Horror und Ästhetik
Eine interdisziplinäre Spurensuche

von Christian Stiegler, Claudio Biedermann

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: UVK
Format: Taschenbuch
Genre: Kunst/Fotografie, Film, Video, TV
Umfang: 2 Seiten
Erscheinungsdatum: 01.06.2008

Rezension aus FALTER 42/2008

Mimetisches Mitatmen im Reich der Scheintoten

Mit dem Welterfolg von "The Sixth Sense" wurde vor rund zehn Jahren das Genre Horrorfilm wieder salonfähig. Seither gehören als Blockbuster konzipierte Gruselfilme wieder zum festen Repertoire großer Verleiher in den Vereinigten Staaten. Aber auch in Europa wächst ein kreativer Horrornachwuchs heran: Allein aus Spanien kamen mit "[REC]" und "El Orfanato"/"Das Waisenhaus" im Vorjahr zwei moderne Euro-Horrorinterpretationen ins österreichische Kino. Zeit also für den entsprechenden theoretischen Unterbau.
Der von Claudio Biedermann und Christian Stiegler herausgegebene Band "Horror und Ästhetik" ist das Ergebnis eines in Wien abgehaltenen Symposiums mit internationalen Vortragenden aus den Bereichen Literatur und Filmtheorie. Alle 19 Autorinnen und Autoren nähern sich dem Thema auf ungewohnten Pfaden. So analysiert etwa Mitherausgeber Christian Stiegler die menschliche Atmung im Horrorfilm als Zeichen des gefährdeten Lebens, das zugleich auffordert, sich mimetisch mitzuängstigen. Wie beim automatischen Mitgähnen, so Stieglers These, atmen wir auch in Horrorfilmen mit den Verfolgten schneller, ein Vorgang, der eine unmittelbare, körperliche Angst schürt.
Julia Köhne, Dozentin am Wiener Institut für Zeitgeschichte, untersucht den "Konnex von Blut und Trauma" in Brian de Palmas Stephen-King-Verfilmung "Carrie". Und der Bonner Filmkritiker Stefan Höltgen überlegt in seinem Beitrag "Es hat (nicht) geschmeckt", welches Bedürfnis des Filmkonsumenten eigentlich mit Kannibalenfilmen gestillt wird. Ganz speziell interessieren ihn dabei die aktuellen "verständnisvollen" Filmannäherungen an den Fall des "Kannibalen von Rothenburg".
Der deutsche Filmpublizist Marcus Stiglegger argumentiert mit Julia Kristeva, dass mit jedem Horrorfilmmonster ein Teil unseres eigenen verdrängten Ichs auftrete. Mit großem Vergnügen liest man seinen kenntnisreichen Spaziergang durch die Welt der Werwolf-Filme. Die Tatsache, dass es in Spanien in den 60er- und 70er-Jahren einen veritablen Werwolf-Boom im Kino gab, beleuchtet dabei jene Tradition, der die Monstren aus "[REC]" oder "Eskalofrío" (der heuer auf der Viennale zu sehen ist) entstammen.
Die Dresdner Soziologinnen Grit Grünewald und Nancy Leyda kombinieren in einem Aufsatz über die "Theatrale Inszenierungspraxis innerhalb der Schwarzen Szene" die filmische mit der soziologischen Betrachtung. Dieser Text gehört aufgrund inhaltlicher wie sprachlicher Unbeholfenheit allerdings auch formal zu den schwärzesten Momenten des Bandes. Überhaupt hätte man sich von den Herausgebern mehr editorische Sorgfalt gewünscht. Der Umgang mit Fußnoten und Anhang (es gibt weder ein Stichwortverzeichnis noch Biografien der Autoren) ist wenig liebevoll.
Ein Grundsatztext zur aktuellen Renaissance des Kinohorrors, wie man ihn sich von einem solchen Band wünscht, stammt von Drehli Robnik: "Angesichts der neuen Normalität eines Prekaritäts", formuliert der Wiener Autor, DJ und Dozent, "hat eine medienkulturelle Bildpraxis wie der Horrorfilm noch die Chance, die Idee einer ,Ausnahme von der Ausnahme', die Verheißung einer Unterbrechung aufrechtzuerhalten, und sei es als Drohung mit der Sterblichkeit als Endlichkeit." Und will damit sagen: Überall ist es besser, wo wir nicht sind. Vielleicht sogar im Reich der Toten.

Maya McKechneay in FALTER 42/2008 vom 17.10.2008 (S. 49)


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