Joseph A. Schumpeter
Eine Biografie

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Murmann Publishers
Genre: Naturwissenschaften
Erscheinungsdatum: 05.11.2008

Rezension aus FALTER 23/2009

Der Österreicher im Schatten von Keynes

Es gab eine Zeit, da galt Joseph Schumpeter als bedeutendster lebender Ökonom. Allerdings erst, nachdem John May­nard Keynes tot war. Und da hatte auch Schumpeter nicht mehr allzu lange zu leben. Er haderte damit, dass er gerade in den Jahren seines größten Ruhms immer im Schatten des politisch so einflussreichen britischen Jahrhundertökonoms Keynes stand. Erst seit Ende der 80er-Jahre war Schumpeter posthum wiederentdeckt worden, weil sein Œuvre als Stichwortverzeichnis eines Paradigmenwechsels taugte. Denn Schumpeter war jener Ökonom, der den Unternehmer, den risikofreudigen Innovator, regelrecht besungen hatte. Gerade das Richtige für den flexiblen Dot.com-Kapitalismus der vergangenen Jahre.

Aber wie Keynes war auch Schumpeter kein Zahlenhengst und Kathedertyp. Er war eine faszinierende, exzentrische Figur. Beinahe 800 Seiten hat Thomas K. McCraws monumentale Schumpeter-Biografie, aber langweilig wird dem Leser kaum. Das Buch ist Lebenserzählung, Charakterstudie, aber auch eine "Biografie" ökonomischer Ideen und ideologischer Kontroversen.
Schumpeter wurde 1883 in Böhmen geboren, nach dem frühen Tod des Vaters ging die Mutter mit dem Sohn erst nach Graz, dann nach Wien. Dank geschickter Heirat der Mutter konnte der Bub das Theresianum, eine Eliteschmiede der Aristokratie und des Spitzenbürgertums, besuchen. Er studierte an der Uni Wien, wurde dann Professor in Czernowitz, später in Graz. Kurzfristig war er, obzwar ein eigenartiger Konservativer, Finanzminister in der ersten republikanischen Regierung unter dem Sozialdemokraten Karl Renner. Er scheiterte, nur um danach als Bankier ein noch größeres Debakel zu erleiden. Es folgten private Tragödien, ein Ruf als Professor nach Bonn und dann der Durchbruch – seine letzten 20 Jahre wirkte Schumpeter als Zentralfigur der Wirtschaftswissenschaften an der Harvard University.
Als Wissenschaftler war er von einer Akri­bie, die an Lebensuntüchtigkeit grenzte: Er schrieb monumentale Studien über die Geschichte ökonomischer Theo­rien und über Konjunkturzyklen, an einem Buch über "Geld" arbeitete er jahrelang vergebens. Den Durchbruch als Autor schaffte er erst mit einem eher essayistischen Werk, das er selbst als populär abtat – "Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie" –, aber für immer verbunden ist die "Schumpeter'sche Ökonomie" mit seiner Theorie des Unternehmertums. "Gewöhnlich wird nur das Problem betrachtet, wie der Kapitalismus mit bestehenden Strukturen umgeht, während das relevante Problem darin besteht, wie er sie schafft und zerstört", schrieb er. Der Kapitalismus ist ja innovativ, aber es ist nicht "der Kapitalismus", der Innovationen schafft, sondern ein spezifischer Menschenschlag, dessen kreativen Potenzialen der Kapitalismus freien Lauf lässt. Ein Typus – der Typus des Unternehmers. "Zuversichtlich außerhalb der vertrauten Fahrrinne zu navigieren und Widerstand zu überwinden, verlangt Fähigkeiten, die nur in einem kleinen Teil der Bevölkerung vorhanden sind", formuliert er. Es ist dieser Menschentypus, der für beständige Mutation sorgt.
Es sind diese Abenteurer und Willensmenschen, die einen "Prozess der ‚schöpferischen Zerstörung'" am Laufen halten – die Wendung von der "schöpferischen Zerstörung" sollte schnell ein geflügeltes Wort werden. Schumpeters Ökonomie war, wie jede große Ökonomie, nicht mathematisch exakt, sondern von Psychologie geprägt: Der erfolgreiche Unternehmer ist "egoistisch gefärbt", ein Neuerer und radikaler Individualist, hat Siegeswillen, Sportsgeist und eine Prise Spieltrieb. Der ist natürlich von weit mehr angetrieben als vom Eigennutz, den man dem Homo oeconomicus zuschreibt.
Der Ökonom Schumpeter war weniger von der Stabilität und vom ökonomischen Gleichgewicht fasziniert, ihn interessierte die produktive Instabilität des Kapitalismus, seine Dynamik. Und seine Zukunftsorientierung. Das Kreditsystem – als Investition in, ja, als Wette auf die Zukunft war für ihn nicht nur ein Element der kapitalistischen Ökonomie, sondern eines seiner zentralen Wesensmerkmale.
Schumpeter hatte unzählige hellsichtige Ideen – lag aber oft ziemlich daneben. Er war optimistisch, was die Innovationsfähigkeit des Kapitalismus betraf, aber ziemlich pessimistisch, was seine langfristige Überlebensfähigkeit anging, weil niemand den Kapitalismus liebe. Er hatte nichts gegen einen gelenkten Kapitalismus, fürchtete aber, der würde in den Sozialismus übergehen – keine exakt richtige Prognose.

Er hatte das notorische Talent, sich in Min­derheitenpositionen zu manövrieren, haderte aber stets mit sich, weil er keine "Führungspersönlichkeit" sei ("eigentlich bin ich ein Mann ohne Aura"). Er wäre gerne so gewesen wie sein idealisierter "Unternehmer". Er stilisierte sich teils als Dandy, teils als Aristo, teils als Lebemann. Der Tod seiner jungen Frau und seiner Mutter warfen ihn nahezu aus der Bahn. Er war ein Gegner der Nazis, verteidigte in den USA aber die Deutschen, was keine allzu populäre Haltung war, und hielt die Sowjetunion für barbarischer als Nazideutschland – auch mehr ein Vorurteil als politische Klarsicht. US-Präsident Franklin D. Roosevelt, den größten amerikanischen Präsidenten der Neuzeit, verachtete er.
Schumpeters intensivste Schaffensjahre waren die der Großen Depression. Sein Werk war somit von zweierlei geprägt: dem Staunen und der Faszination über Reichtum, Innovation und Wohlstand, die der Kapitalismus schafft – und der stetigen
Möglichkeit der ökonomischen Katastrophe. Die Themen, die Schumpeter beschäftigten, sind sehr aktuelle Themen. Thomas K. McCraw hat ein packendes Buch darüber geschrieben. 

Robert Misik in FALTER 23/2009 vom 05.06.2009 (S. 19)


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