Resilienter Journalismus

Wie wir den öffentlichen Diskurs widerstandsfähiger machen
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Kurzbeschreibung des Verlags:

Robust durch schwierige Zeiten zu kommen, ist zur Schlüsselkompetenz geworden. In Krisenzeiten steigt der Informationsbedarf. Doch viele Menschen sind von ihrer Mediennutzung – insbesondere der Nutzung digitaler Medien – gestresst, manchmal sogar regelrecht überfordert. Nicht selten ziehen sie sich aus dem öffentlichen Diskurs zurück.
Aber wie können Medienschaffende und Mediennutzer mit dem permanenten Ausnahmezustand umgehen? Wie werden die Menschen resilienter in ihrer digitalen Mediennutzung? Und was muss getan werden, damit der Journalismus selbst robuster durch die vielfältigen Krisen kommen kann?
Resilienter Journalismus soll das Positive, das Gelingende sichtbar machen. Auch wenn Kritik an den Medien geübt wird, ist dieses Buch weniger kritikorientiert, als konstruktiv angelegt: Den Herausgebern ist es gelungen, 40 kluge Positionen zu versammeln, die sich für einen widerstandsfähigen Journalismus stark machen. Sie reflektieren seine aktuellen Potenziale und Probleme. Es geht etwa um das Engagement des Journalismus gegen die Klimakrise, neue Spielarten des Lokaljournalismus, redaktionelles Chance statt Change Management, berufsethische Zwickmühlen und den Dialog mit dem Publikum. Zu den Autoren gehören erfahrene Medienprofis, journalistische Gründer, Nachwuchstalente, Autodidakten, renommierte Wissenschaftler sowie Führungskräfte.
Dieses Buch richtet sich an alle Medienschaffenden und Mediennutzer, die sich mit der Frage beschäftigen, wie es gelingen kann, den Journalismus – und damit auch den öffentlichen Diskurs – widerstandsfähiger, resilienter zu machen.

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FALTER-Rezension

"Der Journalismus arbeitet auf Twitter gegen sich"

Journalismus muss die sozialen Medien fluten, Journalisten sollen dort mit Usern kommunizieren - das war das Credo der letzten Jahre. Doch ist das immer noch so, wenn sich die Krisen überlappen und die Lage unübersichtlich wird? Sollte der Journalismus nicht besser wieder langsamer werden statt "sofortistisch" und "aktivistisch"? In einem soeben erschienenen Sammelband ("Resilienter Journalismus. Wie wir den öffentlichen Diskurs widerstandsfähiger machen", Halem-Verlag) beschäftigen sich Medienschaffende mit der Zukunft des Journalismus in Zeiten der sich überlagernden Krisen. Den programmatischen Einleitungstext schrieb der Kommunikationswissenschaftler Stephan Weichert. Er leitet das Vocer Institut für Digitale Resilienz, einen gemeinnützigen, unabhängigen Thinktank, der Forschung betreibt, Medienunternehmen berät sowie Workshops und Akademien für Medienschaffende zur digitalen Transformation anbietet.
Falter Herr Weichert, Sie raten uns

Medienleuten dazu, Twitter zu verlassen, weil wir uns selbst zerstören. Woher kommt Ihre Sorge?

Stephan Weichert: In diesen Zeiten der sich überlagernden Krisen erleben wir eine massive Überforderung und Reizüberflutung von Medienschaffenden und Konsumenten. Schon die Pandemie hat gezeigt, dass Homeoffice für Redakteure nicht einfach ist: digitale Workflows, digitale Kommunikation, nervöse Debatten auf Social Media, in denen sich alle gegenseitig diskreditieren -das geht vielen ganz schön an die Nieren. Die Gefahr, in ein Burn-out zu laufen, ist -das wissen wir aus unseren Bildungsangeboten -derzeit immens.

Sie behaupten, dass Journalisten auf der Twitter-Bühne vor allem dem Publikum gefallen wollen. Das sei das Ende des Journalismus, der auf Wahrheitsfindung, Zweifel und kühle Distanz gründet.

Weichert: Ich habe bis vor wenigen Jahren die Vorzüge der sozialen Medien gepriesen und Medienschaffenden erklärt, dass sie dort omnipräsent sein müssen, um junge Zielgruppen zu erreichen. Doch gerade während der Corona-Zeit wurde ich skeptischer, ob die Medien nicht sich selbst und ihrer Glaubwürdigkeit schaden, je mehr sie sich dort aufhalten, posten und eben auch ihre Wahrheiten verbreiten. Der Zweifel ist offenbar aus der Mode gekommen, aber es gibt zum Glück auch Journalistinnen und Journalisten, die das erkennen und die Kommunikation auf Twitter und bei Facebook satthaben. Unsere Debattenkultur ist dort aus dem Ruder gelaufen.

