locker vom Tisch wischt, indem es auf das enorme Potenzial kleiner bis mittelgroßer Städte und suburbaner Räume hinweist. Geschrieben hat den intellektuell anregenden und mit eigenen biografischen Erinnerungen durchsetzten Essay ein sogenannter Mann von Welt.

Hans Ulrich Gumbrecht, geboren 1948, ist keiner, dem man Provinzialität vorwerfen würde. Der deutsche Literaturwissenschaftler und Philosoph hat sich über die Jahrzehnte den Ruf eines leidenschaftlichen Denkers erarbeitet. Die NZZ schrieb zu seinem 70. Geburtstag: „Bei ihm wäre zu lernen, worin der Nutzen der Geisteswissenschaften für das intensive Leben besteht.“ Gumbrecht ist auch nach seiner Emeritierung ein neugieriger Forscher und lebenshungriger Mensch geblieben. So erfolgreich seine Laufbahn verlief, zeigt sich bei genauerem Hinsehen auch: Seine Wirkungsstätten waren nie die Metropolen. Die ersten Professuren hatte der in Würzburg aufgewachsene Geisteswissenschaftler in Bochum und Siegen, wohin er Jean-Francois Lyotard oder Niklas Luhmann einlud. Die Siegener Gesamthochschule führte weniger später das Ranking der deutschen Universitäten an.

Gumbrecht folgte 1989 dem Ruf nach Stanford, das abgesehen von seinem Namen als Universitätsstadt auch nur ein Ort in Kalifornien mit nicht einmal 14.000 Einwohnern ist. „Ohne großen Lokalpatriotismus in Würzburg aufgewachsen“, resümiert Gumbrecht seinen Weg, „habe ich fast das ganze Leben in Provinzstädten verbracht, mit den üblichen Einbrüchen von Sehnsucht nach einer Metropole. So wird man zum Provinztyp, ohne wirklich zu wissen, was dies bedeutet, weil sich jeder Provinzort in anderer Weise bewegt.“

Mit der Berlin-Begeisterung vieler Deutscher kann er wenig anfangen. Ganz anders verhalte es sich in Spanien, Frankreich oder England: „In Madrid, Paris oder London arbeitet man harte fünf Werktage in Ministerien, Hochschulen oder Exportunternehmen, mietet das engste verfügbare Zimmer und wartet aufs Wochenende im eigenen Haus an der provinziellen Peripherie.“ In seinem leidenschaftlichen Essay reklamiert Gumbrecht Kleinstädte nicht nur als Orte guten Lebens, sondern vor allem als Stätten des Denkens, wo fernab der großstädtischen Hektik konzentriertes Arbeiten möglich sei. Provinz definiert er für sich als das, was zwischen Dörfern und Metropolen liegt und diese beiden Kontrapunkte auch braucht, „um zwischen Dumpfheit und Helligkeit zu oszillieren, in Leidenschaft und Intellekt“.

Seinen kleinen historischen Streifzug beginnt er in Weimar, wohin es Goethe im Alter von 26 Jahren verschlug. Ob Goethe, Schiller und Wieland in Frankfurt oder anderen Städten Ähnliches hervorgebracht hätten wie die Weimarer Klassik? Das bezweifelt Gumbrecht sehr. Unter der Herzogin Anna Amalia herrschte hier ein günstiges Klima für eine geistige und kulturelle Entfaltung, die die besten Köpfe anzog. Wäre später nicht auch Schiller nach Weimar gekommen, so hätte wohl nie ein intensiver Austausch zwischen ihm und Goethe stattgefunden.

Gumbrecht singt aber kein reines Loblied auf die Provinz, er kennt auch ihre Gefahren: Wo „intellektuelle Geselligkeit als Alltag und freie Verfügung über die Zeit im Leben der Provinz konvergieren, da liegt die Chance von Kontemplation (…). Dass die enge soziale Welt einer Provinzstadt wie Weimar umgekehrt gerade auch zu Blockaden des Denkens und zur Akkumulation von Enttäuschungen hätte führen können, liegt auf der Hand.“ Die Reise endet in Stanford und im suburbanen Silicon Valley, an dem Gumbrecht trotz aller zuletzt laut gewordenen Kritik am Gebaren der dortigen IT-Branche als dem Hotspot unserer Zeit festhält. Hegel würde heute hier den Ort des Weltgeists erkennen, ist er überzeugt. Man muss seinem Essay nicht in allen Punkten zustimmen, aber er ist über weite Strecken sehr erfrischend und bisweilen überraschend.

Sebastian Fasthuber in Falter 42/2021 vom 22.10.2021 (S. 50)

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Produktdetails
Mehr Informationen
Reihezu Klampen Essays
ISBN 9783866748149
Erscheinungsdatum 27.09.2021
Umfang 224 Seiten
Genre Belletristik/Essays, Feuilleton, Literaturkritik, Interviews
Format Hardcover
Verlag zu Klampen Verlag
Herausgegeben von Anne Hamilton
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