Briefwechsel

von Thomas Bernhard, Siegfried Unseld

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Gelesen von: Peter Simonischek
Gelesen von: Gert Voss
Verlag: Der Hörverlag
Format: Audio CD
Genre: Belletristik/Briefe, Tagebücher
Umfang: 237 Minuten
Erscheinungsdatum: 15.01.2009

Rezension aus FALTER 19/2009

Eisblumen für das Ungeheuer aus Frankfurt

Dass ein Hörbuch schneller erscheint als das bedruckte Papier, ist ungewöhnlich. Die Beziehung zwischen Thomas Bernhard und dem Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld war aber zeitweise so kompliziert, dass der Suhrkamp-Verlag die Edition immer wieder aufschob, um ­große Lücken im Briefwechsel der kaufmännischen Charismatiker mit Tage­buchaufzeichnungen Unselds aufzu­füllen.
Das dauert voraussichtlich noch bis August. Der Hörverlag hat dagegen längst eine abgespeckte Version erstellt, in der die spitze Feder Bernhards und die beschwichtigende Unselds schon mal mit Macht übers Papier ans Ohr kratzen: Gert Voss, eben der aus Bernhards "Ritter, Dene, Voss", seufzt und ächzt mit fleischgewordener Leidenschaft als Unseld unter den Launen des Autors, dass man ihm geradezu beistehen möchte. Und noch ein Burgschauspieler, nämlich Peter Simonischek, kontert so überzeugend mit ausbrechender Wut und stiller Resignation, dass man glaubt, überhaupt nur dieses Hörbuch sei in der Lage, das Drama dieses Paars in berührender Dreidimensionalität ab-zubilden.
Für Bernhard ist Unseld in besten Zeiten das "Frankfurter Ungeheuer, dem ich völlig verfallen bin"; und Bernhard umgekehrt für Unseld der intime Überbringer von "Eisblumen der Vereinsamung und Verzweiflung", den er immer dann persönlich besucht, wenn Briefe nichts mehr ausrichten und Bernhard mit Verlagswechsel droht. Mit einem großzügigen Darlehen für Bernhards Ohlsdorfer Vierkanthof, seinem "Narrenhaus" und "Arbeitskerker", beginnt die Beziehung zwischen Suhrkamp/Insel und Thomas Bernhard 1961, und fortan geht es in den Briefen bis zu Bernhards Tod im Jahre 1989 viel um Geld.
"Wie, stellen Sie sich vor, lebt ein Mensch mit einem Bauch?", kommt es unverblümt von Bernhard, und Unseld, eine Mischung aus Therapeut und Geschäftsmann, hält den Bittsteller mit genauen Zahlen hin. Immerzu fühlt sich Bernhard unzureichend gewürdigt und klagt über schlechte Werbung oder alles: Deutschland, den Verlag als "anonyme gegnerische Kraft" und über Österreich sowieso. Und so geht es immer weiter: Bernhard will haben, plant geschickt seine vielen Veröffentlichungen (damit "das eine Buch dem anderen das Kritikerwasser" nicht abgräbt) oder bunkert sich beleidigt ein. Unseld beruhigt, bleibt hart oder gibt nach. Nur in Reisenotizen, die auch das Hörbuch schon enthält, vermerkt er doch einmal erschöpft und so deutlich wie nie, dass die "Sensibiliät, Empfindlichkeit, Neurose" Bernhards nun ihren Gipfel erreicht hätte. Dann wieder beschreibt er so zartfühlend ein Treffen, dass die Schilderungen den Zuhörern Empathie abverlangen.

Die Skandale um "Holzfällen" und "Heldenplatz" erfahren hier noch einmal eine Nachbelichtung, und wer sich gegen das Regietheater mit Bernhardsuaden aufmunitionieren will, wird natürlich auch fündig – etwa wenn der Autor wieder einmal die "hundsgemeine Hinschlachtung" eines seiner Theaterstücke an den Münchner Kammerspielen erleben muss und sich darüber empört, dass man sein Stück "Der Ignorant und der Wahnsinnige" einem Dramaturgenteam überlassen habe, "das aus Idioten, tatsächlich aus ordinären Provinzidioten besteht, und einer Schauspielergarnitur, die in St. Pölten oder in der Kurstadt Baden bei Wien sich austoben kann an einer Lehár-Operette, nicht aber, und niemals auf eine meiner Arbeiten losgelassen werden hätte dürfen".
Dank seiner beiden Protagonisten erinnert die Dramaturgie des Briefwechsels selbst an die eines Bernhard-Stücks. Und dennoch blitzt bei all der ewigen Streiterei immer wieder eine Nähe auf, die überrascht und von der eigentümlichen emotionalen Tiefe dieser komplizierten Zwangs-ehe zeugt.

Anja Hirsch in FALTER 19/2009 vom 08.05.2009 (S. 28)


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