Das klingt ganz anders als das, was Medienforscher bisher gepredigt haben. Sie rieten ihren Studierenden dazu, Texte in sozialen Medien zu vermarkten, dort liege die Zukunft.

Weichert: Ja, der Appell ist im Kern unverändert richtig: Baut eine Infrastruktur auf, geht dahin, wo die jungen Zielgruppen sind. Aber es darf nicht selbstzerstörerisch werden und zum Kollabieren des digitalen Journalismus führen. Nach Brexit, Trump und Corona sehen wir, dass vieles, was in den sozialen Netzwerken stattfindet, sehr toxisch ist. Auch Journalismus arbeitet in sozialen Medien zuweilen gegen sich selbst - gegen das eigene Berufsethos.

Zeit-im-Bild-2-Moderator Armin Wolf, einer der auf Twitter am meisten präsenten österreichischen Journalisten, behauptet jedoch: Wir müssen Social Media mit Journalismus fluten. Damit hat er doch recht.

Weichert: Ich schätze Wolf sehr. Was er sagt, das hat auch bei uns in Deutschland Gewicht. Das Tagesgeschäft sieht mitunter anders aus: Die Akzeptanz journalistischer Inhalte hält sich auf Social Media in Grenzen. Unsere aktuelle Repräsentativstudie zur "Resilienz in der Mediennutzung" am Vocer Institut für Digitale Resilienz bestätigt das: Wir konnten nachweisen, dass die Gefahr eines "News-Burn-out" zunimmt, das heißt, die Leute wenden sich zunehmend von Nachrichten ab und ziehen sich aus den Social Media komplett zurück - vor allem zum Selbstschutz. Ein weiteres Ergebnis: Die Verwechslungsgefahr mit nichtjournalistischen Inhalten wird größer, die Menschen können also kaum noch Privatmeinung, Fake News und professionell gemachte Inhalte auseinanderhalten. Wenn Journalisten auf Social Media ständig aus ihrer Rolle fallen und aktivistische Debatten anführen, indem sie insinuieren, anprangern und diskreditieren, ist dieses Vertrauen angeknackst. Das ist das Schlimmste, was dem Journalismus passieren kann: dass die Branche nicht mehr als Kontrollinstanz der Mächtigen gesehen wird, sondern als ein Teil von ihnen.

Zu welcher Social-Media-Strategie raten Sie Medienunternehmen?

Weichert: Oft hören wir, dass Redaktionen vor allem bei Facebook so sehr mit Hass und Hetze zugemüllt werden, dass sie gar nicht mehr wissen, wo ihnen der Kopf steht. Wir haben dafür Moderationsstrategien entwickelt. Ich glaube zum Beispiel, dass eine Präsenz bei Youtube für die Öffentlich-Rechtlichen relativ gut funktioniert, weil man dort in sich geschlossene Beiträge veröffentlicht. Es gibt gut gemachte Journalismusformate bei Instagram und clevere Postingstrategien bei LinkedIn. Aber am Ende des Tages muss man sich fragen: Geht es um Reichweite oder auch um Qualität? Kann ich einen konstruktiven Dialog über diese Kanäle führen? Was entgeht mir, wenn ich auf Tiktok nicht präsent bin? Wie hoch ist das Glaubwürdigkeitsrisiko für meine Medienmarke?

Wie halten Sie es selbst?

Weichert: Ich lebe schon seit einem halben Jahr auf Social-Media-Diät. Wir coachen inzwischen zahlreiche journalistische Führungskräfte darin, einen ausbalancierten Umgang mit Social Media zu finden, und ich empfehle daher jedem, eine solche Diät auszuprobieren. Man merkt schnell, dass man weniger hektisch wird, was die berufliche und private Digitalkommunikation angeht. Wir müssen aber zudem zivilgesellschaftliche Lösungsansätze finden - und zwar sehr radikale, wenn wir nicht sehr bald das Ende demokratischer Öffentlichkeit, wie wir sie kennen, erleben wollen. Meine Anamnese der digitalen Gesellschaft ist, dass Twitter zum maßgeblichen Trigger geworden ist, der auch an unserer Diskurskultur und damit den Grundfesten der Demokratie rüttelt.

Ist es denn überhaupt möglich, nur ein bisschen an sozialen Medien zu nippen? Jeder, der dort agiert, weiß, dass die Erregung, das "Sich-selbst-Reizen", ein konstituierendes Merkmal sozialer Medien ist.

Weichert: Ich kenne nicht wenige Medienleute, die sich für ihren exzessiven Social-Media-Konsum schämen, aber nicht offen darüber sprechen wollen, weil sie süchtig nach digitaler Anerkennung sind.

Wie kommen wir aus dem Dilemma, dass wir einerseits Digital Citizens sein wollen, aber gleichzeitig keine gereizten Süchtigen?

Weichert: Der im Jahr 2014 viel zu früh verstorbene FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher hat diese Ambivalenz schon früh erkannt, als er 2009 schrieb: "Mein Kopf kommt nicht mehr mit." Er sah vieles vorher, vor allem die Auswirkungen der Digitalisierung auf unser kognitives System, also darauf, wie wir Dinge verarbeiten. Der öffentliche Diskurs ist durch die sozialen Medien zwar schneller geworden, aber besser geworden ist er nicht, sondern er verwahrlost zusehends. Wir erleben eine Verrohung von zwischenmenschlicher Kommunikation. Deshalb muss unsere Gesellschaft in der Digitalisierung resilienter werden. Denn wir sind noch gar nicht auf das vorbereitet, was uns das Metaverse bringt, wo wir als Avatare einander die Köpfe einschlagen können.

Soziale Medien sind einer der Diskursorte der Gesellschaft geworden. Wie kommen wir dort wieder ins Gespräch?

Weichert: Unser gesamtes Social-Media-Ökosystem wird von Tech-Unternehmen aus den USA und China beherrscht. Deren Ziel ist es, maximale Gewinne zu erzielen, nicht die Gesellschaft zu verbessern - obwohl sie das gerne beteuern. Was wir derzeit vorfinden, ist also nicht das, was sich unsere Gesellschaft gewünscht hat, sondern das, was Konzerne missbrauchen, um sehr, sehr viel Geld zu scheffeln. Und das ist ja das Schizophrene: Wir nutzen es alle, schenken Daten her. Die gesellschaftliche Vision müsste aber eine sein, die aus der Zivilgesellschaft heraus entwickelt und zu ihrem Wohle genutzt wird. Vielleicht gelingt es den öffentlich-rechtlichen Medien nun endlich, eine Social-Media-Infrastruktur für ihre Gebührenzahler aufzubauen, die nicht nach Gewinn strebt. Ich sehe die enthüllten Skandale bei RBB und NDR als eine gigantische Chance, diese Reform jetzt anzugehen.

Ein öffentlich-rechtliches Twitter? Viele werden sagen: Das wird nie gehen.

Weichert: Wieso sollte Elon Musk Twitter kaufen können, aber die Idee einer öffentlich-rechtlichen Social-Media-Plattform irreal sein? Wir müssen auch erwägen, dass sich Google, Meta und Amazon irgendwann zusammenschließen. Es ist, wie in dem Roman "Every" von Dave Eggers, überhaupt keine Dystopie, dass es bald einen solchen Superkonzern geben könnte, der unsere Informationssuche, unsere sozialen Medien und unseren Konsum kontrolliert. Aus dieser Abhängigkeit sollten wir uns lieber früher als später befreien.

Ja, aber wie?

Weichert: Die Initiative "Time well spent" setzt sich seit Jahren dafür ein, dass wir einen achtsamen Umgang mit digitalen Medien finden. Heute wissen wir, dass einige der Entwickler und Strategen von Meta, Twitter und Google allen Ernstes ihren eigenen Kindern verbieten, Social Media zu nutzen, weil diese - o Wunder! - süchtig machen. Im Dokudrama "The Social Dilemma" warnt der Erfinder des Like-Buttons von Facebook davor, seine abhängig machende Erfindung zu nutzen. Das zeigt umso mehr, warum wir ein radikales Umdenken brauchen. Es reicht eben nicht, ein Wochenende Digital Detox zu machen, wir müssen uns klarmachen, dass Social Media unser demokratisches Fundament unterminieren und kurzfristig sogar vernichten können. Wie können wir abstellen, dass die sozialen Medien unsere Politiker, aber auch Unternehmen derart vor sich hertreiben?

Strache, Kurz und auch Trump haben Millionen Follower. Ihre Lügen muss man auch auf Social Media kontern. Aber wie?

Weichert: Lügen haben kurze Beine. Deshalb kann man nur hoffen, dass diesen Populisten ihre Erfolge auf den Kopf fallen. Boris Johnson, Kurz und auch Trump sind gute Beispiele dafür, dass es Lügnern an den Kragen geht, wenn Journalisten die Wahrheit ans Licht zerren, statt sich in Mobilisierung und Aktivismus zu üben.

Florian Klenk in Falter 37/2022 vom 16.09.2022 (S. 23)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783869626307
Ausgabe 1. Auflage
Erscheinungsdatum 28.07.2022
Umfang 344 Seiten
Genre Medien, Kommunikation/Journalistik
Format Buch
Verlag Herbert von Halem Verlag
Herausgegeben von Matthias Daniel, Stephan Weichert
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